Wachtendorf-Kolumne Immobilienfonds, Total Return, bAV – schon vergessen?

Blick zurück im Zorn: DAS-INVESTMENT-Kolumnist Egon Wachtendorf. | © Johannes Arlt

Blick zurück im Zorn: DAS-INVESTMENT-Kolumnist Egon Wachtendorf. Foto: Johannes Arlt

Kapital hat das Herz eines Hasen, die Beine eines Rennpferdes und das Gedächtnis eines Elefanten – ein Zitat, das dem ehemaligen italienischen Ministerpräsidenten Giuseppe Pella (1902 – 1981) zugeschrieben wird. Während sich die beiden ersten Eigenschaften auch heute noch nahezu täglich an den Börsen beobachten lassen, scheint die dritte bei den meisten Anlegern nicht mehr sonderlich ausgeprägt zu sein. Andernfalls müssten manche Kapitalströme etwas anders verlaufen, als sie es momentan tun.

Aktuelles Beispiel: der neu entfachte Boom bei offenen Immobilienfonds. In den vergangenen fünf Jahren flossen netto fast 22 Milliarden Euro in diese Anlageklasse, das verwaltete Vermögen stieg zum Stichtag 31. Dezember 2018 auf den neuen Rekordwert von 98,2 Milliarden Euro. Dabei ist es nicht einmal zehn Jahre her, dass offene Immobilienfonds reihenweise ihre Pforten dicht machten und Tausende von Anlegern nur unter hohen Verlusten an ihr Geld kamen. Die Abwicklung einst milliardenschwerer Top-Seller wie SEB Immo-Invest, CS Euroreal oder Kanam Grundinvest ist bis heute nicht abgeschlossen – wann das letzte Objekt verkauft und der Erlös weitergeleitet sein wird, steht in den Sternen. Die Ratingagentur Scope erwartet, dass sich dieser Prozess noch zehn Jahre oder länger hinziehen kann.

Sicher, die zwangsweise Liquidation von fast einem Drittel des vor 2010 in offenen Immobilienfonds angelegten Vermögens war eine der Finanzkrise geschuldete Ausnahmesituation. Zudem gelten heute andere Regeln als damals, um den Handlungsspielraum der Manager zu vergrößern. So müssen Anleger neu gekaufte Anteile mindestens zwei Jahre lang im Depot halten und darüber hinaus eine zwölfmonatige Kündigungsfrist beachten. Ein Restrisiko bleibt dennoch, für das Käufer derzeit nur mit Renditen von um die 3 Prozent vergütet werden.

Kein Ende absehen lässt sich auch bei den Mittelzuflüssen in Mischfonds. Zwar waren es 2018 im Vergleich zu 2017 netto rund 8 Milliarden Euro weniger, doch auch 21,5 Milliarden Euro sind noch eine Menge Holz. Ein Teil des Geldes mag in diesem Segment gut angelegt sein – insbesondere, wenn es in eher dynamische Produkte fließt, in denen Anleihen lediglich dazu dienen, allzu starke Schwankungen an den Aktienmärkten abzufedern. Die Mehrzahl der Anleger scheint jedoch unverändert zu glauben und auch zu erwarten, dass ein zu großen Teilen aus Festzinspapieren bestehender Multi-Asset- oder Absolute-Return-Fonds konstant eine Rendite erwirtschaftet, die 4 bis 5 Prozentpunkte über dem aktuellen Geldmarktzins liegt. Das aber hat schon vor Ausbruch der Finanzkrise nicht funktioniert, wie Käufer der einst milliardenschweren Vorzeigefonds Activest Total Return (heute: Amundi Total Return) und Allianz Dit Euro Bond Total Return (heute: Allianz Euro Bond) bestätigen können. Schon vergessen?

Am erstaunlichsten ist jedoch das Vertrauen, das viele Anleger immer noch dem Staat entgegenbringen. Es zeigt sich nicht nur darin, dass Bundesfinanzminister Olaf Scholz neue Bundesanleihen zeitweise mit Minuszins platzieren kann, sondern auch an aktuellen Umfragen zum Thema Betriebsrente. Demzufolge wünschen sich fast zwei Drittel der Befragten, dass ein Teil ihres Gehalts automatisch in eine betriebliche Altersvorsorge (BAV) umgewandelt wird. Unter welchen Bedingungen derart angespartes Vermögen dann später zur Auszahlung kommt, unterliegt der Willkür des Gesetzgebers – rückwirkende Veränderungen der zuvor vereinbarten Spielregeln nicht ausgeschlossen. Mehr als sechs Millionen gesetzlich krankenversicherte Inhaber von vor 2004 abgeschlossenen Direktversicherungen haben diese Erfahrung bereits gemacht oder werden sie in den nächsten Jahren machen. Ob wenigstens davon etwas hängenbleibt?