Kommentar, Egon Wachtendorf, Chefredakteur DER FONDS

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Wachtendorf-Kolumne

Investment-Strategien: Die Chronologie des Scheiterns

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Lesen bildet, das ist wohl unbestritten. Manchmal verstellt es jedoch auch den Blick auf die Realitäten. Besonders häufig ist das der Fall, wenn es in einem Beitrag – egal, ob Print oder Online – allzu einseitig um das Für und Wider einer Sache geht. Bezogen auf die Geldanlage: Derzeit verstreicht kaum eine Woche ohne größere Abhandlung, warum ein gewisser Investmentstil oder eine von vielen Anlegern seit Jahren befolgte Regel nicht oder nicht mehr funktioniert.

Anschauungsmaterial aus der Praxis, aus dem sich eine solche Meinung ableiten lässt, gibt es zuhauf. Wer sich etwa gegen Trendfolge- oder Value-Investing in Stellung bringen möchte, muss sich nur die Ergebnisse entsprechender Fonds seit 2009 anschauen. Buy and hold wird schon seit Jahren totgeschrieben, die Verfechter von Sell in May geraten gerade in diesen Wochen in die Defensive und auch die Anhänger von Stop-Loss und Cost-Average bekommen immer wieder Gegenwind von Kritikern.

Parallel dazu gibt es natürlich immer wieder Artikel, in denen die an anderer Stelle verrissenen Strategien geradezu als das Nonplusultra erscheinen. Wer darüber ins Grübeln gerät und je nach gerade konsumierter Lektüre die Stellschrauben seines Depots neu justiert, läuft schnell Gefahr, immer einen Tick hinterher zu hecheln – ähnlich wie Schnauzbart-Polizist Till in der zu Unrecht in Vergessenheit geratenen 90er-Jahre-Komödie Eine Wahnsinnsehe von Kult-Regisseur Sönke Wortmann. Das führt, chronologisch aneinandergereiht, zwar nicht unbedingt wie in Wortmanns Film in die Psychiatrie, aber garantiert zu höchst unbefriedigenden Ergebnissen.

Die simple Wahrheit ist: Es gibt an der Börse keine Strategie, die immer und jederzeit funktioniert. Die daraus resultierenden Enttäuschungen lassen sich auf drei Wegen auffangen. Erstens: Anleger nutzen die Methode, die sie am besten verstehen und von der sie so überzeugt sind, dass auch eine ganze Serie negativer Artikel dazu folgenlos an ihnen abperlt. Zweitens: Sie mischen möglichst viele Strategien und vertrauen darauf, dass diese sich nicht nur ausgleichen, sondern am Ende noch einen Mehrwert erzielen. Oder drittens: Sie konzentrieren sich auf die jeweils gerade unbeliebtesten Strategien – aus Gründen der Risikostreuung auf mindestens zwei – und halten so lange durch, bis sich das Bild wieder zu deren Gunsten dreht.

Für jemanden mit der nötigen Disziplin, nach Möglichkeit Drei vorzugehen, wäre aus heutiger Sicht ein Depot aus 50 Prozent Value-Aktien und 50 Prozent Long-Short-Produkten (siehe aktueller Musterdepot-Kommentar) keine schlechte Wahl.

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