Egon Wachtendorf, Chefredakteur DER FONDS

Egon Wachtendorf, Chefredakteur DER FONDS

Wachtendorf-Kolumne

Umlaufrendite, Tagesgeld & Co: Verrückte Zeiten, verrückte Zahlen

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Erinnert sich noch jemand an den Beginn des Kultfilms Der bewegte Mann, als ein indisponierter Radio-Nachrichtensprecher den Puls von Hauptdarsteller Joachim Król im Bruchteil einer Sekunde von null auf 180 und wieder zurück treibt? Ähnlich schockierend müsste auf Anleger eigentlich die folgende, derzeit frei von jedem Versprecher die Runde machende Meldung wirken: Innerhalb von wenigen Tagen haben sich die Renditen zehnjähriger Bundesanleihen nahezu verzehnfacht. Zumindest in normalen Zeiten – also bis vor einem Jahr etwa – hätte das locker für einen Puls von 180 ausgereicht. Damals brachten Bundesanleihen 1,5 Prozent, die Meldung hätte also den Sprung auf ein Rendite-Niveau von 15 Prozent bedeutet. Ein Desaster, an den Finanzmärkten wäre kein Stein auf dem anderen geblieben. Aber heute? Ob es nun 0,06 Prozent oder 0,65 Prozent sind, macht für die meisten Akteure zu Recht kaum einen Unterschied.

Das gleiche mathematische Phänomen beim Tagesgeld, nur andersherum. Vor einigen Tagen bekam ich einen Anruf von meiner Bank, mit der über Jahre hinweg eine Sondervereinbarung für ein entsprechendes Konto bestand. Da es ausschließlich als Gegenkonto für über diese Bank abgerechnete Fondskäufe dient, sollte der Zins immer einen Prozentpunkt über dem üblicherweise gezahlten Satz liegen. Dieser Deal ließ sich schon seit Mitte 2014 nicht mehr aufrechterhalten, nun sollte der Zins ein weiteres Mal sinken: von 0,20 auf 0,05 Prozent. Das entspricht nur noch einem Viertel des vorherigen Satzes, aber ist es ein Drama? Bei einem durchschnittlichen Bodensatz von 50.000 Euro sinkt der jährliche Ertrag des Kontos von 100 Euro auf 25 Euro.

Nichtsdestotrotz lösen Anrufe und Meldungen dieser Art bei manchen Anlegern eine geradezu hektische Betriebsamkeit aus. 0,05 Prozent? Da lässt sich mit dem richtigen Partner doch locker das Zwanzigfache herausholen! Bei den Auslandstöchtern russischer Banken etwa. So zahlt die in Österreich ansässige VTB Direktbank für Tagesgelder 1,0 Prozent, die ebenfalls der österreichischen Einlagensicherung angeschlossene Sberbank Direkt sogar 1,1 Prozent. Ein Lockruf, dem deutsche Anleger in Scharen folgen: In den vergangenen zwölf Monaten vertrauten sie allein der Sberbank Direkt mehr als 500 Millionen Euro an – trotz des Restrisikos, das im Pleitefall des Instituts verbleibt. Und das alles für 525 Euro oder – wenn es statt um 50.000 Euro nur um 10.000 Euro geht – für 105 Euro Mehrertrag im Jahr.

Wer trotz der verrückten Zeiten, in denen Anleger derzeit leben, die Prozentrechnung bemühen möchte, sollte an anderer Stelle ansetzen. Etwa hier: Trotz der aktuellen Niedrigzinsen erscheint eine langfristige Rendite von 6 Prozent für einen globalen Aktienfonds-Sparplan nach wie vor realistisch. Macht bei einem Startkapital von 10.000 Euro und einer monatlichen Rate von 100 Euro über 30 Jahre hochgerechnet ein voraussichtliches Endkapital von 155.400 Euro. Die gleiche Rechnung mit 1,1 Prozent ergibt am Ende nur 56.500 Euro. Das ist ein Unterschied, für den es sich durchaus lohnt, etwas Adrenalin zu aktivieren – und zu handeln.

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