Besser, moderner, vergleichbarer: DAS-INVESTMENT-Kolumnist Egon Wachtendorf gehen die aktuellen Pläne zur Dax-Reform nicht weit genug. Foto: Johannes Arlt

Wachtendorf-Kolumne

Vom XXL-Dax und dem Kampf gegen Naturgesetze

Und sie bewegt sich doch! Das möchte man frei nach Galileo der Deutschen Börse zurufen – auch wenn es um einen völlig anderen Zusammenhang geht und Galileo das so, bezogen auf die Position der Erde zur Sonne, wohl nie gesagt hat. Offenbar ist es das Börsen-Vorstands-Team um Theodor Weimer gründlich leid, seinen wichtigsten Markenartikel weiter als „Industriemuseum“ oder „verblutenden Dinosaurier“ verspotten zu lassen. Neue Regeln sollen deshalb den angestaubten Dax fit machen für die Zukunft. Und gleichzeitig eine ähnliche Doppel-Blamage wie im Sommer 2020 verhindern: Erst fehlte die Handhabe, die Pleite-Firma Wirecard zügig aus dem Index zu werfen, dann rückte mit Delivery Hero ein Kandidat nach, der nun wirklich nicht als Aushängeschild für den Börsenplatz Deutschland taugt.

Steigen künftig also nur noch Unternehmen in den Dax auf, die anders als Delivery Hero in den zwei jüngsten Geschäftsberichten vor Steuern, Abschreibung und Zinsen einen Gewinn ausgewiesen haben? Spielt der Börsenumsatz bald nur noch eine untergeordnete Rolle? Fliegt jeder, der seine Jahres- und Quartalsberichte nicht pünktlich abliefert, gnadenlos raus? Und vor allem: Besteht der Dax künftig aus 40 statt aus 30 Unternehmen? Über diese und weitere Punkte können Investoren mitbestimmen, eine entsprechende Umfrage läuft noch bis zum 4. November. Am 23. November will die Deutsche Börse dann die Ergebnisse veröffentlichen.

Viele der zur Diskussion gestellten Reformen sind sinnvoll, manche von ihnen sogar überfällig. In den USA etwa muss ein Unternehmen vier Quartale in Folge schwarze Zahlen schreiben, um in den S&P-500 zu kommen. Apropos 500: Natürlich wäre es vermessen, einen deutschen Leitindex mit ebenso vielen Unternehmen konstruieren zu wollen. Aber bei 40 Titeln bereits von einem „XXL-Dax“ zu sprechen, wie es manche Beobachter in diesen Wochen tun, ist eine Lachnummer.

Warum ein Land, das sich eines der mitgliederstärksten Parlamente der Welt leistet, an dieser Stelle so sparsam agiert, habe ich nie verstanden. In Frankreich waren es schon immer 40 Werte, in Großbritannien sogar 100. Eine Anhebung auf 50 Titel scheint in diesem Zusammenhang mehr als angemessen. Zumal Deutschland in der zweiten Reihe jede Menge Weltmarktführer besitzt, die dem Dinosaurier Dax das ersehnte frische Blut zuführen könnten. Würde die Kappungsgrenze statt bei 10 dann bei 5 Prozent gesetzt, kämen sie auch entsprechend zur Geltung.

Mehr Aktien bedeuten nicht zwangsläufig mehr Modernität, gewiss. So muss man schon die ganz scharfe Lupe herausholen, um im britischen FTSE-100 die momentan bei Anlegern so begehrten Technologie-Werte zu finden. Entsprechend flügellahm hat sich der vom Öl-Multi Royal Dutch Shell angeführte Index in den vergangenen Jahren entwickelt. Und ein Grundproblem bliebe auch bei Durchsetzung aller angedachten Reformen bestehen: Ein Unternehmen, das über einen längeren Zeitraum hinweg überproportional wächst und am Ende dieses Weges zum Dax-Kandidaten avanciert, hat das Gros der damit verbundenen Aktiengewinne in aller Regel im M-Dax, S-Dax oder Tec-Dax erzielt. Diesem Naturgesetz kommt vermutlich nur bei, wer bereit ist, die schiere Größe und damit die Marktkapitalisierung als Auswahlkriterium grundsätzlich in Frage zu stellen.

Bleibt noch ein Punkt, der auf den ersten Blick wenig bedeutsam erscheint. Kurs-Index oder Performance-Index, was macht das schon für einen Unterschied? Psychologisch einen gewaltigen, denn im Vergleich zu anderen, an fast allen wichtigen Börsenplätzen der Welt um die Ausschüttungen bereinigten Leitindizes wirkt der sämtliche Dividenden seit 1988 enthaltende Dax immer ein wenig überteuert. Gibt es Anfang 2021 einen Reform-Rundumschlag, gehört auch dieser Geburtsfehler korrigiert.

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