Welcher Anleger hätte das zu Jahresbeginn gedacht: Seit Anfang Januar ist der Dax um rund 17 Prozent gestiegen. Das entspricht historisch betrachtet in etwa dem durchschnittlichen Zugewinn von zwei Jahren. Die Wall Street hat, gemessen am S&P 500, in diesem Zeitraum sogar um 23 Prozent zugelegt. Nun stellt sich wie immer um diese Zeit die Frage, ob es wieder zu einer Jahresendrally kommt.
Gute Gründe für Jahresendrally
Dafür gibt es gute Gründe. So hat sich der amerikanische Arbeitsmarkt zuletzt deutlich besser entwickelt als erwartet. In den USA wurden im September 254.000 neue Stellen außerhalb der Landwirtschaft geschaffen. Volkswirte hatten nur mit 144.000 neuen Jobs gerechnet. Gleichzeitig stiegen die Löhne ordentlich. Kurzum: Der Arbeitsmarkt brummt. Die Abkühlung, die sich in den beiden Vormonaten abgezeichnet hatte, ist vorerst ausgeblieben. Das spricht für eine robuste Konjunktur, die wiederum die Unternehmensgewinne unterstützen sollte.
Dennoch signalisieren die Terminmärkte eine Wahrscheinlichkeit von fast 90 Prozent, dass die US-Notenbank auf ihrer nächsten Sitzung am 7. November die Leitzinsen um weitere 25 Basispunkte senken wird. Dies erscheint auch möglich, da die Inflationsrate im September weiter auf 2,4 Prozent gefallen ist.
Alternativen verlieren an Attraktivität
Gleichzeitig machen andere Anlageklassen den Aktien immer weniger Konkurrenz. US-Staatsanleihen werfen inzwischen vier Prozent Zinsen ab, rund ein Prozentpunkt weniger als beim Zinshoch im vergangenen Jahr. Vier Prozent Rendite bieten auch einige US-Aktien mit Dividenden und Aktienrückkäufen.
Gleichzeitig notiert Gold mit 2.650 Dollar pro Feinunze auf Rekordniveau. Nach einem Anstieg von 28 Prozent seit Jahresbeginn dürfte es den meisten Anlegern schwerfallen, in das Edelmetall einzusteigen oder nachzukaufen. Aktien sind zwar alles andere als alternativlos, aber der Konkurrenzdruck hat nachgelassen.
Auslöser für eine Jahresendrally könnten die US-Präsidentschaftswahlen sein. Derzeit halten sich die amerikanischen Unternehmen aufgrund der politischen Unsicherheiten mit Investitionsentscheidungen zurück. Wenn am 5. November klar ist, ob Kamala Harris oder Donald Trump die USA künftig regieren wird, könnte sich dieser zwischenzeitliche Investitionsstau auflösen und die Aktienkurse weiter nach oben treiben.
Schließlich scheint die Regierung in Peking entschlossener zu handeln, um das chinesische Wirtschaftswachstum spürbar anzukurbeln. Die guten oder zumindest verbesserten Konjunkturaussichten in den beiden größten Volkswirtschaften der Welt dürften auch für eine robuste Weltwirtschaft sorgen. Gleichzeitig geht die Inflation weltweit zurück. Aktien bewegen sich beinahe wieder in einem Goldilocks-Szenario.
Allerdings gibt es eine Reihe von Faktoren, die zur Vorsicht mahnen. So sind Aktien vor allem in den USA bereits hoch bewertet. Sollte die Wall Street korrigieren, würde dies die meisten anderen Aktienmärkte mit nach unten ziehen. Gleichzeitig ist die Euphorie um Künstliche Intelligenz (KI) verflogen. Tech-Konzerne müssen Dutzende Milliarden Dollar in Rechenzentren und Technologie investieren. Dabei ist noch gar nicht klar, wann sich die Investitionen amortisieren. Mit der Ernüchterung im Technologiesektor fällt ein Motor für weiter steigende Aktienkurse vorerst aus.
Hat die Fed den Bogen überspannt?
Möglicherweise hat es die amerikanische Notenbank mit ihrer restriktiven Geldpolitik überzogen. Selbst wenn der erwartete kleine Zinsschritt im November tatsächlich kommt, würden die Leitzinsen in den USA noch immer zwischen 4,5 und 4,75 Prozent liegen. Damit läuft die Fed Gefahr, die US-Konjunktur abzuwürgen.
Auch die Konkurrenz der Rentenmärkte ist nicht zu unterschätzen. Zwar liefern verschiedene US-Aktiengesellschaften auch die erwähnten vier Prozent Rendite. Die Ausfallrisiken fallen hier aber signifikant höher als bei US-Staatsanleihen aus.
Noch größere Risiken drohen den Aktienmärkten von politischer Seite. Das größte wäre vorerst ein unklarer Wahlausgang in den USA. Außerdem könnte nach dem 5. November die steigende Staatsverschuldung verstärkt in den Fokus der Anleger rücken. Denn sowohl unter Harris als auch unter Trump ist mit weiterhin hohen Haushaltsdefiziten zu rechnen. Die chinesische Zentralbank zieht schon seit Längerem Gold amerikanischen Staatsanleihen vor, um ihre Währungsreserven zu diversifizieren.
Gleichzeitig könnte eine Eskalation des Kriegs im Nahen Osten zu einer neuen Ölkrise führen. Mehr als 20 Prozent des weltweit geförderten Öls stammen aus dieser Region und 30 Prozent des weltweit gehandelten Öls werden durch die Straße von Hormus transportiert. Ein deutlich höherer Ölpreis könnte zusammen mit einem festen Arbeitsmarkt in den USA die Inflationsrate wieder steigen lassen. Dann wäre es mit der Zinssenkungsfantasie schnell vorbei.
Öl und Halbleiter können knapp werden
Schließlich könnte sich der Konflikt zwischen China und Taiwan weiter verschärfen und zu Engpässen bei Halbleitern führen, die zu einem großen Teil in Taiwan produziert werden.
Der amerikanische Volatilitätsindex Vix ist zuletzt angestiegen und notiert wieder im Bereich von 20 Punkten, obwohl die Stimmung an den Aktienmärkten bislang eigentlich gut war. Dies deutet auf eine zunehmende Nervosität hin. Gut möglich, dass die letzten Wochen des laufenden Jahres und die ersten Monate 2025 wieder günstigere Einstiegschancen in Aktien bieten.
Die Volatilität dürfte eher zu- als abnehmen. Anleger sollten jetzt darüber nachdenken, die Gewichtung von Aktien, die sich bereits besonders gut entwickelt haben, wieder etwas zu reduzieren, um mehr Liquidität für spätere Nachkäufe aufzubauen.
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Über den Autor:
Thomas Buckard ist seit dem Jahr 2000 Gründungsmitglied der MPF. Als Vorstandssprecher ist er für die Kundenakquisition und -betreuung sowie die Öffentlichkeitsarbeit zuständig. MPF gehört mit einem verwalteten Vermögen von mehr als zwei Milliarden Euro zu den größten unabhängigen Vermögensverwaltern in Deutschland.

