Im Gespräch mit DAS INVESTMENT auf dem Petersberger Treffen in Bonn: Amundi-Pioneer-Manager John Carey.  | © Anette Baum

Wall-Street-Veteran John Carey (Amundi Pioneer)

„ETFs sind potenzielle Verbündete“

DAS INVESTMENT: Was würde der 1998 verstorbene Pioneer-Gründer Phil Carret sagen, wenn er noch einmal auf die Welt zurückkäme und mit Nullzinsen, einem US-Präsidenten Donald Trump und Quasi-Monopolisten wie Amazon, Google und Facebook konfrontiert wäre?

John Carey: Ich erinnere mich an ein Interview, dass er einmal in einer dieser morgendlichen News-Shows gegeben hat zum Zeitpunkt des Börsen-Crashs von 1987. Er hatte ja den Crash von 1929 erlebt. Er saß dort recht entspannt, während die Reporterin ihm Fotos von damals zeigte, von Leuten, die aus dem Fenster sprangen und von verzweifelten Menschen in den Straßen. Er sah die Fotos nur ein paar Sekunden lang an und antwortete dann: ‚Nun, es war spannend.‘ Das Gleiche würde er wohl auch heute sagen.

Aber er hätte schon eine Meinung dazu?

Carey: Sicher, obwohl er sich nie sonderlich für Makroökonomie interessiert hat. Ihn interessierten nur einzelne Unternehmen. Würde er heute noch leben, er würde wie damals Geschäftsberichte lesen, die sich noch immer in seinem Büro stapeln würden, und er würde mit Managern von Firmen sprechen. Er hielte das auch heute für die richtige Art des Investierens, gerade im Zeitalter von ETFs und passiven Index-Strategien. Und er würde weder Google noch Amazon oder Facebook kaufen, eher kleinere Firmen. Er liebte kleine Unternehmen.

Selbst die Eskapaden von Donald Trump könnten ihn nicht aus der Ruhe bringen?

Carey: Phil Carret hatte einen Sinn für Respekt und Anstand und daher gäbe es sicher viele Aspekte in der heutigen Politik, die er als ziemlich störend empfände. Er war ein Anwalt des freien Unternehmertums und des freien Handels. Seiner Meinung nach sind die USA nie besser regiert worden als in der zweiten Hälfte der 20er Jahre, als er den Pioneer Fund startete. Der damalige Präsident Calvin Coolidge pflegte nachmittags im Weißen Haus immer ein Nickerchen zu machen und in dieser Zeit das Land sich selbst zu überlassen – was dem Land, wie Carret stets betonte, nicht geschadet habe.

Die Schutzzoll-Politik von Coolidges Nachfolger Herbert Hoover gilt heute als eine der Ursachen der Weltwirtschaftskrise von 1929. Ein böses Omen?

Carey: Diese Politik hat die Krise zumindest verstärkt und wahrscheinlich auch verlängert. Aber ich glaube nicht, dass uns Ähnliches bevorsteht. Im Vergleich zu damals oder zur Situation um die Jahrtausendwende, als die Internet-Blase platzte, ist der Markt nicht überteuert. Die Arbeitslosigkeit ist vergleichsweise niedrig und die Nachfrage nach den meisten Konsumgütern hält an. Wenn es allerdings in Europa, Asien und Lateinamerika nicht rund läuft, trifft das auch die USA. Rund 40 Prozent der Umsätze der Unternehmen im S&P 500 kommen aus dem Ausland. So gesehen bin ich schon etwas besorgt – aber nicht so stark, dass ich ans Verkaufen denke.

Die auch unter Trump immer breiter werdende Kluft zwischen Arm und Reich in Ihrer Heimat beunruhigt Sie nicht?

Carey: Ich bin kein Verfechter dieser These. Es gibt durchaus Länder, in denen große Teile des von der Bevölkerung erwirtschafteten Vermögens in die Hände einiger weniger Leute wandern. Die USA gehören jedoch nicht dazu. Die Vermögen, die hier existieren, wurden ganz überwiegend durch erfolgreiche Geschäfte aufgebaut, durch die wiederum andere Menschen Beschäftigung finden. Jeder, der arbeiten möchte, hat die Chance dazu. Vielleicht nicht unbedingt in New York oder San Francisco, aber in Nebraska oder South Dakota. Die Wirtschaft schafft gerade eine Menge Jobs. Und das wird sich fortsetzen, weil es so viele Unternehmen mit interessanten Geschäftsmodellen gibt. Die Lebensqualität der meisten Amerikaner hat in den vergangenen 40 bis 50 Jahren zugenommen. Das sieht in Venezuela, Argentinien oder in einigen Ländern Afrikas anders aus.

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