Redaktion
TopThemen
Fonds
Fondsvergleich Märkte Finanzberatung
Versicherungen
Boulevard
Experten
Denker der Wirtschaft
Krypto
Services
Academy Newsletter
Christian Jasperneite: Der Anlageexperte ist seit Anfang 2009 Investmentchef der Privatbank M.M. Warburg & Co. | © M.M. Warburg & Co

Warburg-Investmentchef Christian Jasperneite „2018 war definitiv ein Ausrutscher“

DAS INVESTMENT: Sie haben über das Kalenderjahr 2018 an die 20 Anlageklassen ganz unterschiedlich gewichtet. Herausgekommen sind 1.000 unterschiedliche Musterdepots. Welches Fazit lässt sich aus dieser Simulation ziehen?

Christian Jasperneite: Im Ergebnis zeigt sich, dass es im letzten Jahr in diversifizierten Portfolios nahezu unmöglich war, nach Kosten eine positive Wertentwicklung zu erzielen. Es gab in den letzten Jahrzehnten fast kein Jahr, in dem weltweit so viele Märkte und Assetklassen eine so schlechte Wertentwicklung aufwiesen. Damit war 2018 auch ein Jahr, in dem Diversifikation nur bedingt geholfen hat, Verluste zu reduzieren. Das war in etwa so, als wenn Sie als Koch mit vollkommen ungeeigneten Zutaten ein gutes Gericht kochen sollen. Da kommt der beste Koch an seine Grenzen, und so ging es auch Asset Managern.

Die Sparkasse Pforzheim veranstaltet seit über 20 Jahren ein Börsenspiel mit jährlich über 1.000 Teilnehmer. Aus 50.000 Euro schaffte der Gewinner im vergangenen Jahr 50.411 Euro, Platz 2 schaffte 50.123 und Platz 3 lag bereits im Minus. Das gab es noch nie.

Jasperneite: Manchmal ist die Börse über einen gewissen Zeitraum eine trostlose Veranstaltung. Die Frage ist doch nur, ob man deswegen die Flinte gleich ins Korn wirft. Das wäre aber eine komplett falsche Reaktion. Kapitalmärkte geben dem Investor die Möglichkeit, am langfristigen, weltweiten Wirtschaftswachstum zu partizipieren. Man wäre also verrückt, wenn man darauf verzichten würde. Die Alternative würde nur darin bestehen, sein Geld auf das Girokonto zu legen und dann still darauf zu warten, wie Kontoführungsgebühren und Inflation den Wert auffressen. Da stelle ich lieber als Investor Unternehmen und Staaten Eigen- und Fremdkapital zur Verfügung und erziele damit je nach Risikotoleranz eine Wertentwicklung von – sagen wir mal 2 bis 6 Prozent pro Jahr. Das gilt natürlich nur bei langfristiger Perspektive. Und daher sollte man sich von einem Jahr auch gar nicht verrückt machen lassen. Im Übrigen bin ich beruhigt, dass das Börsenspiel so ausgegangen ist wie es ausgegangen ist. Wenn die Ergebnisse deutlich besser gewesen wären, hätten wir nämlich einen Fehler mit unserer Simulation gemacht. So gesehen ist der Ausgang des Börsenspiels nebenbei auch ein schöner praktischer Beleg für die Leistungsfähigkeit von Kapitalmarktsimulationen.

Sie haben ihre Simulation auch für die vorangegangenen Jahre durchgeführt. Ist 2018 nur ein Ausrutscher in der Geschichte oder droht eine Wiederholung? Warum gibt es kaum noch solide Korrelationen oder einen Gegenlauf, der ja auch einen Schutz darstellt?

Jasperneite: 2018 war definitiv ein Ausrutscher. Trotzdem kann ich Ihnen natürlich nicht garantieren, dass sich so etwas nicht noch einmal im laufenden Jahr wiederholt. An den Börsen werden Erwartungen an die Zukunft gehandelt. Das bedeutet, man agiert unter großer Unsicherheit. Wir haben hier ja keine naturgesetzlichen Zusammenhänge, auf die man sich verlassen könnte. Es entstehen dann auch manchmal Konstellationen, die man als nüchterner Volkswirt nicht ganz teilt oder sogar als irrational empfindet. Das gehört einfach dazu. Es stimmt aber nicht, dass es kaum noch nutzbare Korrelationen oder gegenläufige Entwicklungen gibt, die einen schützen. Es ändern sich einfach nur ständig die Muster. Vor einiger Zeit hatten unterschiedliche Aktienmärkte ein erhebliches Eigenleben; da konnte man schon dadurch einen guten Diversifikationseffekt erzielen, indem man weltweit Aktien kaufte. Im Moment korrelieren Aktienmärkte untereinander stärker positiv, dafür gibt es nun gut nutzbare negative Korrelationen zwischen Aktien und hochwertigen Staatsanleihen. Wir haben Modelle, mit denen wir diese Sachverhalte ständig beobachten und auch für unsere Kunden so systematisch wie möglich nutzen – beispielsweise in unserer digitalen Vermögensverwaltung. Aber zaubern kann man nicht, und wir haben leider keine Kristallkugel. Aber auch hier gilt: Die Zeit heilt alle Wunden, man muss manchmal einfach nur Ruhe bewahren.

Multi-Asset-Fonds haben sich zunehmend als Basisinvestment etabliert. Wird dieses Vertrauen beschädigt?

Jasperneite: Wer Mitte 2018 erstmalig in Multi-Asset-Fonds oder auch andere vermögensverwaltende Portfolios investiert hat, empfindet möglicherweise eine Enttäuschung. Wer über ein wenig mehr Kapitalmarkterfahrung verfügt, kann eine solche Situation dagegen gut einschätzen. Und wenn man in den Jahren zuvor kumuliert 20 Prozent gewonnen hat, kann man einen temporären Verlust von 5 Prozent auch besser verkraften.

Welche Lösungswege können Sie aufzeigen?

Jasperneite: Für Anleger besteht die Lösung darin, den Investmenthorizont zu verlängern. Für Asset Manager bedeutet dies, die verbleibenden Diversifikationsmöglichkeiten so gut wie möglich zu nutzen. Das ist in gewisser Weise in mathematisches Problem, aber dafür gibt es gute Ansätze. Und die nutzen wir auch. Mindestens genauso wichtig ist aber auch eine gute taktische Allokation. Die beste Risikoreduktion besteht immer noch darin, Risiken nicht einzugehen, wenn sie sich nicht lohnen. So eine Herausforderung wird man nie perfekt lösen können, denn dafür bräuchte man hellseherische Kräfte. Mit einer sehr guten makroökonomischen Analyse kann man aber zumindest einen Teil dieser Aufgabe erfüllen. Das ist auch unser Anspruch.

Müssen Anleger und Portfoliomanager taktischer denken und handeln?

Jasperneite: Taktisch ja, hektisch nein. Hektik ist kein Ersatz für eine gute Analyse. Wenn man es am Ende schafft, 70 Prozent der großen zyklischen Bewegungen über eine gute taktische Allokation für seine Zwecke zu nutzen, macht man schon eine extrem gute Arbeit. Um das zu leisten, muss man auch nicht jeden Tag und jede Woche die Welt neu erfinden. Bei zu viel Aktivität sieht man am Ende den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr. Dann leidet die Qualität der Arbeit.

Wie hat sich ihr privates Portfolio in 2018 geschlagen?

Jasperneite: Ich hatte ein wenig das Glück, dass meine Cash-Quote vergleichsweise hoch war, da wir am Haus ein paar Renovierungsarbeiten vornehmen wollen und ich Geld zur Seite gelegt hatte. So habe ich relativ zum investierbaren Vermögen auch nicht besonders viel verloren. Aber ob Sie es glauben oder nicht: Den genauen Wert kenne ich gar nicht, und ich mache mir auch gar nicht die Mühe, die Gesamtperformance für das Jahr 2018 über verschiedene Depots hinweg exakt zu berechnen. Mein Blick geht bei Investitionen immer weit nach vorne. Ich habe gerade bei Privatvermögen die Fokussierung auf eine Jahresperformance bis heute nie richtig verstanden.

nach oben