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Ureinwohner Brasiliens protestieren gegen die Abholzung ihres Lebensraums Foto: imago images / ZUMA Wire

Nachhaltige Investments

Warum Dialog besser ist als notorisches Ignorieren

Diliana Deltcheva, Candriam

Im Jahr 2020 wurde den Anlegern eine wichtige Lektion erteilt: Umweltzerstörung ist mit immensen wirtschaftlichen und sozialen Kosten verbunden. Wissenschaftler haben Abholzung und Lebensraumzerstörung eindeutig mit der Übertragung von Krankheiten von Wildtieren auf Menschen in Verbindung gebracht.

Darüber hinaus hat die Häufigkeit widriger Wetterereignisse wie Überschwemmungen, Starkregen, Wirbelstürme und Waldbrände in den vergangenen zehn Jahren dramatisch zugenommen. Sie bedrohen das Leben und die Lebensgrundlage von Millionen von Menschen auf der ganzen Welt. Laut einem Bericht des McKinsey Global Institute (veröffentlicht im August 2020) werden bis 2050 75 Prozent des globalen Kapitalstocks, der durch Überschwemmungen gefährdet ist, in Asien liegen, wobei der indische Subkontinent und die südostasiatischen Küstenregionen am stärksten betroffen sein dürften. Die Wissenschaft ist sich darüber im Klaren, dass Pandemien und ungünstige Wetterereignisse zur Norm werden, wenn der Klimawandel nicht aufgehalten wird.

Wie sollten Anleger diese ökologischen Schlussfolgerungen in ihre Analyse und ihren Investment-Ansatz einbeziehen? Die Anreicherung der Kreditanalyse von Staats- und Unternehmensemittenten mit ESG-Faktoren ist für eine effektive Vermögensverwaltung notwendig. Es ist aber unwahrscheinlich, dass dadurch die Einstellung der Emittenten beeinflusst werden kann. Um einen echten Wandel herbeizuführen, implementieren wir daher unser ESG-Risikomanagement inklusive der Auseinandersetzung mit Entscheidungsträgern darüber, wie sie ESG-Risikoprämien am besten aus ihren Finanzierungskosten herausrechnen können.

Es geht nicht zuletzt darum, alle Anlagerisiken zu bewerten

Im Laufe der Jahre wurden ESG-Risiken bei der Bewertung von Vermögenswerten expliziter eingepreist und bilden heute einen wichtigen Teil der Gesamtbewertung eines Landes oder Unternehmens.

Unsere ESG-Bewertung beurteilt Länder und Unternehmen nach der Umwelteffizienz, mit der sie wirtschaftlichen, menschlichen und sozialen Wohlstand, Gerechtigkeit und Wohlergehen schaffen. Der Schlüssel zu diesem Konzept ist, dass Länder verschiedene Formen von Kapital schaffen können, die zu ihrer Entwicklung und dem Lebensstandard der Menschen beitragen – menschlich, sozial oder wirtschaftlich. Bei der Schaffung von Wohlstand sind ökologisch effizientere Länder nachhaltiger und weniger ökologisch effiziente Länder weniger nachhaltig.

Ganz allgemein erkennt unser Investment-Ansatz an, dass es hier nach wie vor Ineffizienzen gibt. Unser Prozess zur Auswahl von Ländern und Unternehmen integriert ESG-Überlegungen vollumfänglich. Unserer Meinung nach ist die Analyse der Kreditwürdigkeit eines Landes oder eines Unternehmens nicht vollständig, wenn sie sich hauptsächlich auf finanzielle Kennzahlen konzentriert. Das heißt, Investoren müssen angemessen für die ESG-Risiken und nicht nur für die finanziellen Risiken entschädigt werden, denen sie bei Investitionen ausgesetzt sind.

Unsere ESG-Länderanalyse steht in vollem Einklang mit den 17 UN-Zielen für nachhaltige Entwicklung von 2015 und geht sogar darüber hinaus. Wir sind der Meinung, dass die Art von wirtschaftlichem Wohlstand und Entwicklungsmustern, die künftige Bedürfnisse nicht beeinträchtigen – also eine nachhaltige Entwicklung –, letztlich die Länderrisiken reduzieren und den Wohlstand steigern wird.

Engagement mit Regierungen und Unternehmen

Neben der Identifizierung von Risiken suchen wir kontinuierlich nach Möglichkeiten, aktiv mit Regierungen und Unternehmen zusammenzuarbeiten, die die Entscheidungsbefugnis haben, ihr ESG-Risikoengagement zu verändern. Wir bevorzugen den Engagement-Ansatz, da wir der Meinung sind, dass die nötigen Veränderungen einen gemeinschaftlichen Einsatz aller Stakeholder erfordern. Ein Land oder ein Unternehmen wird nur dann aus dem Investment-Universum ausgeschlossen, wenn die Engagement-Bemühungen nicht zu den gewünschten ESG-Ergebnissen führen.

Wir können Engagement-Initiativen durch einen direkten Dialog mit einem Emittenten oder über Nichtregierungsorganisationen (NGOs) und Branchenverbände verfolgen. Wir glauben, dass Engagement den Dialog, die Zusammenarbeit und die Transparenz fördert und dabei hilft, die Finanzierungskosten eines Landes zu senken.

Ein Thema unseres Engagements war die Abholzung von Wäldern. Im Oktober 2020 unterzeichnete Candriam die Initiative Investors Policy Dialogue on Deforestation. Wir wissen, dass die Umkehrung der Entwaldung dazu beitragen kann, unser Klima zu normalisieren und das Auftreten von Unwetterereignissen zu reduzieren. Dies zu erreichen, ist jedoch eine komplexe Aufgabe. Wird Menschen in Entwicklungs- und Schwellenländern keine alternative Beschäftigung geboten, werden sie weiterhin ihren Lebensunterhalt durch das Abholzen von Wäldern verdienen müssen. Die internationale Gemeinschaft sollte Ländern, die sich entschließen, das Problem anzugehen und auf „grünere“ Einkommensquellen umzusteigen, Unterstützung anbieten. Dies wird nicht ohne eine gut durchdachte, langfristige, zwischenstaatliche globale Strategie möglich sein.

Der einfache Ausschluss von Ländern wie Brasilien und Indonesien aus unserem Anlageuniversum, die der Abholzung buchstäblich freie Bahn lassen, löst das Problem der Abholzung nicht, sondern ignoriert es. Deshalb setzen wir uns stattdessen mit diesen beiden Ländern auseinander, um die Finanzierungsrisiken zu unterstreichen, die auf sie zukommen, wenn sie sich nicht auf eine Lösung des Abholzungsproblems zubewegen.

Da ESG-Faktoren einen so starken Einfluss auf das Leben der Menschen auf der ganzen Welt haben, ist ihre Einbeziehung in die Investment-Analyse nicht mehr optional. Und es geht nicht nur darum, eine nachhaltigere Welt für die nächsten Generationen zu schaffen. Die Erfahrung des Jahres 2020 hat eindeutig gezeigt, dass wir ohne sie keine Anlagerenditen erzielen werden, die sowohl nachhaltig als auch chancenreich sind.

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