Der Krieg im Gazastreifen hat die Krise im Nahen Osten verschärft. Die Spannungen haben in der vergangenen Woche deutlich zugenommen. Auf den israelischen Luftangriff auf die iranische Botschaft in Syrien folgte ein beispielloser und direkter iranischer Raketen- und Drohnenangriff auf Israel.

Im Gegenzug griff Israel den Iran an. Zwar haben beide Länder ihre Angriffe taktisch zurückgeschraubt, um einen Krieg zu vermeiden, doch werden diese Ereignisse als eine deutliche Verschlechterung der geopolitischen Lage im Nahen Osten betrachtet.

Obwohl der Iran erklärt hat, dass er keine Vergeltungsmaßnahmen plant, kann eine weitere Eskalation nicht ausgeschlossen werden, die schwerwiegende Auswirkungen auf die Weltwirtschaft und die Finanzmärkte haben würde.

Eine Eskalation des Konflikts im Nahen Osten könnte zu einem sprunghaften Anstieg der Ölpreise führen.

Dieser könnte wiederum einen Inflationsanstieg, Turbulenzen an den weltweiten Aktienmärkten, ein gedämpftes Vertrauen der Unternehmen und eine geringere Investitionstätigkeit zur Folge haben. Denn der Iran ist ein bedeutender Erdölproduzent und steht mit einem Anteil von 4 Prozent an der weltweiten Erdölproduktion an siebter Stelle. Das Land ist zudem der drittgrößte Erdgasproduzent mit etwa 6 Prozent der weltweiten Produktion.

Konflikt könnte sich auf weitere ölproduzierende Länder ausweiten

Doch abgesehen von einer möglichen Unterbrechung der iranischen Ölexporte besteht das größere
Risiko darin, dass sich der Konflikt auf die Region ausweitet, da mehr als 30 Prozent der weltweiten
Ölproduktion auf den Nahen Osten entfallen. Außerdem ist das Risiko einer Unterbrechung des Schiffsverkehrs enorm. Über Routen wie die Straße von Hormuz werden rund 20 Prozent der weltweiten Ölversorgung abgewickelt, und täglich werden dort fast zehn Milliarden Kubikfuß Flüssiggas transportiert.

Die Befürchtungen, dass sich der Konflikt im Nahen Osten ausweiten könnte, haben sich am Wochenende beruhigt, da weder der Iran noch Israel an einer Eskalation der Krise interessiert zu sein scheinen und weitere Angriffe von beiden Seiten unwahrscheinlicher geworden sind.

Ein Wiederaufflammen der Spannungen in der Region könnte die Rohölpreise jedoch auf ihren
Höchststand aus dem Jahr 2022 treiben. Der Anstieg auf die vorherigen Höchststände dürfte nur von kurzer Dauer sein; die Rohölpreise könnten jedoch noch mehrere Monate lang auf hohem Niveau bleiben.

Zudem sind der Iran und andere Länder in der Region auf die Straße von Hormuz angewiesen. Das macht eine Schließung unwahrscheinlicher. Im Falle einer Schließung dürften die Nicht-Opec-
Produzenten ihre Produktion hochfahren und die Auswirkungen bis zu einem gewissen Grad
abmildern.

 

Höhere Rohölpreise würden die Nachfrage senken, was ebenfalls verhindern würde, dass
die Ölpreise über einen längeren Zeitraum auf Rekordniveau verharren.

Geopolitische Spannungen könnten die Erholung der Weltwirtschaft beeinträchtigen

Eine der möglichen Folgen einer Eskalation des Konflikts im Nahen Osten sind erheblich höhere
Ölpreise. Höhere Energiepreise könnten weltweit einen Inflationsschub auslösen und den Optimismus
an den Finanzmärkten stören.

Ein solches Szenario würde Zinssenkungen verzögern oder die Zentralbanken sogar dazu zwingen,
die Zinsen zu erhöhen, um die Inflation einzudämmen. Höhere Zinssätze würden sich negativ auf das
globale Wirtschaftswachstum auswirken, und solange es keinen eindeutigen Trend zu einem
nachhaltigen Anstieg der Inflation gibt, werden die Zentralbanken wahrscheinlich von Zinserhöhungen absehen.

 

Unser Basisszenario geht davon aus, dass die Zentralbanken die Zinssätze länger hochhalten werden, anstatt sie erneut zu erhöhen, um zu verhindern, dass ihre Volkswirtschaften in eine Rezession abgleiten. Daher sehen wir in höheren Rohölpreisen eines der größten Risiken für die derzeitige Erholung der Weltwirtschaft.

Ein Anstieg der Rohölpreise auf über 110 US-Dollar sehen wir als unmittelbare Bedrohung, die die weltweite wirtschaftliche Erholung zum Erliegen bringen könnte.

Höhere Rohölpreise haben je nach Region unterschiedliche Auswirkungen auf die Inflation.

  • Energieunabhängige Länder wie die Vereinigten Staaten, Kanada und Australien sind wahrscheinlich weniger stark betroffen.
  • Die Auswirkungen für Europa sind wahrscheinlich viel größer.
  • Zu bedenken ist auch, dass viele Länder weniger energieintensiv sind als in der Vergangenheit, sodass sich höhere Rohölpreise weniger stark auf die Inflation auswirken dürften als in den 1970er Jahren.

Aktienmärkte seit April auf Talfahrt

Der Optimismus der Anleger hat die Finanzmärkte seit Oktober 2023 deutlich nach oben getrieben,
angesichts eines robusten Arbeitsmarktes, starker Konsumenten und der Zuversicht der Anleger,
dass sich die Inflation abschwächt und die Zentralbanken im Jahr 2024 mit einer Lockerung der
Geldpolitik beginnen werden.

 

Der jüngste Anstieg der Inflation in den USA, der zu Unsicherheiten hinsichtlich des Zeitpunkts und
des Ausmaßes von Zinserhöhungen durch die US-Notenbank in diesem Jahr führte sowie die
Besorgnis über die Krise im Nahen Osten haben die Aktienmärkte seit Anfang April auf Talfahrt
geschickt. Die Marktreaktion fiel bisher verhalten aus, da die weltweiten Benchmark-Aktienindizes
rund 6 Prozent unter ihren jeweiligen April-Höchstständen lagen.

Die mögliche Eskalation des Konflikts stellt eine Bedrohung für die wirtschaftliche Stabilität dar, insbesondere für die Ölförderung und die Kontrolle der Schifffahrtswege.

Solange die kritische Energieversorgung nicht unterbrochen wird, dürften die Ölmärkte stabil bleiben und die Aktienmärkte ihren Aufwärtstrend fortsetzen.

Sollte der Konflikt jedoch weiter eskalieren, bestünde für die globalen Aktienmärkte ein erhebliches Abwärtsrisiko, und wir rechnen mit einem potenziellen Rückgang von mindestens 20 Prozent gegenüber dem derzeitigen Niveau.

 

Über die Autorin

Violeta Todorova ist Senior Analystin beim weltweiten ETP-Anbieter Leverage Shares.