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Vermögensverwalter meint Warum die Leitzinsen für die Märkte weniger wichtig werden

Ein Bekleidungsgeschäft im New Yorker Stadtteil Chelsea kündigt die Geschäftsaufgabe an
Ein Bekleidungsgeschäft im New Yorker Stadtteil Chelsea kündigt die Geschäftsaufgabe an: Durch die USA rollt eine Konkurswelle. | Foto: imago images/Levine-Roberts

Bei den Leitzinsen könnte die Luft langsam draußen sein – das gilt zumindest für die USA. Nach der letzten Erhöhung Ende Juli auf 5,25 bis 5,5 Prozent dürfte die amerikanische Notenbank Fed erst einmal eine Zinspause einlegen – und abwarten, wie die restriktive Geldpolitik wirkt. Erfahrungsgemäß braucht es rund neun Monate, bis sich eine Leitzinserhöhung auf die Realwirtschaft auswirkt.

Bei der EZB sieht das nicht viel anders aus. Zwar hat sie erst später die geldpolitischen Zügel angezogen als die Fed und ihre Leitzinsen liegen „erst“ bei 4,25 Prozent. Mit zuletzt schätzungsweise 5,3 Prozent steigen in der Eurozone die Preise auch noch sehr viel stärker als in den Vereinigten Staaten.

Allerdings stecken die europäischen Währungshüter in einer Zwickmühle. Denn die 5,3 Prozent stellen natürlich einen Durchschnittswert dar. Während die Inflation in Deutschland im Juli 6,3 Prozent betrug und damit noch meilenweit vom Zwei-Prozent-Ziel der EZB entfernt war, stiegen die Verbraucherpreise in Griechenland nur noch um 1,8 Prozent und lagen damit fast exakt im Zielbereich der Notenbanker.

EZB im Spannungsfeld

Die europäische Notenbank müsste aus deutscher Sicht also weiter die (zu) hohe Inflation bekämpfen, während sie, aus griechischer Perspektive betrachtet, die Leitzinsen bereits senken müsste, um eine Deflation zu verhindern. Wahrscheinlich wird die EZB erst einmal abwarten, wie die seit Juli 2022 erfolgten Leitzinserhöhungen wirken.

 

Diese Szenarien stellen derzeit den Konsens der Marktteilnehmer dar und dürften mittlerweile an den Finanzmärkten eingepreist sein. Damit rücken nun andere Entwicklungen in den Vordergrund. Einen Vorgeschmack lieferte die Herabstufung der Kreditwürdigkeit der USA durch die Ratingagentur Fitch von „AAA“ auf „AA+“ Anfang August. Die Wall Street reagierte erst einmal verschnupft.

Unklar ist noch, ob es sich dabei um Gewinnmitnahmen handelte oder bereits um den Anfang der erwarteten Trendwende. Das dürfte maßgeblich von der weiteren Entwicklung der Unternehmensgewinne abhängen. Und da sieht es eher düster als rosig aus.

Geschäftsklima in Deutschland spürbar eingetrübt

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Die Stimmung bei den deutschen Unternehmen hat sich weiter verschlechtert. Im Juli erreichte der Ifo-Geschäftsklimaindex nur noch einen Wert von 87,3 Punkten. Im Juni lag der Ifo-Index noch bei 88,6 Zählern. Damit fiel der Wert zum dritten Mal in Folge. Dazu verschlechterten sich auch die Erwartungen etwas.

International sieht es nicht viel besser aus. In den USA haben sich die Produzentenpreise im Juni nur noch um 0,1 Prozent erhöht. Gleichzeitig bewegen sich dort die Realzinsen bereits über der Marke von sechs Prozent. Die Kreditkartenkunden zahlen sogar bereits mehr als 22 Prozent. Wenn die Verkaufspreise fallen und die Kreditkosten steigen, können die Unternehmensgewinne eigentlich nur zurückgehen. In den USA ist bereits eine steigende Zahl von Konkursen zu beobachten.

In China sieht die Entwicklung noch schlechter aus. Dort haben sich die Produzentenpreise noch stärker zurückgebildet. Gleichzeitig sind die Importe der Volksrepublik im Juli um 12,4 Prozent gefallen. Das war der neunte Rückgang auf Monatsbasis hintereinander. Die Exporte sind sogar um 14,5 Prozent eingebrochen. Der Wachstumsmotor der Weltwirtschaft scheint nicht nur zu stottern, sondern den Rückwärtsgang einzulegen.

Erschwerend kommt hinzu, dass der Anstieg der amerikanischen Aktienindizes in der ersten Jahreshälfte nicht auf breiter Ebene stattfand. Er beruhte vielmehr auf den Kursgewinnen weniger und hoch gewichteter Aktiengesellschaften. Dabei handelte es sich vor allem um die großen Technologiekonzerne, die vom Hype um die Entwicklung künstlicher Intelligenz profitierten. Dazu zählten in erster Linie Halbleiterproduzenten wie Nvidia, AMD und Intel sowie die Cloud-Anbieter Amazon, Microsoft, Alphabet und Oracle.

Die Aufregung um künstliche Intelligenz ist sicherlich noch nicht am Ende. Aber die Bewertungen der entsprechenden Aktien befinden sich auf einem hohen Niveau. Gleichzeitig ist der Optimismus in den USA gemessen am Fear-and-Greed-Index stark ausgeprägt, was für ein hohes Rückschlagpotenzial sorgt. Die Gefahr für eine Abwärtskorrektur besteht auch deshalb, weil in den Vereinigten Staaten zyklische Aktien besser als defensive gelaufen sind. Das passt eigentlich nicht zu der erwarteten Rezession. Das gilt auch für Europa.

Der August und der September sind historisch betrachtet die beiden schlechtesten Börsenmonate des Jahres. Das ist auch für 2023 nicht auszuschließen.

 

Andreas Enke
Andreas Enke © Geneon

Über den Autor:
Andreas Enke zählt zu den Inhabern und Vorständen der Hamburger Vermögensverwaltung Geneon Vermögensmanagement. Der Diplom-Kaufmann verfügt über mehr als 28 Jahre Berufserfahrung in der Beratung vermögender Privat- und Geschäftskunden bei verschiedenen Großbanken.

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