Seit der Verschärfung der US-Zollpolitik Anfang April gerät die These der Überlegenheit US-amerikanischer Aktienmärkte zunehmend unter Druck (siehe Grafik 1). Für Aktienanleger meint „US Exceptionalism“ vor allem eins: die überlegene langfristige Ertragsentwicklung von US-Aktien im Vergleich zu ihren internationalen Pendants in den vergangenen zwei Jahrzehnten.
Dabei waren es gleich mehrere Faktoren, die die überdurchschnittliche Performance des US-Aktienmarkts gestützt haben:
- So profitierten US-Unternehmen vom größten Binnenmarkt der Welt – ein entscheidender Skalenvorteil. Immerhin stellen die USA mit rund 340 Millionen Menschen den größten Binnenmarkt der Industrieländer.
- Zudem zieht die Rolle des US-Dollars als Weltreservewährung kontinuierlich internationales Kapital in US-Vermögenswerte.
- Und nicht zuletzt hat eine stark innovationsgetriebene Wirtschaft dazu geführt, dass amerikanische Unternehmen die wichtigsten globalen Technologierevolutionen angeführt haben.
US-Überlegenheit: Erfolgsmodell oder Auslaufmodell?
In den vergangenen Jahren hat diese Innovationskraft zur Entstehung enorm profitabler Tech-Giganten geführt, die global wachsen – weitgehend unabhängig von konjunkturellen Schwankungen. Diese Unternehmen sind ein Alleinstellungsmerkmal des US-Marktes: Vergleichbare Geschäftsmodelle gibt es kaum anderswo. Hinzu kommt die ausgeprägte Ergebnisorientierung amerikanischer Firmen sowie eine traditionell aktionärsfreundliche Kapitalallokation – beides hat den Ertragsvorsprung gegenüber dem Rest der Welt weiter verstärkt.
Doch die jüngsten Marktreaktionen zeigen, dass Anleger zunehmend Zweifel haben, ob US-Unternehmen ihre Ausnahmestellung halten können. So verlor etwa ein Hersteller medizinischer Instrumente massiv an Börsenwert – aus Sorge, dass US-Zölle auf eine Produktionsstätte in Mexiko das Geschäft belasten könnten. Analysen zeigen jedoch: Die Innovationsstärke des Unternehmens und die Qualität des Managements dürften ausreichen, um Marktstellung und langfristigen Wachstumspfad zu sichern – auch bei notwendigen Anpassungen der Lieferketten.
Auch im breiten Markt zeigt sich die Verunsicherung: Die Konsensschätzungen für das Gewinnwachstum im S&P 500 im Jahr 2025 sind von 12,9 Ende 2024 auf 8,1 Prozent Ende April gefallen (siehe Grafik 2). Im Gegenzug stiegen die Gewinnprognosen für den MSCI EAFE – den Index entwickelter Nicht-US-Märkte – im gleichen Zeitraum von 4,6 auf 8,1 Prozent.
Die handelspolitische Lage bleibt angespannt, doch klar ist: Anleger rechnen derzeit mit einem deutlichen Rückgang der US-Gewinne. Und das, obwohl die USA einen außergewöhnlich großen Pool profitabler Wachstumsunternehmen beheimatet – ein struktureller Vorteil, der selbst durch einen Handelskrieg kaum aus der Welt zu schaffen ist.
Globale Wachstumsführer: Mehrheit sitzt in den USA
Ein Blick auf globale Unternehmen mit einer Marktkapitalisierung von mindestens 15 Milliarden US-Dollar zeigt ein deutliches Bild. Ende 2024 entfielen 72 Prozent der Marktkapitalisierung der weltweit profitabelsten Large-Cap-Wachstumsunternehmen auf die USA. Das ist ein Vielfaches dessen, was andere Regionen vorweisen können (siehe Grafik 3).
Doch der Handelskonflikt ist nicht das einzige Risiko für die Zukunft der US-Wirtschaft. Auch die übergeordnete politische Agenda der Trump-Regierung kann sich positiv (z.B. Steuersenkungen, Deregulierung) oder negativ (z.B. rezessionsbedingter Abschwung durch Handelsstreit, Einschränkungen bei Arbeitsvisa) auf Wettbewerbsfähigkeit und Ertragskraft der Unternehmen auswirken.
Unabhängig von politischen Maßnahmen lohnt ein Blick auf die demografische Entwicklung: Auch wenn das Wachstum der erwerbsfähigen Bevölkerung in den USA abnimmt, bleibt es im Gegensatz zu anderen großen Industrienationen positiv – ein klarer Standortvorteil.
Innovationskultur als Standortvorteil
Ein weiterer Stabilitätsanker ist die Innovationskraft. Die weltweit führende Forschung an US-Universitäten wird nicht über Nacht verschwinden. Ein Viertel der 100 besten Hochschulen weltweit befinden sich laut QS World University Rankings in den Vereinigten Staaten. Im Global Innovation Index belegte das Land 2024 den dritten Platz. Zudem existiert ein einzigartiges Ökosystem aus Start-ups und globalen Technologiekonzernen, dass das 21. Jahrhundert mit Entwicklungen wie Mobile Web, E-Commerce oder Künstlicher Intelligenz entscheidend geprägt hat.
Zwar könnten politische Maßnahmen wie etwa ein möglicher Förderstopp für Forschungsprogramme oder Hürden für internationale Studierende den Innovationsmotor bremsen. Dennoch dürfte der unternehmerische Geist, den Wissenschaft und Wirtschaft über Jahrzehnte geformt haben, für eine fester Bestandteil der amerikanischen Kultur bleiben.
Passiv reicht nicht mehr: Die Grenzen der US-Ausnahmestellung
Es ist durchaus möglich, dass der US-Exzeptionalismus, der in den vergangenen Jahren den gesamten Aktienmarkt getragen hat, künftig an Kraft verliert. Sollte das eintreffen, sind passive Engagements im US-Markt allein kein Garant mehr für überdurchschnittliche Ergebnisse im Vergleich zu anderen Weltregionen. Projektionen auf Basis der Vergangenheit bergen ohnehin Risiken – doch angesichts politischer Umbrüche und wachsender Unsicherheit auf Unternehmensebene gilt dies heute umso mehr.
Anfang 2025 haben die enormen Kursgewinne der „Glorreichen Sieben“ begonnen zu erodieren. Auch wenn es sich dabei um beeindruckende Unternehmen handelt, dürfte der Markt sie künftig nicht mehr pauschal belohnen. Aus meiner Sicht hat der KI-Hype der vergangenen beiden Jahre zu einer ungesunden Konzentration geführt, die viele Anleger von einer ausgewogenen, diversifizierten Portfoliostruktur abgehalten hat.
Auf der Spur kommender Marktführer
Wie also kann man angesichts der Unsicherheit für mehr Diversifikation sorgen? Eine konsequente Investmentphilosophie mit diszipliniertem Auswahlprozess wird hier zum entscheidenden Erfolgsfaktor. Angesichts der aktuellen Unsicherheit rund um Zölle, Lieferketten und Nachfrage ist es schwerer geworden, nachhaltige Profitabilität zu erkennen. Doch gerade hier hilft sorgfältige Fundamentalanalyse, jene Unternehmen zu identifizieren, die langfristig auch durch schwierige Marktbedingungen hindurch Bestand haben.
Die jüngste Volatilität kann dabei sogar Chancen eröffnen: Günstigere Bewertungen verbessern das Verhältnis von Risiko zu Ertrag. Selektivität war beim Investieren in Aktien schon immer entscheidend – heute ist sie es mehr denn je.
Über den Autor:
John Fogarty ist Co-Investmentchef für US-Growth-Aktien bei Alliance Bernstein.