Die Zahlen haben es in sich: Laut Berechnungen des Verbands der Ersatzkassen (VDEK) sind die Eigenanteile für eine Unterbringung im Pflegeheim erneut deutlich gestiegen. So müssen Pflegebedürftige mit einer Heimaufenthaltsdauer von bis zu zwölf Monaten im Bundesdurchschnitt 2.984 Euro im Monat aus eigener Kasse für die Unterbringung zahlen. Ein Jahr zuvor waren es noch 2.687 Euro.
Den Aufwärtstrend konnten weder die von der Pflegekasse gezahlten Zuschläge bremsen, die mit zunehmender Dauer des Heimaufenthalts ansteigen, noch die Erhöhung der Pflegeleistungen um 4,5 Prozent zum Anfang des Jahres.
Und auch die Pflege zu Hause kostet: Die Erfahrung zeigt, dass ein Großteil der anfallenden Kosten für Pflegeleistungen von den Betroffenen selbst beziehungsweise von deren Familienangehörigen bestritten werden muss. Hinzu kommen oft weitere finanzielle Erfordernisse wie etwa Aufwendungen für Mobilität oder Umbaumaßnahmen der Wohnung.
Was vielfach übersehen wird: Das Thema Pflege betrifft längst nicht nur die ältere Generation. Laut Berechnungen des Bundesgesundheitsministeriums war Ende 2022 rund ein Viertel der erfassten Pflegebedürftigen, das sind rund 1,2 Millionen Betroffene, noch keine 65 Jahre alt. Rund 400.000 Pflegebedürftige waren sogar jünger als 30 Jahre. Das zeigt: Ein Pflegefall kann unabhängig vom Alter – etwa durch einen Unfall oder Krankheit – jederzeit eintreten.
Keine Vollkaskoversicherung
Leider hält sich der Irrglaube hartnäckig, dass die gesetzliche Pflegepflichtversicherung die Pflegekosten in kompletter Höhe übernimmt, also als eine Art Vollkaskoversicherung fungiert. Doch das stimmt nicht. Die Pflegeversicherung trägt – anders als die Krankenversicherung – nur einen Teil der Kosten. Den Rest müssen die Pflegebedürftigen selbst und auch deren Familien tragen. Weil die tatsächlichen Pflegekosten in der Regel deutlich höher ausfallen, ist eine zusätzliche private Vorsorge mehr als sinnvoll.
„In meinen Beratungsgesprächen erlebe ich oft, dass erst ein persönlicher Pflegefall in der Familie das Bewusstsein für die Notwendigkeit einer privaten Absicherung schärft. Außerdem wissen die wenigsten Kundinnen und Kunden, was an tatsächlichen Pflegekosten auf sie zukommen kann. Reicht das Geld des Pflegebedürftigen dann nicht aus, müssen gegebenenfalls auch Kinder für die Pflegekosten ihrer Eltern aufkommen.
Dabei gibt es für das Problem der Pflegelücke bedarfsgerechte Lösungen: Private Vorsorge ist weder sehr teuer noch unflexibel – für jeden Kunden gibt es passende Optionen, sowohl aus der Welt der Kranken- als auch der Lebensversicherung sowie immer stärker aus dem Bereich der betrieblichen Krankenversicherung (bKV).“
Thorsten Petrausch, MLP-Berater und CFP, Bamberg
Maßnahmen gegen die Versorgungslücke
Ebenfalls sinnvoll ist, nicht nur für sich selbst, sondern auch für Familienangehörige ein finanzielles Extrabudget für den Pflegefall zu bilden. Dabei sind durchaus entsprechend hohe Sparleistungen erforderlich, damit bei der Pflege keine Versorgungslücke entsteht. Denn nur die wenigsten Menschen hierzulande besitzen so viel Kapital, um die privaten Pflegekosten aus eigenem Einkommen oder Vermögen bestreiten zu können.
Welche enormen Kosten auf die Familienangehörigen zukommen können, hat der FPSB Deutschland ausgerechnet: Liegt der Eigenanteil für ein Pflegeheim bei 2.500 Euro im Monat, summieren sich die Kosten bei einer durchschnittlichen Pflegezeit von sieben Jahren – Tendenz steigend – auf 210.000 Euro. Um über diese Summe zu verfügen, müssten – bei einer Rendite nach Kosten, Steuern und Inflation von drei Prozent – erhebliche Sparleistungen erbracht werden.
Hohe Aufwendungen und Sparleistungen sind nötig
Ein 40-Jähriger, der heute mit dem Sparen startet, muss zum Beispiel pro Monat 360 Euro ansparen beziehungsweise einmalig 86.500 Euro aufbringen. Bei einer 50-jährigen Person wären es bereits 640 Euro monatlich beziehungsweise einmalig 116.300 Euro. Die Rechnung berücksichtigt nicht, dass die Teuerungsrate im Bereich Pflege und Gesundheit bedeutend höher ausfällt als die ausgewiesene Gesamtinflation. Aus diesem Grund sind die genannten 210.000 Euro ein Minimalwert. Diese Rechnung funktioniert jedoch nur, wenn man nicht vorzeitig zum Pflegefall wird.
Damit es also kein böses Erwachen gibt, sollte sich jeder frühzeitig mit dem Thema Pflege auseinandersetzen – denn hinzu kommt: Je früher vorgesorgt wird, desto niedriger sind die monatlichen Beiträge bzw. Sparraten. Auch ist bei den meisten Produktlösungen eine Gesundheitsprüfung erforderlich. Auch hier gilt: Je früher man abschließt, mit umso weniger Einschränkungen muss man rechnen.
Schließt ein 40-Jähriger eine Pflegetagegeldversicherung ab, liegt der Monatsbeitrag für eine bedarfsgerechte Absicherung bei ca. 100 Euro pro Monat. Dieser Beitrag deckt sowohl die Risikoabsicherung als auch eine monatliche Sparleistung ab, die dem zusätzlichen Kapitalaufbau dient. Ist dieser Beitrag zu hoch, gibt es zudem günstige Alternativen für den Einstieg, die unter 10 Euro pro Monat liegen und erst einmal nur die Risikoabsicherung beinhalten. Vorteil ist in diesem Fall, dass man mit Abschluss seinen Gesundheitszustand konserviert hat. Spätestens mit 60 muss allerdings auf die Variante umgestellt werden, die auch die Sparleistung beinhaltet – je jünger man ist, desto günstiger ist die Umstellung.
Risikoszenarien auf dem Prüfstand
Qualifizierte Beratung ist bei dem komplexen Thema empfehlenswert. Professionelle Finanzplaner geben Auskunft darüber, wie man sich und seine Familie richtig absichern kann und welche Lösungen welche Vorteile bieten. Außerdem können die Experten die möglichen Unterhaltspflichten für Kinder und Eltern abschätzen und organisatorisch begleiten. Ein wesentlicher Aspekt der individuellen Finanzplanung ist auch das Durchspielen möglicher Risikoszenarien und deren Auswirkungen auf die Vermögenssituation. Zum Beispiel werden inflationäre Entwicklungen oder finanzielle Aufwendungen bei einer möglichen Pflegebedürftigkeit simuliert.
Über den Autor:
Rolf Tilmes ist zertifizierter Finanzplaner und Vorstand des Finanzplanerverbands FPSB Deutschland. TIlmes lehrt gleichzeitig als Academic Director Finance, Wealth Management & Sustainability Management an der EBS Executive School in Oestrich-Winkel.

