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Energie und Technik für die Welt von morgen

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Kleine Ölpumpe, große Windräder Foto: imago images / viennaslide

Umweltfreundlicher und günstiger

Warum erneuerbare Energien wirtschaftlich überlegen sind

Der Beitritt der USA zum Pariser Klimaabkommen unter der neuen Biden-Regierung steht bevor und immer mehr Länder haben sich die Verringerung ihrer CO2-Emissionen auf Netto-Null auf die Fahnen geschrieben. In diesem Umfeld werden erneuerbare Energien auch an den Aktienmärkten immer beliebter.

Bei all den Diskussionen über die Zukunft nachhaltiger Energieträger wird aber oft ein ganz wesentlicher Faktor übersehen: Der eigentliche Grund für ihre erstaunliche Entwicklung, die sie in den vergangenen zehn Jahren von der Nische in den Mainstream und in direkte Konkurrenz mit fossilen Brennstoffen führte, ist eher wirtschaftlicher als ökologischer Natur.

Wind- und Solarenergie sind von Natur aus deflationär, während fossile Brennstoffe von Natur aus inflationär sind. Das heißt: Erstere werden zunehmend günstiger, letztere hingegen teurer. Das wird in den kommenden drei Dekaden enorme Auswirkungen auf das globale Energiesystem haben.

Produktion sauberer Energie wird immer günstiger

Betrachten wir zum Beispiel die unterschiedliche Wirtschaftlichkeit von erneuerbaren Energien und Öl: Bei Wind- und Solarenergie ist es nicht nötig, nach Reserven zu suchen oder eine Bohrung vorzunehmen – man muss einfach nur die Infrastruktur an der richtigen Stelle aufbauen und die vorhandene Energie nutzen.

Es geht also um Größenvorteile. Wenn diese zum Tragen kommen und durch technologische Verbesserungen ausgebaut werden, sinken die Investitionskosten im Laufe der Zeit dramatisch, während die kurzfristigen Grenzkosten der Produktion gleich Null sind.

Insbesondere im Bereich Solarenergie sind die Kosten spektakulär gesunken: Nach Schätzungen der International Renewable Energy Agency (IRENA) sind Großanlagen von 2010 bis 2019 um 80 Prozent günstiger geworden. Bei der Onshore- und neuerdings auch bei der Offshore-Windkraft haben die Kosten in den vergangenen zehn Jahren ebenfalls massiv nachgegeben.

Neue Projekte für erneuerbare Energien sind außerdem in der Regel mit langfristigen Abnahmeverträgen ausgestattet. Da dies eine entsprechend hohe Preissicherheit bietet, kann die Finanzierung in erster Linie mit Fremdkapital erfolgen. Bei historisch niedrigen Zinssätzen hat das einen doppelten Vorteil: Die Gesamtkapitalkosten sind sehr wettbewerbsfähig und der kleine Anteil, der durch Eigenkapital finanziert wird, kann hohe einstellige oder sogar niedrige zweistellige Renditen erzielen.

Ölförderung: Immer teurer und riskanter

In der Ölindustrie ist die Situation eine andere: Hier werden die am günstigsten zu erschließenden Reserven zuerst ausgebeutet. Sind diese erschöpft, werden Vorkommen angezapft, die schwieriger zu erreichen und daher teurer zu fördern sind. Technologische Verbesserungen können die zusätzlichen Kosten für die Erkundung und Erschließung zwar bis zu einem gewissen Grad abmildern, wie die US-Schieferölindustrie im vergangenen Jahr gezeigt hat. Aber: Von Natur aus ist die Erdölförderung inflationär.

Weil die Ölförderung schon immer ein riskantes Geschäft war, wurde sie außerdem hauptsächlich mit Eigenkapital finanziert. Eigenkapitalinvestoren sind bereit, ein höheres Risiko zu akzeptieren als Kreditgeber, aber sie erwarten im Gegenzug höhere Renditen. Und mit der zunehmenden Besorgnis über den strukturellen Nachfragedruck, der durch die politischen Notwendigkeiten der Dekarbonisierung, der Reduzierung der Luftverschmutzung und der Elektrifizierung des Verkehrs entsteht, wird die geforderte Rendite aus dem Ölgeschäft weiter steigen.

Das Jahr 2020 als Wendepunkt

Bezieht man noch die Auswirkungen von Covid-19 auf die Ölnachfrage 2020 ein, wird klar, warum der Markt den fossilen Brennstoffen den Rücken kehrt und sich den Erneuerbaren zuwendet: Laut Internationaler Energieagentur (IEA) werden nur Wind- und Solarenergie einen Nachfrageanstieg verzeichnen, während sie bei allen anderen Energiequellen im Vergleich zum Vorjahr sinken wird.

Damit ist 2020 ein großes Jahr in der Geschichte der globalen Energiemärkte: Erstmals werden Wind und Sonne 100 Prozent des Anstiegs der globalen Energienachfrage ausmachen. Zum Vergleich: Daten des Ölkonzerns BP zufolge waren es 2019 nur 34 Prozent.

Natürlich wird die Nachfrage nach fossilen Brennstoffen im Jahr 2021 vermutlich wieder stark ansteigen, wenn die Corona-Impfstoffe umfassend zur Verfügung stehen und die Wirtschaftstätigkeit sich zu normalisieren beginnt. Dennoch wurde eine psychologische wichtige Marke überschritten – und das Jahr 2020 bietet einen Vorgeschmack auf das, was den Energiemärkten im nächsten Jahrzehnt bevorsteht.

Da der Marktanteil der erneuerbaren Energien stark ansteigt, wird ein größerer Teil des globalen Energiesystems einem deflationären Druck ausgesetzt sein. In der Tat könnte es sein, dass die Preisgestaltung für einen beträchtlichen Teil des Öls auf langfristige Verträge umgestellt werden muss. Dabei dürften die Renditen, die in den letzten 75 Jahren das Markenzeichen der globalen Erdölindustrie waren, für alle außer den kostengünstigsten Produzenten wie Saudi-Arabien und anderen Ländern des Nahen Ostens schwinden.

Wichtige Informationen:

Alle hier geäußerten Ansichten sind die des Autors zum Zeitpunkt der Veröffentlichung, basieren auf den verfügbaren Informationen und können ohne vorherige Ankündigung geändert werden. Die einzelnen Portfoliomanagementteams können unterschiedliche Ansichten vertreten und für verschiedene Kunden unterschiedliche Anlageentscheidungen treffen. Der Wert von Anlagen und ihrer Erträge kann sowohl steigen als auch fallen und Anleger erhalten ihr Kapital möglicherweise nicht vollständig zurück.

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