Die USA sind der Eurozone im Konjunkturzyklus einen Schritt voraus. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) stieg in den Vereinigten Staaten im ersten Quartal im Jahresvergleich um zwei Prozent. Die Eurozone schaffte mit einem Plus von einem Prozent gerade einmal die Hälfte. Deutschland, die größte Volkswirtschaft Europas, befand sich in diesem Zeitraum sogar in der Rezession.

Für diese unterschiedliche Entwicklung gibt es im Wesentlichen drei Gründe. Erstens geht in den USA die Inflation schneller und früher zurück als in Euroland. Im Juni fiel die amerikanische Teuerungsrate bereits überraschend stark auf drei Prozent. Schon ein Jahr zuvor hatte sie mit 9,1 Prozent ihren Höhepunkt erreicht. In Europe erreichte die Inflationsrate erst vier Monate später, also im Oktober 2022, mit 10,6 Prozent ihr Top. Im Juni lag sie noch bei 5,5 Prozent und damit fast doppelt so hoch wie in den USA.

 

 

 

Durch die niedrigere Geldentwertung stiegen in den Vereinigten Staaten die Reallöhne, was dem Einzelhandel zugutekam. In Europa hatte Otto-Normal-Verbraucher dagegen netto weniger in der Tasche. 

Bei der zweiten Ursache für die schwache Wirtschaftsleistung Europas handelt es sich um den globalen Industriezyklus. Europa ist stärker von der Produktionstätigkeit abhängig als USA. Infolgedessen wirkt sich die weltweite Konjunkturschwäche in der Eurozone stärker negativ aus als in den Vereinigten Staaten. 

Es überrascht nicht, dass eine Volkswirtschaft wie Deutschland, in der die Exporte 49 Prozent des BIPs ausmachen und die Industrietätigkeit auf einen Anteil von 21 Prozent an der Bruttowertschöpfung kommt, zu den schwächsten der Welt gehört, wenn der globale Einkaufsmanagerindex des verarbeitenden Gewerbes unter der Wachstumsschwelle von 50 Punkten liegt. 

Energiekrise bremst Wachstum

Darüber hinaus wurde Europa durch eine rasche Verschlechterung der relativen Terms of Trade, also der Preise für Importe im Verhältnis zu denen für Exporte, zusätzlich benachteiligt, als die Energiepreise im Zuge des Ukraine-Kriegs im vergangenen Jahr sprunghaft anstiegen. Als Energieexporteur erlitten die USA nicht dasselbe Schicksal.

Der dritte Hauptfaktor für die schwächere wirtschaftliche Entwicklung Europas ist die Geldpolitik. Die amerikanische Notenbank Fed und die EZB haben zuletzt die Leitzinsen auf 5,25 bis 5,50 Prozent beziehungsweise auf 4,25 Prozent erhöht. Aber die Kreditströme und das Geldmengenwachstum haben sich in Europa viel stärker abgeschwächt als in den USA. Der Transmissionsmechanismus wurde in der Eurozone beschleunigt, da ein größerer Anteil der Anleihen variabel verzinst ist als in den USA

Inflation Reduction Act (IRA) als großes US-Konjunkturprogramm

Auch die Fiskalpolitik hat sich unterschiedlich entwickelt. Der amerikanische Inflation Reduction Act (IRA), der im August 2022 verabschiedet wurde, umfasst 369 Milliarden Dollar an grünen Subventionen und trägt zum Boom beim Bau von Industrieinfrastrukturen bei. Das unterstützt in den Vereinigten Staaten das verarbeitende Gewerbe, insbesondere im Vergleich zur Eurozone.

Doch jetzt deuten verschiedene Entwicklungen darauf hin, dass sich die Kluft zwischen den USA und Euroland wieder verringen dürfte. So sollte die Inflation in den kommenden Monaten auch in Europa sinken. Sie hinkt der in den USA um etwa drei bis vier Monate hinterher. Ein wesentlicher Grund für die abnehmende Geldentwertung sind die gesunkenen Energiepreise, von denen die Eurozone als Gas- und Ölimporteur profitiert. Dies unterstützt wiederum die Entwicklung der Reallöhne und damit den Konsum. Hier besteht noch immer erheblicher Nachholbedarf.

Außerdem scheint der globale Industriezyklus die Wende zu schaffen. Dieser Prozess wird die Produktionstätigkeit in Europa stärker ankurbeln als in den USA, da die Region stärker vom Außenhandel abhängig ist. Die Prognosen für die weltweite Industrietätigkeit haben begonnen, sich zu verbessern, und werden dies wahrscheinlich auch weiterhin tun. 

In China wuchs die Wirtschaft im zweiten Quartal im Jahresvergleich um 6,3 Prozent. Zwar lag dies vor allem an der niedrigen Vergleichsbasis aus dem Vorjahr. Damals befand sich die wichtige Wirtschaftsmetropole Shanghai zwei Monate lang im Lockdown und war vom Rest des Landes abgeriegelt. Aber das BIP erhöhte sich auch gegenüber dem Auftaktquartal dieses Jahres um zumindest 0,8 Prozent. Und das Wachstum der koreanischen Exporte liegt wieder im positiven Bereich. 

Darüber hinaus wirkt sich die Verbesserung der globalen Finanzbedingungen aufgrund niedrigerer Ölpreise, eines sinkenden Dollars und sich stabilisierender Renditen positiv auf den weltweiten Industriesektor aus, auch auf den der Eurozone.

 

 

 

Schließlich könnte in Europa die Investitionstätigkeit wieder zunehmen. Laut einer Analyse der Unternehmensberatung EY sehen 40 Prozent der befragten Firmen Inflation als größtes Risiko für Investitionen. Wenn jetzt die Teuerungsrate wie erwartet zurückgeht, dürfte umgekehrt die Bereitschaft für Ausgeben wieder steigen.

China und IRA sind kritisch

Für die Aufholjagd Europas gibt es aber auch zwei Risiken. Erstens ist die Wirtschaft in der Volksrepublik sicherlich noch nicht über den Berg. In China steigen die Sorgen vor einer möglichen Deflation. Im Juni stagnierten bereits die Verbraucherpreise. Eine konjunkturelle Schwäche der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt würde Europa aufgrund der höheren Exporte härter treffen als die USA. Außerdem könnte der IRA in den USA für ein stärkeres Reshoring sorgen. Allerdings gibt es auch in Europa die Tendenz, die Lieferketten wieder näher anzusiedeln.

Unterm Strich überwiegen jedoch die Chancen für Europas Konjunktur die Risiken. Was das für die Anleger bedeutet, liegt auf der Hand.

 


Über den Autor:

Norbert Hagen ist Sprecher des Vorstands der ICM Investmentbank. Das Institut wurde 1999 als Buyout der Hypovereinsbank-Gruppe gegründet und verwaltet im rund 500 Millionen Euro an Kundengeldern.