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Nach schwachem Vorjahr Warum nachhaltige Investments an der Börse wieder durchstarten können

Bosco Verticale, Milan
Begrüntes Hochhaus in Mailand: Nachhaltige Aktien können mit den Kurszuwächsen konventioneller Titel zurzeit nicht mithalten | Foto: Imago Images / Avalon.red

Auf Sicht von drei Jahren ist der MSCI World um rund 17 Prozent gestiegen. Der Global Challenges Index, kurz GCX genannt, schaffte in diesem Zeitraum nur ein in etwa halb so großes Plus. Bei dem GCX handelt es sich um einen bewährten Nachhaltigkeitsindex, den es bereits seit mehr als 15 Jahren gibt. Er umfasst 50 internationale Aktiengesellschaften, die sich mit einer oder mehreren globalen Herausforderungen befassen. Dazu zählen unter anderem die Bekämpfung des Klimawandels und der Armut.

Der Drei-Jahres-Vergleich mit dem MSCI World scheint die Einschätzung zu bekräftigen, dass verantwortungsvolles Investieren Rendite kostet. Dabei könnte es sich allerdings um eine Momentaufnahme handeln. Der Überfall Russlands auf die Ukraine vor rund zwei Jahren hat auch an den Finanzmärkten Spuren hinterlassen.

Plötzlich waren Aktien von Rüstungsherstellern und Ölförderern gefragt, um die ein großer Teil der Investoren in den Jahren zuvor einen weiten Bogen gemacht haben. Beispielsweise hat der Aktienkurs von Ölförderer Exxon seit dem Beginn der russischen Aggression um rund 40 Prozent zugelegt. Waffenproduzent Rheinmetall hat sich in dieser Zeit sogar fast vervierfacht.

Wie nachhaltig sind Waffen?

Durch die Entwicklung der zurückliegenden zwei Jahre drängen sich zwei Fragen auf. Erstens: Welche Geschäftsmodelle sind überhaupt nachhaltig? Und zweitens: Kann sich die Rally bei Waffen- und Ölproduzenten in den kommenden zwei Jahren so fortsetzen wie in den vergangenen beiden?

Die erste Frage ist sicherlich etwas schwieriger zu beantworten, da es bekannterweise keine einheitliche oder eindeutige Definition von Nachhaltigkeit gibt. Nicht wenige Investoren argumentieren mittlerweile, dass Waffen auch der Verteidigung von Menschenleben dienen. Bis vor zwei Jahren standen Rüstungsgüter dagegen so ziemlich auf jeder Liste von Ausschlusskriterien nachhaltiger Investoren.

Dieser Stimmungsumschwung zeigt sich auch am Börsengang von Renk, der Anfang Februar ein voller Erfolg war. Noch im Oktober sagte der Hersteller von Getrieben, die unter anderem in Kampfpanzern zum Einsatz kommen, sein IPO in letzter Sekunde ab. Jetzt gab es satte Kursgewinne.

 

 

Auch bei den Produzenten fossiler Energieträger gab es einen gewissen Paradigmenwechsel. Das betrifft zumindest Erdgas, welches die EU im Rahmen ihrer Taxonomie als nachhaltige Brückentechnologie einstuft. Tatsächlich lässt sich die Grundlastfähigkeit von Wind- und Solarparks zumindest in den kommenden Jahren wohl nur durch den Einsatz von Gaskraftwerken gewährleisten. Diese belasten die Umwelt zumindest weniger als Öl- oder Kohlekraftwerke. Außerdem lassen sich die moderneren Gaskraftwerke perspektivisch auf Wasserstoff umrüsten.

Die beiden Beispiele Rüstung und Erdgas zeigen einmal wieder, wie umstritten der Begriff Nachhaltigkeit ist. Da hier nicht nur quantitative Faktoren, wie beispielsweise der Ausstoß von Treibhausgasen, eine entscheidende Rolle spielen, sondern auch qualitative, scheint eine einheitliche Definition kaum möglich. Letztendlich muss jeder Anleger für sich selbst entscheiden, ob er sozial und ökologisch vertretbar investieren möchte, und wenn ja, was er darunter versteht.

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Sehr viel Wachstum eingepreist

Die zweite Frage lässt sich wahrscheinlich etwas einfacher beantworten. Es ist sicherlich richtig, dass der Westen und hier vor allem Europa in den kommenden Jahren mehr Geld in die Verteidigung investieren werden. Deutschland hat nach Jahren 2023 erstmals das Nato-Ziel erreicht, zwei Prozent seiner Wirtschaftsleistung, gemessen am BIP, für die Bundeswehr auszugeben. Das gilt auch für immer mehr andere europäische Staaten. Auf die Hersteller von Rüstungsgütern dürften Jahre mit vollen Auftragsbüchern zukommen.

Doch diese Entwicklung kommt nicht überraschend. Vor allem die USA pochen schon lange auf die Einhaltung des Zwei-Prozent-Ziels. Das alles dürfte in den entsprechenden Aktienkursen zumindest weitgehend eingepreist sein. Was soll denn noch passieren, dass sich der Kurs beispielsweise von Rheinmetall in den kommenden zwei Jahren noch einmal vervielfacht?

Bei Ölaktien sieht die Sachlage etwas anders aus. Hier ist es der Klimawandel, der perspektivisch die entsprechenden Geschäftsmodelle infrage stellt. 2023 war das wärmste Jahr seit dem Beginn der Wetteraufzeichnungen. Die zumindest teilweise dadurch ausgelösten Naturkatastrophen haben nach Berechnungen der Munich Re im vergangenen Jahr weltweit für Schäden in Höhe von 250 Milliarden Dollar gesorgt. Diese Kosten dürften bislang kaum in den Ölpreisen eingerechnet sein. 

Es könnte also durchaus sein, dass die Sonderkonjunktur bei Waffen- und Ölherstellern schon bald wieder vorbei ist und sich Anleger wieder vermehrt nachhaltigen Investments zuwenden. Auf Sicht von einem Jahr haben sich die Performance vom MSCI World und vom GCX schon wieder spürbar angenähert.

 


Quelle: Geneon

Über den Autor:

Mark-Uwe Falkenhain verfügt über insgesamt 35 Jahre Berufserfahrung bei der Beratung vermögender Privat- und Geschäftskunden. Nach verschiedenen Stationen bei deutschen und internationalen Großbanken ist Falkenhain bei der Geneon Vermögensverwaltung seit fünfzehn Jahren als Vorstand tätig.

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