Nachdem 2022 steile Zinserhöhungen in den USA und Europa die Anleihekurse in den Keller schickten, stehen festverzinsliche Anlagen wieder in der Gunst der Anleger. Jenseits von Staatsanleihen gibt es noch eine Reihe von Möglichkeiten, die Anleger jedoch möglicherweise übersehen. Neben sogenannten Fallen Angels („gefallene Engel“), also von Investment Grade auf Hochzins-Niveau (oder englisch: High Yield) herabgestuften Anleihen, können Unternehmensanleihen aus Schwellenländern Potenzial für höhere Renditen und Diversifizierung bieten.

Chance für Anleger: Gefallene Engel schneiden besser ab als die breiten Hochzinsmärkte

Herabstufungen können den Anleihekursen erheblich schaden, vor allem, da einige Investoren an Mandate gebunden sind, die ihnen nur Investitionen in Investment-Grade-Anleihen erlauben, und verkaufen müssen, sobald eine Anleihe als Hochzinsanleihe eingestuft wird. In der Vergangenheit haben solche gefallenen Engel in der Regel jedoch deutlich und anhaltend besser abgeschnitten als die breiten Hochzinsmärkte und sowohl den breiten Markt für hochverzinsliche Unternehmensanleihen sowie Anleihen mit BB-Rating übertroffen.

Eines der bemerkenswertesten Merkmale dieser Outperformance ist ihre Beständigkeit: globale Fallen-Angel-Bonds haben breitere globale High-Yield-Anleihen in der Vergangenheit bei einer Betrachtung über drei, fünf und zehn Jahre bereits in mehr als 90 Prozent der Fälle geschlagen. Darüber hinaus sollten sich Anleger von der Outperformance in der Vergangenheit nicht blenden lassen und die bestehenden Risiken eines Investments in gefallene Engel genau unter die Lupe nehmen. Neben dem Fremdwährungsrisiko und dem Risiko im Zusammenhang mit Schwellenländern, insbesondere aufgrund mangelnder Regulierung und Liquidität, ist hier auch das Risiko hochverzinslicher Wertpapiere zu nennen.

Quelle: ICE Data Indices, LLC; Stand: 31. Mai 2023. Hinweis: Die globalen Fallen Angels sind durch den Index ICE Global Fallen Angel High Yield 10% Constrained repräsentiert, Globale Hochzins-Anleihen durch den Index ICE BofA Global High Yield und Globale BB-Anleihen durch den Index ICE BofA BB Global High Yield

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Diese Outperformance-Anomalie zu erklären ist nicht ganz einfach, weder über die aktuelle oder historische Rating-Verteilung noch durch einen Blick auf die Durationen. Obwohl Fallen Angels im Durchschnitt eine längere Duration als Hochzins-Anleihen haben, haben sie sich nicht immer so verhalten, wie man daraus schließen könnte. Im Gegenteil: Als die Zentralbanken der USA, Europas und des Vereinigten Königreichs im Jahr 2022 die Zinssätze anhoben, hielten sich die gefallenen Engel im Durchschnitt gut und übertrafen die breiten Hochzinsanleihen im Laufe des Kalenderjahres um 27 Basispunkte.

Ein Teil der Erklärung ist, dass Fallen Angels nach einer Herabstufung überverkauft sind. Im Allgemeinen senken die Rating-Agenturen die Kreditwürdigkeit der Emittenten nach mehrmonatigen Überprüfungen. Vorrausschauende Großanleger, die keine Anleihen unterhalb der Investment-Grade-Kategorie halten dürfen, verkaufen entsprechend sobald sie eine Herabstufung erwarten. Untersuchungen zeigen, dass die Anleihekurse im Durchschnitt um mehr als 8 Prozent fallen, bevor eine Rating-Änderung eintritt. Danach erholen sie sich oftmals, einem V-Muster folgend, jedoch wieder um etwa 6 Prozent. Eine Investition in diese Anleihen beim Erreichen der Talsohle kann daher zu einer erheblichen Outperformance führen.

 

Ein längerfristiger Grund für die Outperformance der Fallen Angels könnte in ihrer Natur liegen: Diese gewissermaßen „aus dem Himmel der Investment-Grade-Anleihen vertriebenen Engel“ standen im Mittelpunkt der jüngsten Krisen. Während die Sektorenzusammensetzung des Hochzins-Universums stabil geblieben ist, sind die Fallen Angels wechselhafter und tendieren zu Werten, die „in Ungnade gefallen“ sind.

So machte die globale Finanzkrise 2008 bis 2009 viele Finanzemittenten zu gefallenen Engeln, während der Ölpreisverfall 2014 bis 2016 dasselbe für Energieunternehmen bewirkte, was auch Konzentrationsrisiken erhöhen kann. Die Kombination aus dem Überverkauf bei Herabstufungen und der Tendenz, in unattraktiveren Sektoren engagiert zu sein, ist die überzeugendste Erklärung für die darauffolgende Outperformance der gefallenen Engel.

Bessere Wechselkurse, Zinsvorteil: Was für Schwellenländer-Anleihen in Lokalwährung spricht

Was die Schwellenländer betrifft, so schnitten Anleihen in Lokalwährungen in den Jahren 2021 und 2022 aufgrund des starken US-Dollars und der turbulenten geopolitischen Lage schlechter ab als festverzinsliche Wertpapiere insgesamt. Doch im ersten Quartal 2023 hat sich das Blatt gewendet und sogar die Wechselkurse haben sich zu ihren Gunsten entwickelt. Dank einer Mischung aus politischen Verbesserungen und dem inflationsbedingten Rohstoffzyklus gibt es gute Gründe davon auszugehen, dass sich die Rückkehr zu den langfristigen Kursniveaus fortsetzen könnte. Die Staatsverschuldung der Schwellenländer ist im Verhältnis zum BIP niedriger als die der Industrieländer. Darüber hinaus waren die Leistungsbilanzsalden in den letzten Jahren stabil, und im Durchschnitt verzeichnen die Länder sogar fast Handelsüberschüsse.

Quelle: IWF, 2001 bis 2022. Daten vom 2023 bis zum 2027 sind prognostiziert.

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Während ein Großteil der Industrieländer immer noch stark negative Realzinsen aufweist, können Schwellenländer einen erheblichen Zinsvorteil bieten. Die Zentralbanken der Schwellenländer halten die Realzinsen im Regelfall so hoch wie möglich, um die Inflation in Schach zu halten. In einigen Ländern bietet dies Anlegern in lokaler Währung ein reales Einkommen nach der Inflation – allerdings sollte hierbei die Währungsvolatilität im Auge behalten werden.

Quelle: IWF, 2022

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Als Nettoexporteure von Rohstoffen verfügen die meisten Schwellenländer bei hohen Rohstoffpreisen über Dollar-Reserven, um ihre Währungen bei Bedarf zu stabilisieren. Die Vorteile, die sich aus hohen Rohstoffpreisen für die Staatsfinanzen ergeben, könnten Schwellenländeranleihen in Lokalwährung für einige Anleger zu einer wertvollen Inflations-Absicherung machen.

Schwellenländer-Hochzinsanleihen: überdurchschnittliche Renditen ohne Qualitätseinbußen?

Im Gegensatz zu den Staatsanleihen erhalten Unternehmensanleihen aus Schwellenländern viel weniger Aufmerksamkeit. Dies gilt umso mehr für den Hochzins-Bereich. Im Durchschnitt bieten hochverzinsliche Schwellenländeranleihen sowohl einen erheblichen Renditeaufschlag als auch ähnliche, wenn nicht sogar bessere Ratings. Auf US-Dollar lautende Hochzins-Unternehmensanleihen aus Schwellenländern bieten bei einer geringeren Duration einen Renditeaufschlag von etwa 2,3 Prozent gegenüber US-Hochzinsanleihen.

 

Trotz ihrer attraktiven Renditen weisen Hochzinsanleihen aus Schwellenländern jedoch keine schlechtere Gesamtbonität auf. In diesem Bereich gibt es mehr Anleihen mit einem BB-Rating und weniger mit einem CCC-Rating als bei Hochzinsanleihen aus Industrieländern – und das, obwohl sie in der Regel höhere Finanzstabilitätsstandards erfüllen müssen, um das gleiche Rating zu erhalten.

Hochzinsanleihen aus Schwellenländern bieten auch eine erhebliche Diversifizierung gegenüber einer Reihe anderer Anlagen. So können sie etwa für Anleger in US-Aktien attraktiv sein, die von der Allokation in Hochzinsanleihen profitieren möchten, ohne eine Überkonzentration zu riskieren. US-Dollar-Hochzinsanleihen aus Schwellenländern haben in der Vergangenheit eine viel geringere Korrelation zu US-Aktien aufgewiesen als ihr Industrieländer-Pendant:

Quelle: ICE Data Indices, LLC, MSCI, SPDJI Indices vom 31. Dez 2016 bis zum 31. Mai 2023. Hinweis: EM USD High Yield Corporate Anleihen sind durch den Index ICE Diversified HY US Emerging Markets Corporate Plus repräsentiert, US High Yield Anleihen durch den Index ICE BofA US High Yield, US Aktien durch den Index S&P 500 und die EM Aktien durch den Index MSCI EM

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Schwellenländer-Hochzinsanleihen weisen im Vergleich zu US-Dollar-Hochzinsanleihen aus Industrieländern eine ganz andere Sektorallokation auf, mit einem höheren Anteil an Energie und Grundstoffindustrien – Sektoren, von denen man annimmt, dass sie am meisten vom Inflationsdruck profitieren. Dies spiegelt die Handels- und Wirtschaftsstruktur der meisten Schwellenländer wider, die stark auf Rohstoffe ausgerichtet ist. Anleger sollten dennoch vor einer Investition das Schwellenländerrisiko und Konzentrationsrisiko berücksichtigen.

Wie wir gesehen haben, stellen sowohl Fallens Angels als auch hochverzinsliche Schwellenländeranleihen Anomalien an den Finanzmärkten dar. Schwellenländeranleihen in lokaler Währung können jedoch von der starken Haushaltslage der jeweiligen Regierungen, einer soliden Leistungsbilanz und dem Engagement in Rohstoffen profitieren.

Für Investoren, die nach dem Rücksetzer im Jahr 2022 die Attraktivität von Anleihen wiederentdeckt haben, bieten sich damit abseits der üblichen Staats- und Unternehmensanleihen weitere interessante Möglichkeiten, die zu höheren Renditen führen können und zusätzliche Diversifizierung bieten. Anleger sollten dabei jedoch die obengenannten Risiken berücksichtigen.

Über den Autor:
Kamil Sudiyarov ist Produktmanager beim Fondsanbieter Vaneck.