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Anleihe-Experte gibt Tipps Welche Schwellenländer für Anleger jetzt spannend sind

Buddhisten spielen traditionelle koreanische Musik bei Laternenfestival in Seoul, im Hintergrund moderne Wolkenkratzer
Buddhisten spielen traditionelle koreanische Musik bei Laternenfestival in Seoul, im Hintergrund moderne Wolkenkratzer: Südkorea gehört zu den Schwellenländern, die vergleichsweise gut durch die aktuellen Krisen kommen. | Foto: Imago Images / Penta Press

Die Angst vor einer Rezession in den entwickelten Industrieländern und insbesondere in den Vereinigten Staaten schlug im vergangenen Jahr hohe Wellen am Kapitalmarkt. Doch während die Aufmerksamkeit hauptsächlich auf den Ausverkauf an den Aktienmärkten in den USA und der Eurozone fixiert war und die Leitzinsen im Einklang mit den Inflationsraten dies- und jenseits des Atlantiks auf Levels angehoben wurden, die seit 20 Jahren nicht mehr am Kapitalmarkt beobachtet werden konnten, hat sich außerhalb des westlichen Blickwinkels auch die wirtschaftliche Situation vieler Schwellenländer dramatisch verschlechtert. Das gilt insbesondere für Länder mit ohnehin gering ausgeprägter wirtschaftlicher Stabilität.

In Zeiten optimistisch gestimmter Kapitalmärkte suchten Investoren nach Gelegenheiten in Staaten, die einen ähnlichen wirtschaftlichen Aufschwung vor sich haben könnten wie einst die sogenannten BRICS-Staaten, zu denen Brasilien, Südafrika, China, Indien und Russland gezählt werden. In dem Zusammenhang ist Mitte der 2000er Jahre die Kategorie der „Next-11“-Staaten entstanden. Zu diesen gehören die Emerging-Markets-Staaten Ägypten, Bangladesch, Indonesien, Iran, Mexiko, Nigeria, Pakistan, Philippinen, Südkorea, Türkei und Vietnam.

„Next-11“-Staaten in zwei Lager gespalten

Die Folgen der konjunkturellen Unsicherheiten der Industrieländer und die weltweiten makroökonomischen Belastungsfaktoren, beispielsweise die Nachwirkungen des Energiepreis-Schocks, schlagen aktuell deutlich sichtbar auf die Volkswirtschaften der „Next-11“-Staaten durch. Bemerkenswert dabei ist jedoch, dass die Intensität der negativen Auswirkungen ziemlich binär verteilt ist. Die Liste der „Next-11“-Staaten lässt sich daher aktuell in zwei Kategorien unterteilen: zum einen Länder, die volkswirtschaftlich besonders stark angeschlagen sind, und zum anderen die Länder mit nur moderaten konjunkturellen Auswirkungen.

 

So befinden sich beispielsweise Pakistan und Ägypten in Gesprächen um Hilfskredite mit dem Internationalen Währungsfonds, während für die Türkei eine Inflation von rund 50 Prozent für das Jahr 2023 erwartet wird. Zeitgleich wird Nigeria seit dem Zahlungsausfall des Nachbarlandes Ghana Anfang des Jahres als nächster Ausfallkandidat gehandelt. Dem gegenüber stehen Länder wie Südkorea, Indonesien oder auch Vietnam, die seit Jahresstart moderate Währungsabwertungen zu verzeichnen haben und bei welchen die Inflation für das Jahr 2023 mit „überschaubaren“ 3,5 bis fünf Prozent geschätzt werden.

Die Einflussfaktorenanalyse der unterschiedlichen Entwicklung der „Next-11“-Staaten zeigt, dass Preisstabilität eine der entscheidenden Voraussetzungen für politische Stabilität darstellt und eine wichtige Grundlage für ein stabiles wirtschaftliches Umfeld bildet. Wie schnell sich die gesellschaftliche Stimmung in einem Land aufgrund gestiegener Lebenshaltungskosten ändern kann, ließ sich im vergangenen Jahr an den Bevölkerungsunruhen in Kasachstan, Iran, Sri Lanka und Pakistan beobachtetn.

Die Preisstabilität steht in der Regel in engem Zusammenhang mit der Währungsstabilität. Deutlich sichtbar wird dieser Zusammenhang aktuell bei Ägypten, Pakistan und der Türkei, deren Landeswährungen seit Jahresbeginn gegenüber dem US-Dollar zwischen 30 und 72 Prozent abgewertet haben – bei gleichzeitigen Inflationsraten von rund 22 bis 50 Prozent, wie sie der Internationale Währungsfonds für 2023 schätzt.

 

Die starke Währungsabwertung wirkt sich dabei auf mehreren Ebenen negativ aus: Zum einen kann sie Inflation zusätzlich verstärken („Importierte Inflation“) und zum anderen führt sie zu einer Steigerung der Fremdwährungsschulden eines Staates in der jeweiligen Landeswährung. Damit erhöht sich die Wahrscheinlichkeit eines Zahlungsausfalls. Ein Blick auf den Markt für Credit Default Swaps (zu deutsch: Kreditausfalltausch) untermauert diesen Zusammenhang und offenbart für Ägypten, Pakistan und Türkei aktuell eingepreiste Ausfallwahrscheinlichkeiten von 65, 99,9 und 29 Prozent für die nächsten fünf Jahre.

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An diesen Beispielen wird auch deutlich, dass die Import-Abhängigkeit von bestimmten Gütern wie Rohöl oder Lebensmitteln (siehe Ägypten) die Anfälligkeit für die importierte Inflation weiter verstärkt und damit die Preis- und Währungsinstabilität weiter intensiviert.

Schwellenländer mit niedrigeren Renditen als manche EU-Länder

Eine vergleichsweise stabile Preis- und Währungsentwicklung weisen hingegen Indonesien, die Philippinen und Mexiko aus. Darüber hinaus können sie zum Teil von einzelnen idiosynkratischen Faktoren profitieren. Der starke US-Arbeitsmarkt und die kräftig gestiegenen Gehälter in den USA haben beispielsweise zur Folge, dass die Überweisungen von in den USA lebenden mexikanischen Einwanderern an die in Mexiko lebenden Verwandten kräftig angestiegen sind.

Auch in Indonesien und den Philippinen scheint die Konjunktur die aktuellen makroökonomischen Herausforderungen eher robust aufzunehmen. So erwartet der Internationale Währungsfonds für 2023 beispielsweise kräftige reale BIP-Wachstumsraten von fünf beziehungsweise sechs Prozent für die beiden südostasiatischen Inselstaaten. Im selben Zeitraum erwartet die europäische Zentralbank für die Eurozone ein Wachstum von lediglich 0,9 Prozent. Diese positiven Konjunkturaussichten in Verbindung mit relativer Preis- und Währungsstabilität wirken sich auch auf die Renditen und Ratings von in Euro denominierten Staatsanleihen dieser Länder aus, wie aus der nachfolgenden Tabelle ersichtlich ist.

Renditen für indonesische Euro-Staatsanleihen niedriger als vom EU-Land Rumänien

Emittent Reales BIP-Wachstum (Prognose 2023) Rating Implizierte 5-Jahres-Ausfallwahrscheinlichkeit (kum.) Anleihefälligkeit Rendite p.a.
Rumänien +2,4% BBB- 12,5% 6,625 % bis 11.03.29 5,70%
Indonesien +5,0% BBB 7,2% 1,00 % bis 28.07.29 4,10%
Philippinen +6,0% BBB 6,8% 0,70 % bis 03.02.29 4,00%
Mexiko +1,8% BBB- 6,9% 3,625 % bis 09.04.29 4,00%

Quelle: Bloomberg

Die aktuellen weltweiten volkswirtschaftlichen Herausforderungen wirken sich sehr unterschiedlich auf die „Next-11“-Emerging Market Länder aus. Während einige Länder als Default-Kandidaten gesehen werden, profitieren andere von ihren strukturellen Stärken, welche sich in Preis- und Währungsstabilität widerspiegeln. Das Beispiel der unterschiedlichen Entwicklungen der „Next-11“-Staaten bestätigt, dass das Label „Emerging Market“ allein keine ausreichende Aussage über die Kredit-Qualität eines Staates treffen kann.

Über den Autor:
Vladislav Krivenkov ist Portfoliomanager beim Fondsanbieter Nordix. Dort ist er für den Anleihefonds Nordix Treasury plus (ISIN: DE000A2DKRH6) verantwortlich.

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