2024 werden voraussichtlich mehr Wählerinnen und Wähler als je zuvor in der Geschichte – insgesamt fast die Hälfte der Weltbevölkerung in 91 Ländern – bei nationalen oder im Falle des EU-Parlaments transnationalen Wahlen an die Urnen gerufen werden.

Historisches Superwahljahr 

Über die damit verbundenen höheren geopolitischen Risiken ist bereits viel gesprochen worden. Ja, die Risiken haben in der Tat zugenommen – aber nicht überall und schon gar nicht gleichmäßig. Und wir dürfen nicht vergessen, dass nicht alle geopolitischen Ereignisse die Finanzmärkte beeinflussen.

 

 

 

Dazu müssten sie sich erheblich auf die Volkswirtschaften, die diese Märkte antreiben, auswirken. Andernfalls wird jede daraus resultierende Volatilität zu einer Gelegenheit für aktive Anleger, zu einem günstigeren Kurs zu kaufen. In den USA zeigen die historischen Daten jedenfalls, dass Wahlen den mittelfristigen Trend inländischer Finanzwerte kaum beeinflusst haben.

Bedeutende politische Veränderungen, die nach Wahlen eingeführt werden, können dagegen eine viel länger anhaltende Wirkung haben, auch wenn die Marktentwicklung möglicherweise nicht so einfach davon abzuleiten ist und von weiteren Aspekten als nur der Innenpolitik abhängt.

Und wie immer steckt der Teufel im Detail: Einige der Wahlen könnten sich auf bestimmte Bereiche des Marktes auswirken und für andere Teile weniger. Ein Bereich, der als klarer Verlierer eines Trump-Sieges angesehen wird, sind Nachhaltigkeit und Investitionen in eine CO2-arme Zukunft. Die aktuellen Bewertungen vieler Unternehmen in diesem Wirtschaftsbereich spiegeln diese Unsicherheit wider.

Präsident Biden hat das Eingreifen der Regierung und das Pariser Klimaabkommen begrüßt und mit dem Inflation Reduction Act (IRA) rund 400 Milliarden Dollar für die Finanzierung sauberer Energie und des Klimas bereitgestellt. Andererseits hat Donald Trump erklärt, dass er den IRA im Falle seines Wahlsieges zurücknehmen wird.

Der andere Bereich, über den im Zusammenhang mit den US-Wahlen häufig diskutiert wird, ist das Gesundheitswesen. Nach einem "annus horribilis" 2023 hat sich der Sektor 2024 bisher etwas besser entwickelt. Dies ist für ein Wahljahr ungewöhnlich, was aber zum Teil auf die im IRA enthaltenen Bestimmungen zum Gesundheitswesen zurückzuführen ist. Das soll nicht heißen, dass bei der Gesundheitsreform nicht auch etwas anderes plötzlich zur Sprache kommen könnte.

Der Gesundheitsbranche drohen harte Zeiten

Trump hat die Wiederaufnahme einer Exekutivverordnung über die Preisgestaltung für Arzneimittel nach dem Prinzip der Meistbegünstigung erwähnt. Das heißt, die USA zahlen denselben Preis wie ihre wichtigsten Handelspartner. Dies wäre eine schlechte Nachricht für den Sektor, da die Nettopreise in der Europäischen Union derzeit 50 Prozent der Preise betragen, die die Hersteller beim Verkauf in die USA erzielen.

Auch wenn diese Maßnahmen alles andere als sicher sind, bergen sie doch alle Risiken, die wir bei der Auswahl unseres Portfolios berücksichtigen und an denen wir Bewertungen und Gewinnwachstumsaussichten der Unternehmen messen müssen.

 

 

Eine Wahl, die für die Märkte ein ganz anderes potenzielles Ergebnis zu bringen scheint, sind die Parlamentswahlen im Vereinigten Königreich. Einem Sieg der Labour-Partei, dem derzeit am meisten erwarteten Szenario, scheinen die Marktteilnehmer mit einer Dosis Optimismus zu begegnen. Die oppositionelle Labour-Partei hat sich als wirtschaftsfreundlicher als früher präsentiert und gibt den Anlegern die Hoffnung auf eine Phase der Stabilität in der britischen Politik, die seit 2016 fehlt.

Auch in Asien wird es Wahlen geben. Seit dem 19. April bis zum 1. Juni wählen die Inderinnen und Inder. Es wird allgemein erwartet, dass Premierminister Modi für eine dritte Amtszeit wiedergewählt wird. Ein anderes Ergebnis würde möglicherweise eine sehr schlechte Marktentwicklung auslösen.

Sollte in Japan die Partei von Premierminister Kishida die Nachwahlen zum Unterhaus Ende April verlieren, erwarten wir, dass dort Forderungen nach seinem Rücktritt laut werden. Trotz der Ungewissheit denken wir nicht, dass dies die positive Dynamik des lokalen Aktienmarktes beeinträchtigen wird, die durch Unternehmensreformen, Verbesserung der Unternehmensbilanzen sowie Produktivitäts- und Gewinnsteigerungen gestützt wird.

In Asien und insbesondere in China sind die US-Wahlen wohl ein Grund für die Volatilität an den Märkten. Einige von Donald Trumps Versprechen, zum Beispiel die Zölle auf chinesische Importe zu erhöhen, bedeuten, dass chinesische Unternehmen anfällig für „Schlagzeilen“ im Zusammenhang mit seinem möglichen Sieg sein werden. In den schwachen Bewertungen des chinesischen Marktes ist wohl schon einiges davon eingepreist. Die Abhängigkeit chinesischer Unternehmen von den USA sinkt bereits. Wie immer müssen wir klar unterscheiden zwischen Unternehmen, die von Zöllen betroffen sein könnten, und solchen, die es nicht sein werden.

Und während all das die kurz- bis mittelfristigen Auswirkungen der Wahlen betrifft, zeichnet sich auch eine längerfristige Wirkung ab. Sowohl Biden als auch Trump scheinen geneigt zu sein, die USA auf dem Kurs der fiskalischen Großzügigkeit und einer höheren Schuldenaufnahme zu halten.

Auch wenn dies auf kurze Sicht den Status des US-Dollars als internationale Reservewährung und den US-Markt als letzten Zufluchtsort nicht in Frage stellen dürfte, stellen die Märkte zunehmend Fragen über die Nachhaltigkeit des fiskalischen Kurses in den USA. Bislang zeigen die historischen Daten keinen eindeutigen Zusammenhang zwischen der Höhe der Staatsverschuldung und den Renditen von US-Treasuries, aber wie wir aus der Geschichte gelernt haben, sollte nichts als selbstverständlich angesehen werden.

 


Fabiana Fedeli
                      Fabiana Fedeli
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Über die Autorin:

Fabiana Fedeli ist Investmentchefin (Chief Investment Officer) für Aktien, Multi Asset und Nachhaltigkeit bei M&G Investments.