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Zukünftige Regierung Was Finanzprofis zum Wahlergebnis sagen

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„Schwierige Situation“

Foto: Carmignac

Gergely Majoros, Mitglied des Investment-Komitees von Carmignac:

„Bislang ist kaum vorstellbar, dass die Finanzpolitik in Deutschland in Zukunft deutlich gelockert werden könnte, auch wenn Ausgaben im Zusammenhang mit dem Klimawandel auf jeden Fall zu erwarten sind. Ebenso wenig eindeutig ist die künftige Haltung Deutschlands zu den EU-Fiskalregeln und zur EU-Integration.
Dieser Wahlausgang bestätigt unsere Vorsicht an den europäischen Kernzinsmärkten. Nicht nur die Koalitionsverhandlungen könnten sich in die Länge ziehen. Auch die Finanzmärkte treten nun in die entscheidende Phase der Normalisierung der Finanz- und Geldpolitik ein. Darüber hinaus könnten sich die Erwartungen an das Wirtschaftswachstum bald abschwächen, während die Inflationserwartungen noch steigen könnten – insgesamt eine schwierige Situation für Zentralbanken und Anleiheinvestoren.“

„Märkte mögen keine Unsicherheit“

Lale Akoner, Senior Marktstrategin bei BNY Mellon IM:

„Die Finanzmärkte gehen davon aus, dass die Koalitionsverhandlung sich über einen längeren Zeitraum hinziehen werden. Das ist nicht gut, denn die Märkte mögen keine Unsicherheit. Wir erwarten deshalb eine höhere Volatilität. Eine Ampelkoalition von SPD, Grünen und FDP würde sich auf die Anleihemärkte auswirken, da eine solche Koalition sicherlich einen Richtungswechsel von der Ära des Sparens unter Angela Merkels Regierung hin zu höheren Staatsausgaben einleiten würde. 

Der Markt für Bundesanleihen (und die Anleihemärkte der Peripherie-Länder in Europa) haben in den letzten Wochen bereits stark auf die Ampelkoalition gesetzt: Die Rendite 10-jähriger deutscher Staatsanleihen ist von -0,50 Prozent am 20. August auf -0,23 Prozent am Freitag vergangener Woche gestiegen.“

Im Falle einer großen Koalition mit CDU/CSU und SPD gehen wir von keinen bedeutenden Veränderungen zur Ära Merkel aus. Dies gilt auch für eine Koalition aus CDU/CSU, Grünen und FDP. Wenn eine dieser beiden Varianten im Verlauf der nächsten Wochen wahrscheinlicher werden, erwarten wir, dass die Anleihekurse wieder steigen werden.“

„Kontinuität mit neuem Kanzler“

Foto: NNIP

Marco Willner, leitender Investmentstratege bei NNIP:

„Unter der Annahme, dass die Option der Großen Koalition vorerst vom Tisch ist, werden die Märkte genau darauf achten, bei welchen Themen sich die Juniorpartner im Detail einigen werden. So stellt sich bei der FDP die Frage, ob die Schuldenbremse in einer Form aufgestellt wird, dass Investitionen und die Zustimmung bei europäischen Projekten finanziert werden können. Dies ist wichtig, um die Finanzierungskondition in der europäischen Peripherie günstig zu halten. Bei den Grünen hingegen werden sich die Fragen stellen, ob der Kohleausstieg vorgezogen wird und die Mieten stärker reguliert werden. Das Verhandlungsergebnis dürfte zu Bewegungen bei den Versorgern und den Immobilienaktien führen.

Unterm Strich bleibt festzuhalten, dass Deutschland auf eine lagerübergreifende Dreierkoalition zusteuert. Der neue Kanzler dürfte dabei auch für Kontinuität stehen. Die marktrelevanten Fragen werden sukzessive in den Koalitionsverhandlungen geklärt werden.“

„Keine reflexartige Furcht“

Niall Gallagher, Investment Director für europäische Aktien bei GAM Investments:

„Wenn die Erfahrungen der Schröder-geführten Regierung, die zu einer marktfreundlichen Politik führte – insbesondere zu den Hartz-Reformen, welche die deutsche Wirtschaft ab Mitte der 2000er Jahre wiederbelebten – etwas hergeben, gibt es keinen Grund, eine SPD-geführte Koalition reflexartig zu fürchten.

Zahlreiche Bereiche der deutschen Politik wurden in den letzten Jahren nicht gut gehandhabt. Vor allem bei der Energiewende, wo Deutschland kurz vor dem Ausstieg aus der kohlenstofffreien Kernenergie steht, aber immer noch große Mengen an Braunkohle zur Stromerzeugung verbrennt – möglicherweise bis 2038. Fortschritte bei der Bankenunion innerhalb der EU und eine vernünftigere Finanzpolitik, die den Schwerpunkt auf langfristige Infrastrukturinvestitionen legt, sind mit einem Regierungswechsel und einer neuen Ausrichtung wahrscheinlicher.

„Letztlich irrelevant“

Foto: Berenberg

Berenberg-Chefanlagestratege Bernd Meyer:

„Positiv zu bemerken ist zudem, dass die Parteien vom äußeren Rand Verluste erlitten haben. Das ist für Anleger ein gutes Zeichen, dass Deutschland mit einer starken Mitte ein verlässlicher Partner in Europa und international ist.

Auf der anderen Seite erscheint aber auch ein marktwirtschaftliches Reformprogramm mit den Grünen sehr unwahrscheinlich. Die neue Regierung wird wahrscheinlich die Tendenz der letzten acht Jahre zu einer entspannteren, Mitte-Links- und grüneren Politik fortsetzen und mehr Geld für Digitalisierung, Infrastruktur, Klimaschutz und Gesundheit ausgeben. Die Unterschiede in der fiskalischen Gesamtausrichtung dürften aber nicht groß genug werden, um die Aussichten für die Gesamtnachfrage in Deutschland oder der Eurozone zu verändern.

Wie so häufig, dürfte damit die Bundestagswahl für die globalen Märkte letztlich ziemlich irrelevant bleiben.“

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