Niedrige Volatilität kann unterschiedliche Gründe haben

Warum sollte sich die Vergangenheit wiederholen? Letztlich ist Volatilität nichts anderes als eine statistische Eigenschaft der Ertragsverteilung, die rein gar nichts über das Langfristpotenzial eines Unternehmens aussagt. Hinzu kommt, dass Mehrerträge niedrigvolatiler Aktien nicht nur als Anomalie gelten, sondern auch der gängigen Vorstellung widersprechen, dass jeder Erfolg seinen Preis hat – und dass Investoren mehr wagen müssen, um mehr zu gewinnen. Was spricht also dafür, dass die Volatilitätsanomalie bestehen bleibt?

Eine Fundamentalanalyse des Low-Volatility-Universums zeigt, dass es sich streng genommen gar nicht um eine Anomalie handelt. Die stabileren, langfristig ausgerichteten Unternehmen dieses Universums unterscheiden sich grundlegend von den konjunktursensitiveren, volatileren Firmen. Grafik 4 vergleicht die volatilsten 40 Prozent der Aktien des MSCI All Country World Index (meist Zykliker, oft mit langfristigen Mindererträgen) mit den stabilsten 60 Prozent. Den Daten zufolge sind Eigenkapitalrendite und Gewinnwachstum bei niedrigvolatilen Aktien stabiler und weniger konjunktursensitiv. Außerdem ist der Zinsdeckungsgrad höher.

Grafik 4: Niedrigvolatile Aktien sind stabiler und widerstandsfähiger

Trotz kurzfristiger Entwicklungen, die die Märkte erheblich bewegen können, gibt es langfristige Gewinner und Verlierer. Wir glauben, dass auf Dauer und über mehrere Marktzyklen Unternehmen mit besseren Fundamentaldaten zu den Gewinnern zählen. Und niedrigvolatile Aktien haben meist bessere Fundamentaldaten.

Zwar können auch schwächere Titel niedrigvolatil sein, doch sollte man Unternehmen mit der Aussicht auf Minderertrag und starke Verluste generell meiden.

Was bringt die Zukunft?

Für die Zukunft ist es wichtig, das Ertragsprofil niedrigvolatiler Aktien besser zu verstehen. Niedrige Volatilität ist im Grunde ein Faktor – wie Value (Bewertung), Wachstum oder niedrige Marktkapitalisierung (Small Cap). Wie jeder Faktor hängt auch hier die relative Entwicklung von der Zyklusphase ab. In unserer Studie mit dem Titel „Factor Dynamics Through the Cycle“ definieren wir vier Marktphasen auf Basis der OECD-Frühindikatoren. Wie Grafik 5 zeigt, sind die schlechtesten Phasen für niedrigvolatile Aktien die Aufschwungs- und die Expansionsphase. Das leuchtet ein, da sich im Aufschwung hohe Risiken auszahlen und in der Expansionsphase zyklische Industriewerte, etwa aus dem Grundstoff- und Energiesektor, oft vorn liegen. Das hilft auch, die Entwicklung von Low-Volatility-Strategien im Jahr 2020 zu erklären, als Investoren an diesem Investmentstil generell zu zweifeln begannen. Wir meinen, dass niedrigvolatiles Investieren noch immer funktioniert. In der damaligen Zyklusphase hat sich der Stil ganz einfach so entwickelt, wie man es in diesem für ihn nicht günstigen Umfeld erwarten sollte.