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Kleinanleger-Hype Was sind eigentlich Meme-Aktien?

Gamestop-Filiale in New York
Gamestop-Filiale in New York: Das Gamestock-Papier ist quasi die Mutter aller Meme-Stocks. | Foto: imago images / Levine-Roberts

Meme-Stocks – dieser noch recht junge Begriff geistert seit einigen Monaten durch die Anlegerwelt. Das Wort Meme kommt aus der Internetkultur. Ursprünglich bezeichnete es Bilder oder kurze Videosequenzen, die einen hohen Wiedererkennungswert besitzen und in sozialen Netzwerken kursieren. Mittlerweile wird es auch auf Aktien angewendet. „Meme-Stocks sind Aktien, die sich im Internet viral verbreitet haben und so die Aufmerksamkeit von Anlegern erwecken“, sagt Dmitry Ivanov, Geschäftsführer des deutschen Zweigs der Broker-Gesellschaft Freedom Finance.

Die Informationen verbreiten sich vor allem über das Internet. Aktien, die in Geldanlageforen massenhaft erwähnt werden und die Nutzer untereinander zum Kauf empfehlen, erleben in der Folge sprunghafte Kursanstiege. Wie etwa die Gamestop-Aktie, Paradebeispiel für einen Meme-Stock: Zunächst machten die Nutzer des Privatanlegerforums Wallstreetbets der Plattform Reddit auf das Papier aufmerksam. Gamestop, ein in die Jahre gekommener US-Videospielekonzern, hatte offenbar den Anschluss an die Digitalisierung verpasst, der Kurs dümpelte seit geraumer Zeit vor sich hin. Einige Shortseller hatten das Papier für sich entdeckt und sich mit Wetten auf einen Kursabsturz gegen die Aktie positioniert.

Nach den wiederholten Kaufempfehlungen der Wallstreetbets-Nutzer schoss der Gamestop-Kurs Anfang dieses Jahres jedoch in die Höhe. Innerhalb weniger Tage legte die Aktie um mehr als 2000 Prozent zu. Einige Hedgefonds sahen sich gezwungen, ihre Positionen zu schließen und die Aktie zurückzukaufen – was den Kurs nur noch weiter beflügelte. Die Kleinanleger-Community verbuchte das in Kommentaren als vermeintlichen Sieg gegen „Big Finance“.

Allerdings war die Wette hochspekulativ, die Aktie selbst bot keinerlei Anhaltspunkte für eine fundamental begründbare Erholung. Im weiteren Verlauf hatten darum viele Glücksritter das Nachsehen. Bis heute ist die Gamestop-Aktie hoch volatil. So einige Kleinanleger dürften mit ihrem Investment eine Bauchlandung erlitten haben.

„Hintergrund für den Kursanstieg bei Meme-Aktien ist nicht etwa die Leistung des Unternehmens, sondern der in den sozialen Foren wie Reddit generierte Hype rund um die Aktie“, resümiert Invanov. Der Broker-Geschäftsführer will einen typischen Zyklus beobachtet haben, der sich in Fällen wie Gamestop regelmäßig entspinne.

Hype verläuft zyklisch

„Anfangs, während der frühen Implementierungsphase, stellen einige Anleger fest, dass eine bestimmte Aktie unterbewertet ist, und beginnen diese in großen Mengen zu kaufen, wodurch der Kurs langsam steigt“, so Ivanov. In einer mittleren Phase würden zunehmend mehr Menschen auf den steigenden Kurs aufmerksam und investierten ebenfalls – der Kurs schießt in die Höhe. Nächste Station, so Invanov, sei die sogenannte FOMO-Phase (FOMO = fear of missing out): „Zu dieser Zeit verbreitet sich die Aktie bereits in sämtlichen sozialen Medien und Online-Foren. Aufgrund der Angst, etwas zu verpassen, steigen immer mehr Anleger ein.“ In einer abschließenden Phase erreichten die Käufe ihren Höhepunkt – frühe Anleger stiegen dann mit hohem Gewinn wieder aus. „Da die Menschen Angst vor Verlusten haben, entwickelt sich eine Kettenreaktion, die eine Reihe an Panikverkäufen auslöst – der Kurs stürzt ab“, beschreibt Ivanov die für viele Beteiligte fatale Dynamik.

Der Zyklus könne einige Monate später auch wieder in die entgegengesetzte Richtung verlaufen – der Hype setzt sich dann fort. Viele Kleinanleger, die zwischenzeitlich auf den Zug aufgesprungen waren, haben sich dann allerdings schon längst wieder aus dem Investment zurückgezogen und bleiben auf ihren Verlusten sitzen.

Die Meme-Aktienkultur konzentriert sich bis heute noch vorwiegend auf den US-amerikanischen Markt. Einen Grund dafür sieht Ivanov im dort vergleichsweise hohen Engagement von Privatanlegern. „In den USA macht der Anteil der Kleinanleger mehr als 30 Prozent des Handelsvolumens aus. In Europa liegt ihr Anteil nur bei etwa 5 Prozent.“ Zweiter Grund seien europäische Handelsbeschränkungen: „Europa gewährt beim Aktienhandel weniger Freiheiten. Für Kleinanleger ist es deshalb schwieriger, sich zusammenzuschließen und gegen Leerverkäufer vorzugehen.“

Nichtsdestotrotz waren auch hiesige Kleinanleger aktiv und haben ein deutsches Pendant zu Wallstreetbets gegründet, auf Reddit heißt es „Mauerstrassenwetten“. Speziell für Pennystocks existiert das Forum „Ameisenstrassenwetten“.

Insgesamt betrachtet Ivanov das Phänomen Meme-Aktien als Gefahr für Kleinanleger: „Jeder sollte sich bewusst sein, dass es sich bei Meme-Stocks nur um Spekulationen handelt und dass die Aktien sehr volatil sind.“ Ob es also um Gamestop geht, um AMC, Bed Bath & Beyond oder Blackberry – wenn wenig aussichtsreiche Papiere auf Ansage plötzlich Kurskapriolen schlagen, sollten Privatanleger sich bewusst sein, dass deren Wert jederzeit wieder implodieren kann.

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