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Für den Zweitmarkt für Lebensversicherungen gelten neue Regeln: Abgeltungssteuer und Versicherungsvertragsgesetz bringen der Branche sowohl Unwetter als auch Sonnenschein

Kaum ein Wölkchen schien in den vergangenen Jahren den Ausblick für den Lebensversicherungs(LV)-Zweitmarkt zu trüben. Na gut, der Gesetzgeber hat sich immer noch nicht dazu durchgerungen, die Versicherungsgesellschaften zu einer Hinweispflicht zu verdonnern, ihre Kunden also darüber zu informieren, dass sie ihre Policen nicht nur stornieren, sondern auch verkaufen können, falls sie vor Fälligkeit aussteigen möchten. Trotz einer noch recht geringen Bekanntheit zeigt der Markt seit 1999 aber stetes Wachstum.

Nach wie vor kündigt rund jeder zweite Versicherungsnehmer in Deutschland vorzeitig seine Lebensversicherung. Jedes Jahr kommt so ein Storno-Volumen von rund 12 Milliarden Euro zusammen. Etwa die Hälfte davon stufen Policenaufkäufer als auf dem Zweitmarkt handelbar ein. Ihre Strategie: Sie kaufen den Versicherten ihre Verträge zu einem Preis ab, der über der Auszahlungsleistung des Versicherers liegt. Dann bündeln sie mehrere Policen und verkaufen diese Portfolios etwa an die Anbieter von geschlossenen Fonds weiter.

Im vergangenen Jahr erwarben die 40 Mitglieder des Bundesverbands Vermögensanlagen im Zweitmarkt Lebensversicherungen (BVZL) Policen im Wert von 1,4 Milliarden Euro. Damit sei das mögliche Potenzial erst zu rund 15 Prozent ausgeschöpft, so der Verband. Das klingt, als ob die Branche auch in Zukunft ohne größere Sturmtiefs wachsen könnte.

Miese Stimmung beim Marktführer

Andere Töne kommen dagegen vom Zweitmarkt-Pionier und Marktführer Cash-Life: „Das war eine Mischung aus Ignoranz und Größenwahn“, wetterte Cash-Life-Chef Frank Alexander de Boer bei der Präsentation der Geschäftszahlen Anfang April. Mit dem vorherigen Vorstand unter Stefan Kleine-Depenbrock, dessen Nachfolge er offiziell im Januar antrat, rechnete de Boer scharf ab. Der Grund: 2007 war ein miserables Jahr für den Policenaufkäufer. Nach einem Gewinn von 6,9 Millionen Euro 2006 fuhr das Unternehmen im vergangenen Jahr einen Verlust von 2,8 Millionen Euro ein.

Warum? Unter anderem habe das alte Management sich vom Kerngeschäft, dem Policenhandel, entfernt und sich in unprofitablen Randaktivitäten verrannt, so de Boer. Dazu gehört beispielsweise das Anbieten von Zeitwertkonten über die Tochtergesellschaft Cash-Life Vorsorge. Zudem gab das Unternehmen viel Geld für TV-Werbespots mit dem Schauspieler Sky du Mont aus. Das führte zwar zu steigendem Interesse an dem Zweitmarkt­anbieter, Profit konnte das Unternehmen daraus aber nicht schlagen. Denn: Bei den Kundenanfragen ging es mehrheitlich um kleine Policen mit einem Rückkaufswert von 5.000 Euro. Die lassen sich aber nur schwer weiterverkaufen. Deswegen hat Cash-Life das Ankaufkriterium inzwischen wieder auf 10.000 Euro hochgesetzt.

Aber nicht nur Hausgemachtes sorgte für Probleme bei Cash-Life. Auch auf dem Markt für gebrauchte Lebensversicherungen gab es einige Komplikationen. Was die ganze Finanzwelt seit Monaten in Atem hält, ging auch an den Policenaufkäufern nicht spurlos vorüber. Die Unsicherheit an den Finanzmärkten und die Kreditkrise sorgten für etwas, dass sofort auf die Erträge der Zweitmarktunternehmen durchschlägt: eine Änderung des Zinsniveaus. Policenhändler kaufen die Verträge der Versicherungskunden nämlich zum Großteil auf Pump.

Steigende Kreditzinsen sorgten im vergangenen Jahr für weniger Gewinn

Dabei machen sie mehr Gewinn, je größer die Spanne zwischen der Rendite der Lebensversicherungen und den Finanzierungskosten bei der Bank ist. Stellschrauben für den Gewinn sind Faktoren, die zu steigenden Policenrenditen führen, wie eine höhere Überschussbeteiligung oder die Höhe der Kreditzinsen. Je höher diese sind, desto niedriger ist die Gewinnmarge. 2007 stiegen die Zinsen. Das machte es unrentabler für die Policenhändler, die Verträge im Handelsbestand zwischenzulagern, vor allem, wenn sie die Verträge lange halten mussten. Da aber auch die Abnehmer der Policenportfolios den Ankauf zum Teil über Kredite finanzieren, hatten sie ebenfalls mit steigenden Zinsen und sinkenden Gewinnspannen zu kämpfen. Der Portfoliokauf wurde für sie unattraktiver, sie schränkten ihre Nachfrage ein.

Auch die Käufer der Anteile der geschlossenen LV-Zweitmarktfonds spielten nicht mehr richtig mit: „Im Zuge der Krise an den internationalen Kapitalmärkten kam es zu einer Verunsicherung der Investoren bei strukturierten Produkten und Anlagen wie geschlossenen Fonds“, sagt Ingo Wichelhaus, Fachbereichsleiter Deutschland des BVZL. Schließlich habe lange Zeit keiner gewusst, inwieweit deutsche Versicherer in die Produkte investiert waren, die während der Hypothekenkrise unter die Räder kamen. Erst Anfang des Jahres gaben die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht und der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft Entwarnung. Mittlerweile läuft der Policenabsatz an geschlossene Fonds zwar wieder, die Kreditkrise und die Unruhen an den Finanzmärkten halten aber noch an.

Für Unwägbarkeiten sorgt jedoch nicht nur der Kapitalmarkt, sondern auch der Gesetzgeber. Das reformierte Versicherungsvertragsgesetz (VVG), das seit Januar in Kraft ist, hat nicht nur Auswirkungen auf die Versicherer selbst, sondern auch auf den Zweitmarkt. „Durch das neue VVG ergeben sich gegenläufige Tendenzen“, stellt Max Ahlers, Geschäftsführer des Frankfurter Lebensversicherungs-Aufkäufers Policen Direkt fest. „Der Nettoeffekt aller Auswirkungen ist derzeit noch nicht absehbar.“

Neues Gesetz sorgt sowohl für steigende als auch für sinkende Preise

Zum einen schreibt das Gesetz vor, die Abschlusskosten einer Versicherung auf die ersten fünf Jahre des Vertrags zu verteilen. Für Versicherungskunden wirkt sich das in höheren Rückkaufswerten bei einer frühen Stornierung des Vertrags aus. Der Rückkaufswert ist aber ein entscheidendes Kriterium für die Preisbildung der Zweitmarktanbieter. Ist er höher, müssen auch sie höhere Werte an die Versicherten zahlen. Das ist schlecht. Aber: Die Versicherer finanzieren diese höheren Rückkaufswerte zu Anfang des Vertrags unter anderem über niedrigere Rückkaufswerte bei später stornierenden Kunden. Viele Policenaufkäufer sammeln ihre Policen vor allem in deren zweiten „Lebenshälfte“ ein, wenn die Abschlusskosten schon getilgt sind. Für diese Verträge würden die Einkaufspreise also sinken. Das wiederum ist gut.

Ähnlich sieht es bei der Beteiligung der Versicherten an den Bewertungsreserven der Versicherer aus – eine weitere Neuerung des VVG. Seit Januar haben die Kunden bei Beendigung des Vertrags einen Anspruch auf die Hälfte dieser stillen Reserven. Sie ergeben sich in der Bilanz des Versicherers dadurch, dass der Marktwert von Kapitalanlageprodukten höher liegt als ihr Buchwert. Die Effekte auf den Zweitmarkt sind unterschiedlich: Zum einen erhöht sich die Rendite von Lebensversicherungen, weil sich die Verzinsung aus vier statt aus drei Töpfen zusammensetzt: der Garantieverzinsung, der Überschussbeteiligung, den Schlussüberschüssen und der Teilhabe an den stillen Reserven. Das wirkt sich vor allem positiv auf Policen aus, die Zweitmarktanbieter schon im Bestand haben, denn ihre Rendite steigt.

Zum anderen wird eine Police dadurch aber generell „wertvoller“, was wiederum den Rückkaufswert in die Höhe treibt. „In guten Zeiten, also wenn die Versicherer ihre Hausaufgaben am Kapitalmarkt hervorragend gelöst haben, wird es sicherlich auch zu einem leichten Anstieg bei den Einkaufspreisen kommen“, sagt BVZL-Mann Wichelhaus.

Teils positiv, teils negativ sehen die Policenaufkäufer die kommende Abgeltungssteuer. Denn ab 2009 müssen Erträge aus verkauften Kapitallebensversicherungen mit dem Pauschalsatz von 25 Prozent versteuert werden. Das gilt auch für Policen, die der Versicherungsnehmer vor 2005 abgeschlossen und weniger als zwölf Jahre durchgehalten hat. Nur bis Ende dieses Jahres können sie noch steuerfrei verkauft werden. Auch Versicherte, die mindestens 60 Jahre alt sind und ihre Police mindestens zwölf Jahre laufen ließen, müssen ab 2009 bei einem Verkauf Abgeltungssteuer zahlen. Das ist bei Ablauf oder Kündigung der Police nicht der Fall, hier müssen Kunden nur die Hälfte des Ertragsanteils mit ihrem persönlichen Steuersatz versteuern. Gegenüber einer vorzeitigen Kündigung ist der Verkauf einer Lebensversicherung in Zukunft also steuerlich benachteiligt.

Aus Kundensicht sei der Zweitmarkt trotzdem die bessere Wahl, heißt es trotzig von Anbieterseite. Schließlich bekäme der Versicherte mehr Geld und behalte einen Todesfallschutz. Zudem mache die Abgeltungssteuer gebrauchte Lebensversicherungen für eine neue Kundengruppe interessant: Privatpersonen. „Bisher mussten Privatpersonen, die Policen kaufen, am Ende der Laufzeit alle Ertragsbestandteile der Police seit Abschluss voll mit ihrem persönlichen Steuersatz versteuern“, erklärt Verbandsexperte Wichelhaus. „Mit der Einführung der Abgeltungssteuer müssen sie nur noch auf die Differenz zwischen dem Ankaufspreis und dem Ablaufbetrag der Police Steuern abführen.“

In vielen Fällen heißt derzeit also Abwarten die Devise für die Unternehmen des LV-Zweitmarkts. Größtenteils blicken sie aber optimistisch in die Zukunft. Wie etwa Policen-Direkt-Chef Max Ahlers: „Wir gehen davon aus, dass der Zweitmarkt in Deutschland langfristig weiter wachsen wird.“

Karen Schmidt