Iris Bülow (Redakteurin)Lesedauer: 4 Minuten

Bitcoin, Stablecoins & Co. Welche Bedeutung Kryptowährungen haben werden

Symbolisch geprägte Krypto-Münzen
Symbolisch geprägte Krypto-Münzen: Ökonomen aus mehreren deutschen Banken und einem Fondshaus haben auf einer Online-Veranstaltung ihren Blick auf Kryptowährungen geteilt. | Foto: imago images / Shotshop

In einer Online-Diskussionsrunde haben mehrere leitende Ökonomen hiesiger Banken und Fondsgesellschaften ihren Blick auf das Thema Kryptowährungen geteilt. Eingeladen zu dem Gespräch hatte der Unternehmensberater mit Fokus auf Blockchain-Themen Sven Hildebrandt.

„Das Thema ist gekommen, um zu bleiben“, sagte Carsten Mumm, Chefvolkswirt bei der Privatbank Donner & Reuschel mit Blick auf Bitcoin, aber auch die gesamte Krypto-Technologie. Die Volkswirtschaften würden davon in Zukunft stark beeinflusst werden. Bitcoin sei dabei nur eine Einzel-Facette, schätzt Mumm.

Dieser Meinung schlossen sich die Mitdiskutanten insgesamt an. Jürgen Michels, Chefvolkswirt der Bayern LB, gab zu bedenken: Der Kurshöhenflug von Bitcoin, aber auch die Entwicklung des privatwirtschaftlichen Stablecoins Diem, gekoppelt an den US-Dollar, hätten dafür gesorgt, dass das Thema nun auch auf der Agenda von Zentralbanken steht. Mehrere Standardwährungen sollen ein digitales Abbild erhalten. Das Krypto-Thema werde, glaubt Michels, „in fünf Jahren zu einer ganz neuen Finanzwelt führen“.

Skeptischer zeigte sich Stefan Hofrichter. Für den leitenden Wirtschaftsstrategen der Fondsgesellschaft Allianz Global Investors erfüllt Bitcoin bislang nicht alle Kriterien von vollgültigem Geld. Das limitiere seinen Nutzen. „Es ist eine spekulative Assetklasse, in gewisser Weise wie Gold“, so Hofrichter. Da die Kryptowährung „ungünstige Portfolio-Eigenschaften“ aufweise, viel Energie verbrauche und regulatorisch „unausgereift“ sei, hielten sich die meisten Fondsgesellschaften davon fern.

Staaten greifen regulierend ein

Die zukünftige Bedeutung von Bitcoin hänge von zwei Faktoren ab, schätzte Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der Hamburg Commercial Bank. Entscheidend sei die Weiterentwicklung der Technologie und die Regulierung. Bitcoin könnte bereits in zwei bis drei Jahren als Zahlungsmittel eingesetzt werden, „gerade bei kleineren Zahlungen“, vermutet de la Rubia. Allerdings würden die Bitcoin-Transaktionen seiner Voraussicht nach weniger als 5 Prozent aller Bezahlvorgänge ausmachen. Immerhin sei die Kryptowährung schwankungsanfällig – in entwickelten Volkswirtschaften hätten Verbraucher viele Alternativen.

Der Gesetzgeber werde in Zukunft noch stärker regulierend eingreifen, glaubt de la Rubia. Das könne etwa bei den Schnittstellen zwischen traditioneller Finanz- und Kryptowelt passieren, bei Verwahrstellen oder den Krypto-Börsen. Das Instrument einer souveränen Währung würde kein Staat „leichtfertig aus der Hand geben“, so der Ökonom.

„Die Finanzbranche wird sich auf das Thema Krypto einstellen“, glaubt Bayern-LB-Profi Michels. Beflügelt werde der Trend unter anderem durch interessierte Kunden. Im Portfoliomanagement könnten Kryptowährungen schon in wenigen Jahren „ein normaler Bestandteil sein“ – ähnlich wie heute das Edelmetall Gold. Allerdings gehe er davon aus, dass digitales Zentralbankgeld gegenüber Währungen wie Bitcoin die größere Rolle spielen werde. „Der digitale Euro oder Dollar wird in der Kryptowelt später der Platzhirsch bleiben.“ Ähnlich sieht es Carsten Mumm: In zehn Jahren würden im täglichen Zahlungsverkehr vor allem digitale Zentralbankwährungen zum Einsatz kommen, glaubt der Donner-&-Reuschel-Ökonom.

Zukunft von Banken

Nachdenklichere Töne kamen von AGI-Experten Hofrichter: Kryptowährungen – und auch Gold – hätten in den vergangenen Jahren von den niedrigen Zinsen profitiert. „Wenn sich die Zinssituation wieder ändert, wird sich zeigen, ob solche Instrumente mehr als ein Nischendasein fristen können“, stellte Hofrichter in den Raum. Ökonom de la Rubia gab zu bedenken, dass sich die Kryptowelt bereits mit der traditionellen Finanzwelt verbunden habe: Die Blockchain-Technologie biete eine Fülle von Anwendungsmöglichkeiten, die bereits genutzt würden. Ein Beispiel sei die Immobilienanlage via Krypto-Token.

Die Existenz von Banken sahen die Experten – in diesem Punkt war man sich einig – nicht bedroht. Banken würden auch zukünftig die „Schnittstelle zwischen Krypto- und realer Welt“ bilden, glaubt Bayern-LB-Mann Michels. Denn: Keine Zentralbank wollte die Funktion der Einzel-Banken übernehmen und Konten für Privatkunden anbieten. Ökonom de la Rubia meint: Gerade Kunden mit einem vergleichsweise wertvollen Depot könnten das Mittler-Angebot der Banken nutzen wollen – um nicht allein auf das eigene Smartphone und einen langen Code angewiesen zu sein. Und auch AGI-Mann Hofrichter sieht traditionelle Banken nicht gefährdet: Viele Menschen würden eher einer Bank als abstrakter Technik vertrauen.

In Kryptwährungen lässt sich heute nicht nur direkt investieren, sondern auch über Zertifikate, ETPs (börsengehandelte Indexprodukte) oder einen Fonds wie den Grayscale Bitcoin Trust. Ökonom Mumm sieht in den Alternativen Vor-, aber auch Nachteile: Für Privatanleger erscheine ein klassisches Finanzprodukt mit Wertpapierkennummer (WKN) zwar zugänglicher. Nachteil seien allerdings die hohen Verwaltungskosten der Produkte. Und die Steuer: Bitcoin brauche nach einem Jahr Haltezeit nicht versteuert zu werden – im Gegensatz zu klassischen Finanzprodukten, auf die dann immer noch die Abgeltungssteuer anfalle.

Image-Schaden

Insgesamt rät Mumm: Krypto-Anleger sollten nicht nur Bitcoin im Auge haben. Das sei zwar die nach Marktkapitalisierung größte Kryptoanwendung. Andere Kryptos könnten aber ebenfalls spannend sein. Die Ethereum-Blockchain etwa werde zunehmend für Geschäftsanwendungen genutzt. „Damit hat man einen ganz anderen Investmentcase als bei Bitcoin“, erinnerte Mumm.

Die Ökonomen kamen auch auf Tesla-Gründer Elon Musk zu sprechen. Dieser hatte in den vergangenen Monaten durch Posts vor allem auf Twitter für Kurskapriolen bei Bitcoin und anderen Kryptowährungen gesorgt. Dass ein solches „Frontrunning“ durch eine Einzelperson den Kurs derart beeinflusse, zeige, „wie volatil und unausgereift dieses Instrument ist“, urteilte Hofrichter. Carsten Mumm indessen glaubt, dass sich die Schwankungen glätten würden, je mehr institutionelle Anleger in Kryptowährungen investierten. Das verhindere starke Kursschwankungen durch Einzelpersonen. Schädlich seien Musks öffentliche Kommentare aber allemal: Die Kurssprüge, die sie auslösten, beschädigten das öffentliche Image von Kryptowährungen.

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