Weltweit rüsten Staaten auf – und dabei rückt der Weltraum immer stärker in den Fokus. „Bei der Raumfahrtindustrie denken die meisten zuerst an den Kalten Krieg“, erklärt Alicia Daurignac, Analystin beim französischen Fondshaus LFDE. Neue Entwicklungen waren zu dieser Zeit stark politisch getrieben, Regierungen lieferten sich einen Wettstreit um die Fahrt ins All.
Seither habe sich jedoch viel getan: „Es gibt immer mehr Unternehmer, die versuchen, Produkte und Dienstleistungen im Zusammenhang mit der Raumfahrt zu vermarkten“, sagt die LFDE-Analystin. Bekanntestes Beispiel: Elon Musk mit Space X. Diese Demokratisierung des Weltraums habe Innovationen vorangetrieben und die Kosten für Raketenstarts deutlich gesenkt.
Eine neue Weltraum-Ökonomie entsteht
Mit dieser neuen Weltraum-Ära habe sich ein wachsender Markt für Unternehmen entwickelt. Neben etablierten Firmen aus Luft- und Raumfahrt sowie Verteidigung drängen insbesondere Startups in das Segment. Zudem steige die Zahl öffentlich-privater Partnerschaften. Bei den Technologien finde ein Austausch zwischen der Luft- und Raumfahrt und anderen Bereichen statt. So fließen Innovationen aus Digitaltechnik, Big Data oder Luft- und Raumfahrt in die Raumfahrttechnologie ein.
Weltweit zählt LFDE etwa 12.000 Unternehmen, die im Bereich Weltraumtechnologie tätig sind – davon die meisten mit Sitz in den USA. Thematisch sind die Firmen in den unterschiedlichsten Bereichen angesiedelt – von Klimaüberwachung und Wissenschaft über Telekommunikation und Internet bis hin zu industrieller Produktion und Verteidigung.
Satelliten als kritische Infrastruktur
Vor allem der Bereich Verteidigung gewinnt an Aufmerksamkeit. Wie wichtig der Weltraum für die nationale Sicherheit ist, habe vor allem der Ukraine-Krieg gezeigt. Als Reaktion auf Europas Sanktionen hatte Russland im Februar 2022 Starts der Sojus-Raketen in Französisch-Guayana ausgesetzt, die unter anderem für Kommunikation und GPS wichtige europäische Satelliten ins All bringen sollten. Projekte verzögerten sich. Dies habe sehr deutlich gemacht, dass der Zugang zur Raumfahrt entscheidend sei, sagt Daurignac. Diese Erkenntnis führt direkt zu einer der größten Verwundbarkeiten moderner Verteidigungssysteme: der Abhängigkeit von Satelliten.
„Satelliten haben eine recht kurze Lebensdauer“, so die Analystin. Alle drei bis sechs Jahre müssten die Systeme gewartet oder sogar ersetzt werden. Fallen Satelliten aus, könne das Kommunikation und Überwachung stark beeinträchtigen – mit unabsehbaren Folgen. Auch moderne Verteidigungssysteme greifen auf Daten von Kommunikations-, Beobachtungs- und Navigationssatelliten zurück. Besonders wichtig ist es den Analysten zufolge daher, auch die Satellitensysteme selbst vor Angriffen zu schützen. Diese Verwundbarkeit hat eine militärische Aufrüstung im Weltraum zur Folge.
Militärische Aufrüstung im All
Viele Länder haben bereits auf mögliche Bedrohungen reagiert: So lagen die globalen Militärausgaben für den Weltraum im vergangenen Jahr laut dem Datenanbieter Novaspace bei 73 Milliarden US-Dollar – ein Anstieg von 24 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Experten vom Weltwirtschaftsforum prognostizieren, dass der Markt für Weltraumverteidigung bis 2035 auf 250 Milliarden US-Dollar anwachsen wird, was einem jährlichen Wachstum von 9 Prozent entspricht. Unter anderem haben Unternehmen wie Bae Systems, Thales und Airbus angekündigt, den Bereich Weltraumtechnologien stärker ausbauen zu wollen.
Auch Donald Trump will den Weltraum zur Verteidigung seines Landes nutzen. Der US-Präsident sorgte jüngst mit der Ankündigung für Aufsehen, ein Raketenabwehrsystem nach dem Vorbild des israelischen „Iron Dome" aufbauen zu wollen. Das Projekt „Golden Dome" umfasst etwa die Entwicklung weltraumgestützter Abfangjäger. Profitieren könnten US-Unternehmen wie Booz Allen, Kratos, Leidos, Lockheed Martin, Northrop Grumman, Parsons, RTX und Teledyne Technologies.
Investment-Perspektive: Weltraum-Fonds im Fokus
Diese Entwicklungen spiegeln sich auch in den Investmentstrategien wider, die auf den Weltraumsektor setzen. Fondsanbieter LFDE hat im Jahr 2021 einen Weltraumfonds aufgelegt, der unter anderem auf die genannten Aktien setzt. Hoch gewichtet sind im Echiquier Space (ISIN: LU2466448532) zudem Thales und Bae Systems aber auch Amazon. Der Grund: Der Onlinehändler will mit Internet-Satelliten Elon Musks Starlink Konkurrenz machen. Die ersten Satelliten des Projekts „Kuiper" wurden im April 2025 ins All gebracht.
Ein wichtiges Thema sind wiederverwendbare Raketen, die unter anderem den Transport von Satelliten ins All deutlich günstiger machen sollen. Wichtiger Player ist das US-Unternehmen Rocket Lab. Im vergangenen Jahr gehörte die US-Firma zu den Perfomance-Treibern des LFDE-Fonds, erklärt Fondsmanager Christophe Pouchoy. Die Bewertung sei jedoch recht hoch, daher habe er die Position reduziert und Gewinne mitgenommen. Insgesamt habe das Team jüngst in Europa zugekauft und so vom Boom europäischer Aktien profitiert.
Anleger müssten wissen, dass das Segment schwankungsintensiv sei. Allerdings versuche das Fondsmanagement, gegenzusteuern: „Wir könnten auch nur in Small- und Mid Caps und Pure Player wie Rocket Lab investieren, aber die Volatilität wäre für viele unserer Fondsanleger zu hoch“, sagt Fondsmanager Pouchoy. Daher werde das Portfolio breit gestreut etwa beim Börsenwert der Unternehmen. Mit 36 Titeln ist der Fonds dennoch stark konzentriiert. Der regionale Fokus liegt mit 60 Prozent auf den USA.
Die starken Schwankungen zeigen sich auch an der Performance: Während der Fonds 2022 mit 38 Prozent im Minus lag, konnte die Strategie im vergangenen Jahr ein Plus von 74 Prozent einfahren. Zu Beginn hätten kleine Firmen im Fonds dominiert, erklärt Pouchoy. Das erkläre die stärkeren Ausschläge.
Welchen Anteil der Bereich Verteidigung im Fonds ausmacht, lasse sich nicht genau beziffern, denn Technologien würden häufig sowohl für zivile als auch militärische Zwecke genutzt. So sind Luft- und Raumfahrtunternehmen häufig in verschiedenen Bereichen tätig, so der Fondsmanager: Betrachte man den Verteidigungssektor im engeren Sinne, also die Unternehmen, die mit 25 bis 30 Prozent einen erheblichen Anteil ihrer Einnahmen aus dem Verteidigungsbereich erzielen, so liegt der Anteil am Fonds bei etwa 33 Prozent.
Weltraum-Fonds sind unter den Themenfonds noch Exoten. Als passives Vehikel hat Vaneck im Juni 2022 den Vaneck Space Innovators (IE000YU9K6K2) auf den Markt gebracht. Zu den Schwerpunkten des ETFs gehören unter anderem die Bereiche wiederverwendbare Raketen, kostengünstige Satelliten, Weltraumtourismus und Überwachung des Klimas sowie von Treibhausgasen.
Der ETF investiere gezielt in Unternehmen mit einem klaren Fokus auf die Weltraumindustrie, erklärt ETF-Produktmanager Moritz Henkel. „Klassische Verteidigungsunternehmen machen daher nur einen kleinen Teil des Portfolios aus“. Der aktuelle Anteil an Unternehmen aus dem Bereich Verteidigung und Sicherheit liege unter 10 Prozent. „Lediglich ein Titel – Hanwha Aerospace – überschneidet sich derzeit mit dem Vaneck Defense ETF“, so Henkel weiter. Raumfahrtunternehmen wie Rocket Lab oder Satellitenanbieter wie SES oder Eutelsat leisten zunehmend Beiträge zur Sicherheitsinfrastruktur, stünden im ETF jedoch primär für ihre Raumfahrtaktivitäten.
Auch die bekannte US-Investorin Cathie Wood setzt auf den Weltraum: Ihr ARK Space Exploration & Innovation ETF ging 2021 an den Start, ist allerdings bislang nicht für deutsche Anleger verfügbar.
Das Konzept eines eigenen Space-ETFs ging für Han-ETF dagegen anscheinend nicht auf. Im Frühjahr 2024 legte der Anbieter seinen im Jahr 2021 aufgelegten Weltraum-ETF mit dem schon damals deutlich größeren Verteidigungs-ETF Future of Defence (IE000OJ5TQP4) zusammen.
Fazit: Weltraum wird zur kritischen Sicherheitsinfrastruktur
Der Weltraum hat sich zur kritischen Sicherheitsinfrastruktur entwickelt. Die Demokratisierung durch private Unternehmen, die im Ukraine-Krieg offengelegten Abhängigkeiten und die kurzen Lebenszyklen von Satelliten haben eine neue Realität geschaffen: Wer den Weltraum kontrolliert, verfügt über entscheidende strategische Vorteile.
Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Mit globalen Militärausgaben von 73 Milliarden US-Dollar und einem prognostizierten Wachstum auf 250 Milliarden bis 2035 wird der Weltraum zum Milliarden-Markt. Projekte wie Trumps „Golden Dome“ zeigen, dass Staaten bereit sind, massive Investitionen zu tätigen, um ihre Weltraum-Souveränität zu sichern. Investoren können von dem Trend profitieren, sollten sich jedoch der Risiken bewusst sein.
