Am 11. Juni trugen zwei Unternehmen einen neuen Firmennamen ins Handelsregister ein: OHB Rheinmetall Space Networks GmbH. Kein Name, der Anlegerfantasien beflügelt. Die Börse reagierte trotzdem deutlich: Die OHB-Aktie schloss an diesem Tag bei 406,50 Euro, ein Plus von 10,76 Prozent.
Einen Tag später zog ein anderes Ereignis sämtliche Schlagzeilen auf sich: Der Börsengang von SpaceX, am 12. Juni, Ausgabepreis 135 Dollar je Aktie, Bewertung rund 1,75 Billionen Dollar. Der größte IPO der Geschichte. Die Aktie schloss am ersten Handelstag bei 160,95 Dollar, ein Plus von 19,2 Prozent. Ein einzelner Name dominierte wochenlang die Debatte über einen ganzen Sektor.
Abseits davon vollzog sich im Juni eine Reihe von Entwicklungen, die für Anleger mit langfristigem Zeithorizont mehr hergeben als die Frage, ob Elon Musks Bewertung gerechtfertigt ist.
Der deutsche Fall: Ein Zehn-Milliarden-Projekt
Das Bremer Unternehmen OHB SE hat sich mit dem Rüstungskonzern Rheinmetall zusammengetan und bewirbt sich gemeinsam mit ihm um das Bundeswehrprogramm SATCOMBw Stufe 4 – eine geschützte Satellitenkommunikationsarchitektur mit einem laut Medienberichten möglichen Auftragsvolumen von bis zu 10 Milliarden Euro.
Es ist bereits das zweite Verteidigungs-Joint-Venture des Konzerns innerhalb weniger Wochen, nach dem im Mai mit Helsing gegründeten Gemeinschaftsunternehmen KIRK für weltraumgestützte Zielerfassung. OHB positioniert sich damit gleichzeitig auf mehreren Feldern im deutschen Verteidigungssektor.
Kapitalerhöhung verändert die Aktionärsstruktur
Wer die OHB-Aktie länger beobachtet, kennt das Problem: geringer Streubesitz, entsprechend heftige Kursausschläge. Das hat sich Ende Juni verändert. Am 22. Juni beschloss OHB eine Kapitalerhöhung von bis zu 510,7 Millionen Euro. Zusammen mit dem gleichzeitigen Verkauf bestehender Aktien aus dem Bestand von Finanzinvestor KKR wuchs die gesamte Privatplatzierung bis zum Abschluss am 24. Juni auf rund 900 Millionen Euro.
Weiterführende Experten-Insights
Die Kapitalerhöhung hat dabei noch einen zweiten Zweck. OHB opponiert bereits seit dem Bekanntwerden des Projekts „Bromo“ im Herbst 2025 gegen den geplanten Zusammenschluss der Satellitensparten von Airbus, Thales und Leonardo zu einem neuen europäischen Konzern. Konzernchef Marco Fuchs kündigte an, sich am EU-Kartellverfahren zu beteiligen, und drohte im Mai 2026 sogar mit einer Klage, sollte Brüssel die Fusion genehmigen. Der Deal sei „eher eine Störung des Marktes“, so Fuchs.
Vor diesem Hintergrund liest sich die frische Kapitalspritze auch als Rüstung für die eigene Unabhängigkeit in einem Markt, der sich um OHB herum gerade konsolidiert. Laut OHBs eigener Ad-hoc-Mitteilung vom 22. Juni 2026 bleibt die Familie Fuchs dabei mit gut 60 Prozent Mehrheitsaktionärin, während KKR gut 20 Prozent seiner Beteiligung behält; der verbleibende Streubesitz steigt damit laut einer Berechnung von „Wallstreet Online“ von bisher 5,7 auf bis zu rund 19,2 Prozent. Für Anleger heißt das: Wachstum und Unabhängigkeit hängen bei OHB derzeit an denselben offenen Fragen – ob die Aufträge kommen, und ob Brüssel den Wettbewerb im europäischen Weltraumsektor tatsächlich schützt.
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Rocket Lab kauft sich die Integration
Während OHB auf einzelne Großaufträge setzt, wählte der US-Raketenbauer Rocket Lab einen anderen Weg. Am 29. Juni unterzeichneten Rocket Lab und der Satellitenbetreiber Iridium Communications eine definitive Übernahmevereinbarung. Iridium-Aktionäre erhalten 27 Dollar in bar sowie Rocket-Lab-Aktien nach einem Wechselverhältnis mit Kursband zwischen 67,50 und 112,50 Dollar. Macht in Summe rund 54 Dollar je Aktie und einen Unternehmenswert von etwa 8,0 Milliarden Dollar. Finanziert wird der Cash-Anteil über eine Kreditfazilität von 3,6 Milliarden Dollar von Deutscher Bank und Wells Fargo.
Der Preis ist kein Schnäppchen. Iridium selbst hat für 2026 ein operatives Ebitda von 480 bis 490 Millionen Dollar in Aussicht gestellt – das ergibt ein Multiple von rund 16 auf den Unternehmenswert. Louie DiPalma, Analyst der US-Investmentbank William Blair, stufte Iridium nach Bekanntwerden des Deals von „Outperform“ auf „Market Perform“ herab, weil sich der Kurs dem Angebotspreis bereits angenähert hatte.
Vom Deal selbst zeigte sich DiPalma dagegen überzeugt: In einer Kundennotiz, aus der Morningstar zitierte, nannte er ihn „very strategic“ und verwies auf Werte jenseits des reinen Spektrums: Iridiums Positionierungs- und Zeitgebungssparte, den Flugverfolgungsdienst Aireon, mehrere Verteidigungsverträge. Für Rocket Lab bedeutet die Übernahme den Sprung vom Startdienstleister zum vertikal integrierten Betreiber einer eigenen Konstellation mit rund 2,5 Millionen Abonnenten.
Spire Global: Verteidigungsnähe statt belastbarer Auftrag
Ein drittes Beispiel zeigt, wie unterschiedlich weit Ankündigung und belastbarer Vertrag auseinanderliegen können. Auf der Internationalen Luft- und Raumfahrtausstellung (ILA) in Berlin unterzeichnete der US-Satellitenbetreiber Spire Global am 10. Juni eine Absichtserklärung mit dem deutschen Rüstungsunternehmen Diehl Defence – ein bindender Auftrag mit konkretem Volumen ist das noch nicht. Bereits im Mai hatte Spire in Taufkirchen bei München eine Fertigungsstätte mit einer Kapazität von bis zu 100 Satelliten pro Jahr eröffnet, auf deren Infrastruktur die Diehl-Kooperation aufbaut.
Operativ bestätigte das Unternehmen im ersten Quartal 2026 sein eigenes Wachstumsziel: Der Kernumsatz ohne das inzwischen verkaufte Maritime-Geschäft legte um 13 Prozent zu und lag über der eigenen Prognose. Die Aktie notierte Anfang Juli 2026 bei rund 18,40 US-Dollar, nach einem 52-Wochen-Tief von 6,60 und einem Hoch von 25,93 US-Dollar – ein Beleg für die außergewöhnliche Schwankungsbreite, mit der eine noch kleine, wachstumsstarke Aktie wie Spire auf Nachrichten reagieren kann.
Die Fondsmanager-Perspektive: Substanz statt Schlagwort
Genau an diesem Punkt setzt die Einordnung von Christophe Pouchoy an. Er managt bei der französischen Fondsgesellschaft La Financière de l'Échiquier (LFDE) den Themenfonds Echiquier Space (ISIN: LU2466448532), der gezielt in Weltraumunternehmen investiert. Der Fonds verwaltet nach eigenen Angaben mehr als 600 Millionen Euro (Stand: 15. Juni 2026).
Pouchoys Team konzentriert sich auf „reine Raumfahrtunternehmen, die von spezialisiertem technologischem Know-how profitieren“ – etwa Planet Labs, Firefly Aerospace oder MDA Space. Ergänzt wird das Portfolio um Unternehmen, die vom Sektor profitieren, ohne sich ausschließlich darauf zu konzentrieren: Bildsensor-Hersteller Teledyne etwa, oder der Landmaschinenkonzern Deere.
Wie sich Substanz von reiner Story trennen lässt? „Unser Ziel ist es, zwischen Aktien zu unterscheiden, die eine sehr hohe Korrelation zum Wachstum des Weltraum-Ökosystems aufweisen, und solchen, die dieses eher als Schlagwort nutzen“, sagt Pouchoy gegenüber DAS INVESTMENT.
Als zentrales Kriterium für tragfähige Geschäftsmodelle nennt er die vertikale Integration: „Wie der Erfolg von SpaceX zeigt, ist die vertikale Integration für Hersteller von Trägerraketen ein entscheidender Faktor für den langfristigen Erfolg. Dies trägt dazu bei, die Betriebskosten zu minimieren und die Entwicklung sowie Fertigung von Weltraumausrüstung zu beschleunigen.“ Ausdrücklich weitet er das Prinzip auf Satellitenbetreiber aus: „Auch für Betreiber von Satellitenkonstellationen hat sich der Mehrwert der vertikalen Integration durch die Senkung der Produktionskosten gezeigt.“
Der gemeinsame Nenner
An diesem Maßstab gemessen, lassen sich die drei Fälle unterschiedlich lesen. Rocket Lab kauft sich mit Iridium exakt jene Integration ein, die Pouchoy als Erfolgsfaktor beschreibt – zu einem Preis, der nicht jeden überzeugt. OHB baut ein ähnliches Modell aus eigener Kraft auf, gestützt von zwei Verteidigungsbündnissen, aber abhängig von noch offenen Auftragsvergaben. Spire liegt mit seiner Bewertung der eigenen Auftragslage spürbar voraus.
Wer im Weltraumsektor nach Substanz sucht, findet sie derzeit seltener in der Bewertung selbst als in der Frage, wie weit ein Unternehmen die eigene Wertschöpfungskette kontrolliert. Ob sich das bei OHB, Rocket Lab und Spire tatsächlich auszahlt, entscheidet sich an sehr konkreten Terminen – der Auftragsvergabe für SATCOMBw, dem für 2027 geplanten Abschluss der Iridium-Übernahme, einem belastbaren Vertrag zwischen Spire und Diehl. Bis dahin bleibt, was Pouchoy als Trennlinie beschreibt, vor allem eines: eine Frage der Geduld.