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Eine dynamische Strategie für die Asset-Allokation

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Weltwirtschaft „Abwärts mit dem Fahrstuhl, aufwärts über die Treppe“

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Alternativszenario 2: Zweite Welle kommt, Aufschwung gerät ins Wanken

Das schlechte Wirtschaftsszenario einer deutlich langsameren Erholung oder sogar einer erneuten Rezession wäre höchstwahrscheinlich die Folge einer starken und ausgedehnten zweiten Ansteckungswelle mit dem Covid-19-Virus, die abermals behördlich verordnete oder freiwillige Unterbrechungen der Wirtschaftsaktivität nach sich zöge. Wie die Geschichte und der gesunde Menschenverstand nahelegen, ist eine zweite Pandemiewelle eher die Regel als eine Ausnahme. In Teilen von Asien und zuletzt auch in einigen Regionen Europas und der USA ist die Zahl der Neuinfektionen bereits wieder gestiegen, nachdem die Mobilität und das Wirtschaftsleben wieder Fahrt aufgenommen haben. Wie weit verbreitet und stark eine zweite Welle sein wird, bleibt jedoch ein Rätsel – ein weiteres Beispiel für die „radikale Unsicherheit“, mit der wir es zu tun haben.

Natürlich könnte ein schlechtes Szenario infolge eines wiederholten konjunkturellen Abschwungs, verursacht durch eine massive zweite Welle, allzu leicht in ein sehr schlechtes übergehen: In diesem Fall wäre die Wahrscheinlichkeit einer gewaltigen Pleitewelle von Unternehmen höher – viele Firmen kleiner und mittlerer Größe, die bislang in der Lage waren, die Zeitspanne bis zum Wiederhochfahren der Wirtschaft mithilfe von Rettungsprogrammen zu überbrücken –, und viele vorübergehende Freistellungen würden zu dauerhaften Jobverlusten.

Während die gesundheitliche Situation derzeit der ausschlaggebende Faktor für die Einschätzung der Wirtschaftslage ist, gibt es selbstverständlich auch andere, traditionellere Kräfte, die Risiken für unsere Ausgangsprognose darstellen. Im Besonderen sind wir um eine Wiederkehr der Handelsspannungen zwischen den USA und China im Vorfeld der US-Wahlen vom November besorgt. Ein Auflodern des Handelskonflikts könnte das Geschäftsklima deutlich belasten, die finanzielle Lage verschärfen und den zaghaften Wirtschaftsaufschwung zum Entgleisen bringen.

Wie zuvor erläutert, wäre es angesichts der vielen unbekannten Variablen in Bezug auf die gesundheitliche Situation wohl vergebens, diesen Szenarios Wahrscheinlichkeiten zuzuweisen. Nichtsdestotrotz waren die meisten von uns der Auffassung, dass die Risiken für unser Basisszenario „die Treppe hinauf“ vermutlich nach unten tendieren.

Der Primat der Politik

Wenn eine vollständige Erholung vermutlich noch in weiter Ferne liegt, die Unsicherheit allgegenwärtig ist und die Risiken für das Basisszenario nach unten tendieren – Einschätzungen, die die meisten Wirtschaftsprognostiker zu teilen scheinen –, warum haben sich die Risikomärkte dann so sehr von ihren Tiefständen im März erholt? Die plausibelste Erklärung scheint, dass sich die Finanzmärkte bekanntermaßen schwertun, die „radikale Unsicherheit“ einzupreisen, und daher eher geneigt sind, sie zu ignorieren und sich an bekannteren und leicht zu beobachtenden Faktoren zu orientieren, wie etwa an der zügigen und sehr umfassenden Antwort der Zentralbanken und der Regierungen.

Da die Geld- und die Fiskalpolitik einen derart entscheidenden Beitrag dazu leisten, die Auswirkungen der „Lockdown-Rezession“ abzufedern und die Anlagenpreise zu stützen, rechnen wir mit folgenden Entwicklungen:

  • Weitere expansive Maßnahmen
    Während die Risiken für die Wirtschaftsaussichten nach unten zu deuten scheinen, ist seitens der Geld- und der Fiskalpolitik unseres Erachtens mit weiteren expansiven Maßnahmen zu rechnen, selbst im Fall einer Wirtschaftsentwicklung, die besser ausfällt als erwartet. Schließlich sind die Sorgen, die geld- und fiskalpolitische Entscheider bereits vor der Krise zu einer expansiveren Haltung bewogen haben – nämlich eine Inflation unter der Zielvorgabe und eine fortbestehende Ungleichheit –, nun noch drängender.
  • Enge Verzahnung von Fiskal- und Geldpolitik setzt sich fort, Zinsen bleiben niedrig
    Die Krise führte zu einer noch engeren Kooperation zwischen der Fiskal- und der Geldpolitik, die schwer wieder rückgängig zu machen ist. Die längerfristig höhere Staatsverschuldung und die umfangreicheren Haushaltsdefizite werden die anhaltende Unterstützung der Zentralbanken erfordern. Eine umfassende Monetarisierung der öffentlichen Schulden, eine explizite oder implizite Kontrolle der Renditekurve sowie Null- oder Negativzinsen werden das dauerhafte Vermächtnis der Covid-19-Krise sein. Dies impliziert wiederum, dass die nominalen und realen Zinssätze längerfristig niedriger sein werden.
  • Inflationsrisiko könnte steigen
    Der Inflationsdruck dürfte auf kurze Sicht zwar nachlassen, dennoch legt die Aussicht auf einen anhaltenden fiskalpolitischen Aktivismus - unterstützt durch eine Monetarisierung der Schulden und repressive Zinssätze – nahe, dass das längerfristige Inflationsrisiko nach oben deutet. Somit könnte der Inflation und den Inflationserwartungen, ebenso wie der Wirtschaftsaktivität, ein langer Aufstieg von ihren gedrückten Niveaus bevorstehen.

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