Märkte bewegen Aktien, Zinsen, Politik. Und Menschen. Deshalb präsentieren wir dir hier die bedeutendsten Analysen und Thesen von Top-Ökonomen - gebündelt und übersichtlich. Führende Volkswirte und Unternehmensstrategen gehen den wichtigen wirtschaftlichen Entwicklungen clever und zuweilen kontrovers auf den Grund.
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Bantleon-Chefvolkswirt Daniel Hartmann
Weshalb es keine Anzeichen für eine globale Rezession gibt
Anfang 2026 präsentiert sich die globale Konjunktur in erstaunlich guter Verfassung: Ungeachtet des von Donald Trump angezettelten Zollkriegs und der vielfältigen geopolitischen Konfliktherde wächst die Weltwirtschaft robust. So ist die US-Wirtschaft im zweiten Halbjahr 2025 um mehr als 3,0 Prozent, die chinesische Wirtschaft um knapp 5,0 Prozent, die übrigen Schwellenländer um gut 4,0 Prozent und die Eurozone immerhin um 1,2 Prozent gewachsen. Und für 2026 zeichnet sich eine weitere Belebung ab.
USA profitieren von Investitionsbelebung
Dreh- und Angelpunkt der Weltwirtschaft bleiben die USA. 2025 waren dort die Investitionen in Maschinen und Anlagen der Wachstumstreiber. Allen voran die KI-nahen Investitionen (in Rechenzentren, Computer- und Kommunikationsausrüstung sowie Software) boomten mit einer Expansionsrate von rund 15 Prozent. Daran dürfte sich im laufenden Jahr nichts ändern. Die großen Technologie-Konzerne haben bereits weitere Projekte im Volumen von mehreren Hundert Milliarden US-Dollar angekündigt.
Damit aber nicht genug: 2026 dürfte die Investitionsbelebung an Breite gewinnen und auch den Mittelstand erfassen. Dafür spricht unter anderem die Verbesserung der Finanzierungskonditionen. So ist es eine Besonderheit des aktuellen Umfelds, dass die US-Notenbank den Investitionsboom durch Leitzinssenkungen zusätzlich befeuert. Damit ist es für die Unternehmen im Jahr 2026 noch einfacher geworden, an günstige Liquidität zu kommen.
Ein erstes Indiz dafür ist das zu Jahresbeginn hohe Emissionsvolumen an Unternehmensanleihen. Die Aufhellung des monetären Rahmens spiegelt sich auch in unseren Frühindikatoren, die für 2026 grünes Licht für eine noch dynamischere Investitionstätigkeit geben. Weiterer Rückenwind geht von der expansiveren Fiskalpolitik (Stichwort: „One Big Beautiful Bill Act“) sowie dem aller Voraussicht nach abebbenden globalen Handelsstreit aus. Donald Trump dürfte vor den Zwischenwahlen alles daransetzen, um für die Unternehmen ein ideales Investitionsumfeld zu schaffen.
Auch der Konsum sollte US-Wirtschaft stützen
Die Konsumnachfrage stand 2025 unter keinem guten Stern: Der zollbedingte Inflationsschub, die Entlassungswelle im öffentlichen Dienst und der längste Government Shutdown der US-Geschichte waren vor allem für die unteren Einkommensgruppen Belastungsfaktoren.
Dafür sprangen jedoch die wohlhabenderen Bevölkerungsgruppen – gestützt durch die Aktienhausse – in die Bresche und ermöglichten, dass der private Verbrauch 2025 einen soliden Zuwachs von über 2,0 Prozent aufwies. Im laufenden Jahr sollte sich das Umfeld dank der Steuersenkungen und einer Stabilisierung am Arbeitsmarkt generell verbessern. Auch der Konsum dürfte somit eine Konjunkturstütze bleiben.
In Anbetracht des positiven Ausblicks für die Investitions- und Konsumnachfrage gehen wir davon aus, dass sich das US-Wirtschaftswachstum im Jahr 2026 bei 2,5 bis 3,0 Prozent einpendelt und damit höher liegt als im Vorjahr (circa 2,2 Prozent). Mit dieser Prognose sind wir noch etwas optimistischer als der Konsensus (2,4 Prozent).
Fed dürfte Leitzins unverändert lassen
Für die Geldpolitik bedeutet dies, dass die Argumente für weitere monetäre Lockerungen schwinden. Das robuste Wachstum sollte einerseits zu anhaltendem Inflationsdruck führen – die Teuerungsrate dürfte deutlich über 2,0 Prozent verharren. Andererseits sollte die Investitionsbelebung auch die Beschäftigungsnachfrage beflügeln und die Arbeitslosenquote senken. Der vermehrte Einsatz von KI dürfte diesen Trend lediglich dämpfen, aber nicht gänzlich außer Kraft setzen.
In unserem Basisszenario rechnen wir daher für 2026 mit keiner weiteren Leitzinssenkung mehr beziehungsweise erwarten bestenfalls noch einen Schritt um 25 Basispunkte zur Jahresmitte. Nicht auszuschließen ist, dass mit dem Wechsel an der Fed-Spitze und dem massiven politischen Druck der Offenmarktausschuss am Ende doch zu einem Ausführungsorgan des US-Präsidenten mutiert. Allerdings sind die Trump-Anhänger im FOMC eindeutig in der Minderheit, weshalb wir einem aggressiven Leitzinssenkungsszenario nach wie vor nur eine Außenseiterchance einräumen.
Schwellenländer bleiben Wachstumsmotor
Unter den Schwellenländern ist nach wie vor China am stärksten von den US-Strafzöllen belastet, die der chinesische Außenhandel indes bislang gut weggesteckt hat (siehe Grafik 1). Dank vermehrter Ausfuhren nach Asien und Europa befindet sich der Export weiterhin im Aufwind. Das eigentliche Problem bleibt die Binnennachfrage. Die chinesische Regierung hat aber kein Zweifel daran gelassen, dass sie notfalls weitere fiskale Stimuli lancieren wird, sollte das Wachstum namhaft unter 5 Prozent abrutschen. China dürfte somit zwar kein Wachstumsmotor, aber auch kein Belastungsfaktor für die Weltwirtschaft im laufenden Jahr sein.
Grafik 1: China hat Zollschock gut weggesteckt
Außerhalb Chinas wachsen viele Schwellenländer mit einer Rate von 5 bis 7 Prozent – allen voran Indien, aber auch Vietnam, Taiwan, Indonesien, die Philippinen, Malaysia sowie einige arabische (Saudi-Arabien) und afrikanische (Kenia) Staaten. In vielen Regionen ist das Inflationsproblem überwunden und es hat sich ein endogener Aufschwung etabliert. Mit den nachlassenden geopolitischen Spannungen sollte auch dort die Dynamik eher zu- als abnehmen.
Wirtschaft der Eurozone profitiert von riesigen Fiskalpaketen
Zieht man ein Zwischenfazit, dürfte sich das weltwirtschaftliche Umfeld 2026 auf breiter Front aufhellen. Dies war in der Vergangenheit zugleich immer auch eine Initialzündung für die Eurozone. Allerdings sind die US-Strafzölle nach wie vor einen Bremsfaktor im Außenhandel.
Die größten Konjunkturhoffnungen ruhen daher nicht auf dem Export, sondern auf dem Fiskalpaket der deutschen Bundesregierung. Aus unserer Sicht sind diese Hoffnungen unverändert berechtigt. Die Bundesregierung plant, die Ausgaben in der laufenden Legislaturperiode um mehr als 120 Milliarden Euro (= rund 3,0 Prozent des BIP) zu steigern (siehe Grafik 2). Ein Großteil des Ausgabenschubs (> 50 Prozent) dürfte dabei im laufenden Jahr erfolgen.
Grafik 2: Massiver deutscher Fiskalimpuls
Kritisiert wird allerdings, dass von den staatlichen Impulsen bislang noch nicht viel zu sehen ist. Dies lag an der Haushaltssperre, die bis Oktober 2025 in Kraft war. Erst seit der Absegnung des Budgets durch den Bundestag kann das Geld aus dem Infrastrukturfonds und zur Steigerung der Militärausgaben abfließen. Indizien, dass dies jetzt geschieht, lieferten die Auftragsdaten der Industrie vom Jahresende. Demnach ist der Ordereingang innerhalb von zwei Monaten um 14 Prozent in die Höhe geschnellt. Und dies dürfte erst der Anfang sein – die Pipeline ist prall gefüllt.
Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass ein Großteil des Geldes nicht für Investitionen, sondern andere Bereiche (Sozialausgaben oder Subventionen) verwendet wird. Dies ist zwar mit Blick auf die mittelfristigen Wachstumsperspektiven bedauerlich, aus konjunktureller Sicht aber zunächst zweitrangig.
Erhöhungen der Sozialausgaben (zum Beispiel Mütterrente) oder Subventionen (zum Beispiel Senkung der Energiepreise für die Industrie) steigern das verfügbare Einkommen der Privathaushalte und Unternehmen und treiben damit die Konsum- und Investitionsnachfrage an. Gleiches gilt für die vielen geplanten Steuersenkungen. Wir sind daher zuversichtlich, dass der größte staatliche Impuls seit der deutschen Wiedervereinigung Wirkung entfalten und das Wachstum in Deutschland im laufenden Jahr um rund 1,5 Prozentpunkte anschieben wird.
Während das deutsche Wachstum somit einen Satz nach oben macht, sollte das Expansionstempo in Südeuropa auf hohem Niveau verharren. Die Länder sind zwar nicht aus eigener Kraft dazu in der Lage, expansive Fiskalimpulse zu setzen, es fließt aber weiterhin viel Geld aus Brüssel nach Italien, Spanien, Portugal und Griechenland. Insgesamt hält der EU-Wiederaufbaufonds für diese Länder 450 Milliarden Euro parat und erst circa 60 Prozent davon wurden abgerufen. Der Rest dürfte in den nächsten 15 bis 18 Monaten fließen und damit weiterhin die öffentlichen Investitionen antreiben.
Darüber hinaus erholt sich der Arbeitsmarkt in Südeuropa deutlich. Die italienische Arbeitslosenquote beispielsweise ist Ende 2025 auf ein Rekordtief von 5,6 Prozent gefallen. Alles zusammengenommen dürfte das Wachstum in der Eurozone weiter beflügeln. Wir rechnen damit, dass der BIP-Zuwachs von 1,4 Prozent im Jahr 2025 auf 1,8 Prozent im laufenden Jahr zulegt. Der Konsensus geht dagegen sogar von einer leichten Abschwächung beim Wachstum aus (1,2 Prozent). Die zahlreichen Fiskalimpulse werden demnach als weitgehend wirkungslos angesehen.
Inflationsrisiken nehmen in der Eurozone wieder zu
Unterdessen ist die Inflation der Eurozone Anfang 2026 auf 1,7 Prozent abgetaucht. Aufgrund der Euro-Aufwertung, günstiger Basiseffekte und des nachlassenden Lohndrucks dürfte die Teuerungsrate im ersten Quartal 2026 auf diesem Niveau verharren beziehungsweise noch leicht sinken. Behalten wir allerdings mit unserer Konjunkturprognose recht und das Wachstum zieht über die Potenzialrate an, werden die Inflationsrisiken erneut zunehmen.
Wir gehen daher davon aus, dass die Inflation im zweiten Halbjahr 2026 wieder über die 2,0-Prozent-Marke zurückkehrt. Damit sind wir weniger zuversichtlich als die EZB, die von einem anhaltenden Rückgang der Teuerungsrate ausgeht.
Derzeit sieht sich die Notenbank in einer guten Position, um in der Zinspolitik erst einmal abzuwarten. Der Leitzins liegt entsprechend seit Mitte 2025 unverändert bei 2,00 Prozent. Die aktuelle Inflationsentwicklung liefert einerseits den Tauben im EZB-Rat Munition, um für eine nochmalige Zinssenkung zu plädieren. Dem stehen aber auf der anderen Seite die freundlichen Konjunkturdaten gegenüber.
Dieses Patt dürfte im ersten Halbjahr 2026 fortbestehen. Die EZB wird deshalb wohl geradeaus fahren. Im weiteren Jahresverlauf sollte jedoch die konjunkturelle Belebung in den Vordergrund rücken und die Debatte über die Notwendigkeit geldpolitischer Straffungen befeuern. Ob Ende 2026 eine erste Leitzinsanhebung erfolgt, bleibt abzuwarten. Zumindest dürften an den Geldterminmärkten die Zinserwartungen nach oben korrigiert werden.
Im ersten Halbjahr 2027 dürfte die Weltwirtschaft kurz abkühlen
Im laufenden Jahr spricht also die Kombination aus expansiven geld- und fiskalpolitischen Impulsen, den abnehmenden Risiken im globalen Handelsstreit und dem anhaltenden KI-Boom für ein weltweit anziehendes Wachstumstempo. Unsere Frühindikatoren deuten indes an, dass Ende 2026 in all diesen Bereichen der Rückenwind nachlässt.
Für das erste Halbjahr 2027 prognostizieren wir daher eine konjunkturelle Abkühlung, die zum Beispiel in den USA das Wachstum wieder temporär unter 2,0 Prozent drücken sollte. Indizien für einen scharfen Einbruch oder gar eine Rezession sehen wir gleichwohl nicht. Dazu dürften unter anderem die konjunkturellen Auftriebskräfte in Deutschland und den Schwellenländern zu groß sein.
Im zweiten Halbjahr 2027 gehen wir entsprechend von einer zyklischen Wiederbelebung aus und erwarten im Jahr 2028 sowohl in den USA als auch in der Eurozone ein Wachstum auf Potenzialniveau. Obwohl immer wieder Rezessionsrisiken an die Wand gemalt werden, sollte sich somit der übergeordnete Aufwärtstrend der globalen Konjunktur in den nächsten Jahren fortsetzen. Dies bedeutet indes nicht, dass keine Gefahren im Hintergrund schlummern würden.
Neben dem demografischen Wandel und möglichen Überinvestitionen im KI-Sektor sehen wir in der global ausufernden Staatsverschuldung – allen voran in den USA, Japan, Frankreich und China – das größte mittelfristige Wachstumsrisiko. In allen genannten Ländern dürften die Zinslasten in den nächsten Jahren so stark anschwellen, dass eine deutliche Reduzierung der Staatsausgaben unumgänglich ist. Die damit einhergehende restriktivere Fiskalpolitik wird das Wachstum über Jahre belasten. Dieses Szenario dürfte indes erst zum Ende der 2020er- oder Anfang der 2030er-Jahre relevant werden.