Die wirtschaftliche Konfrontation zwischen Staaten hat sich zum dominierenden Risiko für 2026 entwickelt. Das geht aus dem jüngsten „Global Risks Report“ des Weltwirtschaftsforums hervor, für den über 1.300 Experten aus Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft befragt wurden. Der Report wird ausschließlich vom World Economic Forum erstellt. In früheren Editionen waren die Versicherer Marsh und Zurich Insurance Group als Partner beteiligt.

Die Top-10-Risiken im Überblick

Kurzfristig (zwei Jahre):

  1. Geoökonomische Konfrontation
  2. Desinformation und Falschinformation
  3. Gesellschaftliche Polarisierung
  4. Extremwetterereignisse
  5. Bewaffnete Staatenkonflikte
  6. Cyberunsicherheit
  7. Ungleichheit
  8. Erosion von Menschenrechten und Bürgerfreiheiten
  9. Umweltverschmutzung
  10. Unfreiwillige Migration

Langfristig (zehn Jahre):

  1. Extremwetterereignisse
  2. Verlust der Biodiversität und Ökosystem-Kollaps
  3. Kritische Veränderungen der Erdsysteme
  4. Desinformation und Falschinformation
  5. Gefahren durch KI-Technologien
  6. Naturressourcen-Knappheit
  7. Ungleichheit
  8. Cyberunsicherheit
  9. Gesellschaftliche Polarisierung
  10. Umweltverschmutzung

Parallelen zur Allianz-Studie: KI als gemeinsames Sorgenkind

Die Einschätzungen des Weltwirtschaftsforums zeigen bemerkenswerte Überschneidungen mit dem kürzlich veröffentlichten „Allianz Risk Barometer 2026“, weisen aber auch signifikante Unterschiede auf. Beide Studien identifizieren Künstliche Intelligenz als rasant wachsende Bedrohung.

Im „Allianz Risk Barometer“ kletterte KI von Platz 10 auf Platz 2 der größten Unternehmensrisiken – der größte Sprung im diesjährigen Ranking. 32 Prozent der 3.338 befragten Risikomanagement-Experten aus 97 Ländern bewerten KI als branchenübergreifendes, hohes Risiko. Der Global Risks Report bestätigt diese Entwicklung eindrücklich: Adverse KI-Entwicklungen verzeichnen den stärksten Anstieg aller 33 untersuchten Risiken – von Platz 30 im Zweijahresausblick auf Rang 5 in der Zehnjahresperspektive.

„In vielen Fällen schreitet die Einführung schneller voran, als Governance, Regulierung und Unternehmenskultur mithalten können“, konstatiert Ludovic Subran, Chefökonom der Allianz. Laut Weltwirtschaftsforum soll der globale KI-Markt von geschätzten 280 Milliarden US-Dollar 2024 auf 3,5 Billionen US-Dollar bis 2033 wachsen. Die Schätzungen zu Arbeitsmarkteffekten variieren erheblich – von 78 Millionen Netto-Neuschaffungen bis zu Arbeitslosenquoten von 10 bis 20 Prozent in den USA innerhalb von fünf Jahren.

Unterschiedliche Perspektiven

Während das Allianz Risk Barometer die unmittelbaren Unternehmensrisiken betrachtet und Cyber-Vorfälle zum fünften Mal in Folge auf Platz 1 sieht (42 Prozent der Befragten – der höchste jemals erreichte Wert), nimmt der Global Risks Report eine breitere, systemische Perspektive ein. Cyberunsicherheit rangiert hier auf Platz 6 der kurzfristigen Risiken, deutlich hinter geoökonomischer Konfrontation und Desinformation.

Dieser Unterschied erklärt sich aus den unterschiedlichen Betrachtungswinkeln: Für einzelne Unternehmen stellen Cyber-Angriffe eine direkte, operative Bedrohung dar. Das Weltwirtschaftsforum betrachtet hingegen Risiken, die „einen signifikanten Anteil des globalen BIP, der Bevölkerung oder natürlicher Ressourcen negativ beeinflussen würden“.

Betriebsunterbrechungen, die im „Allianz Risk Barometer“ auf Platz 3 rangieren (29 Prozent), werden im Global Risks Report unter „Störungen kritischer Infrastruktur“ erfasst und steigen im Zweijahresausblick um vier Positionen auf Rang 22. Beide Studien verweisen auf die zunehmende Fragilität alternder Infrastruktur und die Bedrohung durch Extremwetterereignisse.

Wirtschaftsrisiken steigen deutlich

Die Umfrage des Weltwirtschaftsforums zeigt einen bemerkenswerten Anstieg ökonomischer Bedrohungen. Während wirtschaftliche Risiken im Vorjahr noch vergleichsweise niedrig eingestuft wurden, verzeichnen sie nun die größten Rangverbesserungen aller Risikokategorien.

  • Konjunkturelle Abschwächung: Platz 11 (Anstieg um 8 Positionen)
  • Inflation: Platz 21 (Anstieg um 8 Positionen)
  • Platzen von Vermögensblasen: Platz 18 (Anstieg um 7 Positionen)
  • Verschuldung: Platz 16

50 Prozent der Befragten erwarten für die kommenden zwei Jahre einen turbulenten oder stürmischen Ausblick – ein Anstieg um 14 Prozentpunkte gegenüber dem Vorjahr. „Wir sind Zeugen des Aufruhrs durch kinetische Kriege, des Einsatzes wirtschaftlicher Waffen für strategische Vorteile und wachsender Fragmentierung in Gesellschaften“, konstatiert Saadia Zahidi, Managing Director des World Economic Forum, im Vorwort des Reports.

Das „Allianz Risk Barometer“ hebt parallel dazu „Änderungen in Gesetzgebung und Regulierung“ auf Platz 4 weltweit – in Deutschland sogar neu auf Platz 3. Thomas Lillelund, CEO von Allianz Commercial, spricht von einem Jahr, das „geprägt von Volatilität und Unsicherheit“ war.

Politische Risiken nehmen zu

68 Prozent der Befragten erwarten, dass die Welt in zehn Jahren von mehreren Großmächten geprägt sein wird, die jeweils eigene regionale Regeln aufstellen und durchsetzen – statt gemeinsamer globaler Standards. Nur 6 Prozent glauben an eine Wiederbelebung der bisherigen, von den USA geführten regelbasierten Weltordnung.

Die Folgen für die Realwirtschaft sind bereits spürbar: 16 Länder ordnen geoökonomische Konfrontation unter ihren fünf größten nationalen Risiken ein, darunter mehrere exportorientierte Volkswirtschaften. Die Zahl der Streitfälle, die der Welthandelsorganisation vorgelegt werden, ist auf etwa ein Drittel des Niveaus vor der Funktionsunfähigkeit ihres Berufungsgremiums 2019 gefallen.

Interessanterweise stuft das „Allianz Risk Barometer“ politische Risiken und Gewalt nur auf Platz 7 weltweit ein – in Deutschland sogar auf Platz 10, was laut Allianz Commercial angesichts zahlreicher politisch motivierter Anschläge überrascht. Das Weltwirtschaftsforum sieht bewaffnete Staatenkonflikte hingegen auf Platz 5 der kurzfristigen Risiken.

Verschuldung als wachsendes Problem

Die globale Verschuldung erreichte 2024 mit 251 Billionen US-Dollar oder 235 Prozent des globalen BIP einen neuen Höchststand. Zwischen 2025 und 2027 müssen knapp 45 Prozent der Staatsanleihen der OECD-Länder refinanziert werden – teilweise zu deutlich höheren Zinsen als bei der Emission während der Pandemie. Hinzu kommt etwa ein Drittel der globalen Unternehmensanleihen, die im gleichen Zeitraum fällig werden.

Besonders problematisch: Ein wachsender Anteil der Unternehmenskredite dient der Bedienung bestehender Schulden statt produktiven Investitionen. Allein für den Ausbau der KI-Infrastruktur könnten laut Schätzungen in den nächsten fünf Jahren 1,5 Billionen US-Dollar an Investment-Grade-Anleihen emittiert werden.

Umweltrisiken: Kurzfristig nachrangig, langfristig dominant

Ein markanter Unterschied zwischen den Studien zeigt sich bei Umweltrisiken. Im Global Risks Report rutschen diese erstmals seit Jahren in der kurzfristigen Betrachtung nach unten:

  • Extremwetterereignisse: von Platz 2 auf 4
  • Umweltverschmutzung: von Platz 6 auf 9
  • Kritische Veränderungen des Erdsystems: Rückgang um 7 Positionen
  • Biodiversitätsverlust: Rückgang um 5 Positionen

Das „Allianz Risk Barometer“ sieht Naturkatastrophen auf Platz 5 der globalen Unternehmensrisiken. Langfristig bleiben Umweltrisiken jedoch im „Global Risks Report“ dominant: Im Zehnjahresausblick führen Extremwetterereignisse die Rangliste an, gefolgt von Biodiversitätsverlust und kritischen Veränderungen des Erdsystems. Fast drei Viertel der Befragten wählen für die Umweltperspektive einen turbulenten oder stürmischen Ausblick über die nächste Dekade.

Desinformation: Akute Bedrohung für Demokratien

Während Cyberattacken in der Allianz-Studie dominieren, hebt das Weltwirtschaftsforum Desinformation und Falschinformation auf Platz 2 der kurzfristigen Risiken – und auf Platz 4 der langfristigen Bedrohungen. Die zunehmende Verbreitung von Deepfakes und KI-generierter Falschinformation untergräbt das Vertrauen in demokratische Institutionen: 58 Prozent der global Befragten sorgen sich um die Unterscheidung von Wahrheit und Falschheit in Online-Nachrichten.

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Vertrauen in Politik schwindet

Zum zweiten Mal in Folge identifizieren die Befragten des Weltwirtschaftsforums Ungleichheit als das am stärksten vernetzte Risiko auf Platz 7, sowohl kurzfristig als auch langfristig. Sie wirkt als Katalysator: Arbeitsplatzverlust befeuert Ungleichheit, diese treibt gesellschaftliche Polarisierung (Platz 3 kurzfristig).

Die Reallöhne blieben in 18 von 37 OECD-Ländern im ersten Quartal 2025 unter dem Niveau von Anfang 2021, während Immobilienpreise in entwickelten Volkswirtschaften seit 2008 um 20 Prozent stiegen. Der Sozialvertrag zwischen Bürgern und Regierungen gerät unter Druck. Die Bürger fühlen sich zunehmend von den Eliten abgehängt – das Vertrauen in traditionelle politische Strukturen schwindet.

Deutschland: Regulierung als wachsendes Problem

Die deutsche Perspektive im „Allianz Risk Barometer“ zeigt interessante Parallelen zur globalen Sicht:

Deutsche Top-Risiken laut Allianz:

  1. Cyber-Angriffe
  2. Betriebsunterbrechungen
  3. Änderungen in Gesetzgebung und Regulierung (neu)
  4. Künstliche Intelligenz (erstmals im Ranking)
  5. Naturkatastrophen

Die Platzierung von „Änderungen in Gesetzgebung und Regulierung“ auf Platz 3 dürfte laut Allianz Commercial ein Hinweis auf bürokratische Pflichten für Unternehmen und regulatorische Unsicherheiten sein – eine Sorge, die sich mit der im Global Risks Report beschriebenen Fragmentierung des regelbasierten Systems deckt.

Konsequenzen für die Versicherungsbranche

Die Erkenntnisse beider Studien haben weitreichende Implikationen für die Versicherungswirtschaft. „In einer Zeit volatiler Märkte, schneller technologischer Entwicklung und geopolitischer Spannungen reicht es nicht mehr, Risiken einfach zu versichern,“ erklärt Versicherungsmakler und Sach-Experte Nico Streker. Unternehmensrisiken müssten ganzheitlich verstanden, bewertet und gesteuert werden – mit maßgeschneiderten Versicherungslösungen und aktiver Risikoberatung.

Die Rolle der Makler verändere sich spürbar: weg vom reinen Produktverkauf, hin zum strategischen Risikoberater, der Risiken erklärt, priorisiert und verständlich macht sowie Versicherungsschutz mit Prävention, Notfallplänen und Resilienzdenken verbindet.

Hintergrund: Der Global Risks Report wurde zwischen August und September 2025 durchgeführt und basiert auf Antworten von über 1.300 Experten aus 116 Ländern. Ergänzt wird die Analyse durch eine Befragung von mehr als 11.000 Führungskräften zu länderspezifischen Risiken. Das „Allianz Risk Barometer 2026“ basiert auf Befragungen von 3.338 Risikomanagement-Experten aus 97 Ländern und wird zum 15. Mal veröffentlicht.