"Wenn alles gutgeht, sollte im Sommer 2009 das Gröbste hinter uns liegen“

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Thomas Straubhaar, Professor für Internationale Wirtschaftsbeziehungen an der Universität Hamburg und Direktor des Hamburgischen WeltWirtschafts Instituts (HWWI), über die Finanzkrise, ihre Auswirkungen auf die Realwirtschaft und die Perspektiven für Finanzberater.

DAS INVESTMENT.COM: Ist diese Finanzkrise auch eine Krise des Kapitalismus?

Thomas Straubhaar: Nein. Kapitalismus basiert auf individuellen Risiken, Verantwortung und Haftung. Das ist sozusagen seine Trilogie, und Krisen gehören dazu. Für etliche kleine und mittlere Anleger, die jetzt viel Geld verloren haben, ist das natürlich schwer zu akzeptieren. Die hochgehenden Emotionen kann ich gut nachvollziehen, weil ich auch mit meinen privaten Anlagen nicht ungeschoren davongekommen bin. Es ist aber das A und O von Marktwirtschaft und Kapitalismus, dass man immer wieder aufstehen muss und nicht liegenbleiben darf. Wir müssen aus dieser Situation die richtigen Lehren ziehen.

DAS INVESTMENT.COM: Wann schlägt die Finanzmarktkrise auf die realen Märkte in Deutschland durch – und wie lange wird sie dauern?

Straubhaar: Die Effekte in der Realwirtschaft hierzulande sind bereits zu spüren, sie werden sich über das Winterhalbjahr fortsetzen. Aber wenn es gutgeht, haben wir im Lauf des Sommers 2009 das Gröbste hinter uns. Die deutsche Volkswirtschaft war und ist in ihrer Grundstruktur gesund. Wir verzeichnen ungebrochen den höchsten Beschäftigungsstand und die geringste Arbeitslosigkeit in Deutschland. Es ist nicht absehbar, dass sich daran in der näheren Zukunft dramatisch viel ändern wird. Es kommt hinzu, dass die Ölpreis-Blase geplatzt ist. Das freut alle, denn damit sinken auch die Energiekosten. Natürlich werden sich die Finanzmarkt-Turbulenzen und das schwächere Wachstum in den USA auch auf die hiesige Wirtschaft negativ auswirken, doch wird das auch etwas kompensiert durch die gegenwärtige überraschende Schwäche des Euro. Unsere Exporte werden damit günstiger, wir können uns im globalen Wettbewerb besser positionieren.

DAS INVESTMENT.COM: Ist die Globalisierung vor dem Hintergrund dieser Finanzkrise eher Segen oder Fluch?

Straubhaar: Eher einSegen. Die Wirtschaftskrise in den USA hat in den 30er Jahren viel stärker auf den europäischen Markt durchgeschlagen, als es heute der Fall ist. Die Abhängigkeit von den USA ist zwar immer noch groß – immerhin sind die USA nach wie vor die größte Volkswirtschaft. Durch die Globalisierung wird diese Abhängigkeit aber schwächer.

DAS INVESTMENT.COM: Können Sie das konkretisieren?

Straubhaar: Andere Regionen, die jetzt sicherlich auch nicht ungeschoren davonkommen, helfen, die schwierige ökonomische Lage zu stabilisieren und die weltweiten Effekte der schwächelnden US-Wirtschaft teilweise abzufangen. Südostasien wird zwar nicht mehr zweistellige Wachstumsraten erreichen, aber immer noch mit ein paar Prozentpunkten wachsen. Europa wird auch nicht völlig konjunkturell abstürzen. Deutschland ist von der Finanzkrise in einem starken Makroumfeld mit stabilen Verhältnissen getroffen worden, und die Weltwirtschaft insgesamt hatte sich sehr lange sehr gut entwickelt. Dass sich das jetzt ändert, ist natürlich nicht schön - aber auch nicht so singulär, wie es zum Teil dargestellt wird. Als vor sieben Jahren die New-Economy-Blase platzte und dann noch der 11. September dazukam, dachten alle, dass die Weltwirtschaft dramatisch einbrechen wird. Das war nicht der Fall. Klar ist aber auch: Die US-amerikanische Reaktion auf den 11. September und die dortige Rezession im Jahr 2001 ist eine wesentliche Ursache der heutigen Wirtschafts- und Finanzmarktprobleme. Die Lehre sollte sein, die Fehler von 2001 nicht zu wiederholen.

DAS INVESTMENT.COM: Apropos Fehler - trägt die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht , kurz Bafin, hierzulande nicht eine gewisse Mitschuld an der hiesigen Banken-Misere?

Straubhaar: Alles in allem hat sie bislang mit wenigen Ausnahmen richtig  gehandelt. Gerade die Bafin und die Kontrolle der Finanzaktivitäten funktionieren in Deutschland sehr gut. Dies gilt insbesondere auch im internationalen Vergleich - angesichts dieser doch gewaltigen Herausforderungen und Turbulenzen an den Märkten. Es gab sicherlich Verwerfungen in den Geschäftsmodellen mit zu hohen Risiken. Das betrifft aber von den vielen, vielen Banken in Deutschland nur den wirklich kleinsten Teil und überproportional Banken mit staatlicher Aufsicht. Sparkassen, Genossenschaftsbanken und Privatbanken haben sogar sehr gut funktioniert, und ich meine, ihre Geschäftsmodelle könnten international in Zukunft an Bedeutung gewinnen. Bei einigen wenigen, meist öffentlich-rechtlichen Banken ist das Geschäftsmodell auf jeden Fall in Frage zu stellen. Das ist aber nicht der Bafin anzulasten. Davon muss man unterscheiden, dass sich in den letzten Tagen mit dem staatlichen Rettungsschirm der Bundesregierung die ganze Dramatik nochmals verschärft hat. Da sind die Banken teilweise mitgehangen und mitgefangen - das beste Geschäftsmodell der Welt hätte das nicht ändern können. Und auch die strengste Aufsicht kann dies nicht verhindern: Die kontrolliert immer nur einzelne Finanzinstitute, und wir befinden uns in einer durch das System bedingten Krise des Bankensektors.

DAS INVESTMENT.COM: Aber das Management der Hypo Real Estate wollen Sie wohl nicht enthaften?

Straubhaar: Auf keinen Fall, Vorstand und Aufsichtsgremien sollen bei persönlichem Verschulden auch persönlich haften. Die Hypo-Real-Estate-Aktionäre müssen jetzt den Rechtsweg wählen und versuchen, ihre finanziellen Ansprüche rechtlich geltend zu machen. Sollte dies nicht gelingen, muss man über eine Verschärfung der privatrechtlichen Haftung von Vorständen und Aufsichtspersonen nachdenken. Aber auch bei Hypo Real Estate ist genau hinzuschauen, wie viele Fehler hausgemacht waren und welche Dominoeffekte im Markt gerade bei einer durch das Immobiliengeschäft dominierten Bank besonders stark wirkten.

DAS INVESTMENT.COM: Leidtragende der gegenwärtigen Lage sind nicht zuletzt die Finanzberater – auch ihre Reputation dürfte Schaden genommen haben. Welche Perspektive sehen Sie?

Straubhaar: Da darf man sich keine Illusionen machen. Das Vertrauen in Finanzberater ist erschüttert – im Einzelfall meist wohl zu Unrecht. Anleger werden nun Produkte bevorzugen, die verständlich, transparent, nachvollziehbar und wohl auch risikoärmer sind. Risikoreiche Derivate etwa dürften lange keinen großen Zulauf mehr haben. Infrastruktur oder Sachwerte, also Themen der Old Economy, werden profitieren. Die Werte bereinigen sich, aber ein Haus oder ein Schiff sind auch nach einer Finanzkrise immer noch da. Im deutschen Bankgeschäft ist übrigens eins zu bemerken: Bis dato gibt es keine Anzeichen für die vielbeschworene Kreditklemme. Wenn sie gute Projekte haben, bekommen sie bei der Hausbank auch einen Kredit. Die Banken wissen, dass sie davon leben, Kredite zu vergeben.

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