André Höck (Gastautor), Oliver Pfeil (Gastautor)Lesedauer: 4 Minuten

Nachhaltige Investments Wie Asset Manager dem S in ESG mehr Gewicht verleihen können

Andre Höck (l.) und Oliver Pfeil von EB Sustainable Investment Management
Andre Höck (l.) und Oliver Pfeil von EB Sustainable Investment Management: Wieder mehr S wagen | Foto: EB Sustainable Investment Management

Hohe Sicherheit, hohe Rendite, hohe Liquidität: Diese Zielkombination einer Geldanlage bezeichnen Investoren im Fachjargon als magisches Dreieck. Ohne Zauberei können sie nicht alle drei Aspekte gleichstark berücksichtigen. Es gibt immer ein Ziel, das sie zulasten der beiden anderen Punkte vernachlässigen müssen.

Zu den klassischen drei Anlagezielen hat sich ein viertes Kriterium gereiht: Die Nachhaltigkeit einer Investition. Das einstige Nischenthema gewinnt für immer mehr Anleger an Relevanz. Und Finanzberater müssen ihre Kunden gemäß einer EU-Richtlinie künftig verpflichtend nach ihrer Nachhaltigkeitspräferenz fragen.

Die gute Nachricht zuerst: Das nachhaltige Investment-Universum ist breit genug, als dass sich ein direkter Konflikt zu einem der traditionellen Ziele ergäbe. Es umfasst sowohl sichere als auch rentable und liquide Anlageklassen. Aber wie ist es um das Dreieck im neuen Viereck bestellt? Können Investoren die drei ESG-Dimensionen Umwelt (E für Environment), Soziales (S für Social) und Unternehmensführung (G für Governance) – gleichwertig berücksichtigen? Oder gibt es auch hier Aspekte, die die Asset Manager zulasten anderer hinten anstellen müssen?

Soziale Nachhaltigkeit von Unternehmen und Fonds ist über mehr als zehn Jahre gesunken

Damit Vermögensverwalter in ihren Fonds ein steigendes oder zumindest gleichbleibendes Nachhaltigkeitsniveau erreichen können, ist die zeitliche Entwicklung von ESG-Bewertungen der Unternehmen maßgeblich. Zunehmende Regulierung und wachsender Druck durch die Öffentlichkeit lassen schnell vermuten, dass Unternehmen und somit auch Fonds ihre Nachhaltigkeit in den letzten Jahren stark verbessert haben.

Eine derzeit noch nicht veröffentlichte Studie von Wissenschaftlern, unter anderem der Universität Gießen, in Kooperation mit dem nachhaltigen Asset Manager EB Sustainable Investment Management zeigt jedoch, dass ein Aspekt zuletzt außen vor blieb. Während börsennotierte US-Unternehmen über einen Zeitraum von mehr als zehn Jahren ihre ökologische und unternehmensethische Nachhaltigkeit jeweils steigern konnten, geriet die soziale Komponente ins Hintertreffen.

Interessant ist dabei, dass der Abwärtstrend der sozialen Nachhaltigkeit bei Unternehmen mit besonders guter Bewertung im Umwelt- und Governance-Bereich sogar ausgeprägter ist. Das deutet darauf hin, dass die Unternehmen ihre Ressourcen zwischen den verschiedenen Nachhaltigkeitsdimensionen aufteilen müssen und nicht alle drei Komponenten gleichstark berücksichtigen können. Da der Fokus von Aktionären, Politik und Öffentlichkeit in den vergangenen Jahren stark auf dem Klimawandel und Governance-Themen lag, haben sich Gesetzgebung und Regulierung in diesen Bereichen dynamisch verändert. Die Unternehmen folgten der Entwicklung und investierten schwerpunktmäßig in diese Nachhaltigkeitsbereiche. Soziale Themen vernachlässigen sie hingegen scheinbar, weil dort das Reformtempo hinterherhinkt.

Asset Manager, besonders jene mit ganzheitlichem ESG-Ansatz, wollen durch aktive Titelauswahl eine positive, ausgewogene Nachhaltigkeitswirkung ihrer Investmentfonds erzielen. Doch das Nachhaltigkeitsniveau der Fonds hängt direkt von den Positionen in den Anlageprodukten ab. Damit stehen Fondsmanager vor der Herausforderung, einem sinkenden Social Score auf Unternehmensebene entgegenzuwirken. Die Aufgabe scheint laut Studie für viele Anbieter nicht einfach zu erfüllen zu sein. Auch in den rund 2.200 untersuchten offenen US-Investmentfonds fiel der Social Score über einen Zeitraum von mehr als zehn Jahren, während die Umwelt- und Governance-Komponente jeweils stieg.

Impact Investing, Themenfonds und Engagement – eine Allianz für mehr ESG-Gleichgewicht

Was können Asset Manager also tun, um dem Trend zu begegnen? Zum einen haben sie die Möglichkeit, durch Engagement Unternehmen gezielt aufzufordern, sich auf Basis messbarer Kennzahlen bei sozialen Themen zu verbessern. Dabei gewinnt ihre Stimme mehr Gewicht, wenn sie Investoren-Netzwerke und Auftritte in der Hauptversammlung anstelle von Einzelgesprächen mit Unternehmensmanagern nutzen.

Zum anderen können Vermögensverwalter auch im Investment-Prozess etwas bewegen. Ein Impact-Filter kann dafür sorgen, dass sie zumindest keine Nachhaltigkeitsdimension vernachlässigen. Bereits der Ausschluss von Unternehmen mit negativer Wirkung auf die Ziele für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen (Sustainable Development Goals, SDGs) dürfte dazu beitragen, dass die allgemeine Nachhaltigkeit eines Fonds zumindest stabil bleibt, da der wirkungsorientierte SDG-Score stark mit dem ESG-Score korreliert.

Des Weiteren können Asset Manager über ihre Produktpalette ein Ungleichgewicht austarieren. Bei einzelnen Themenfonds ist die Konzentration möglich, die es braucht, um aus einer bestimmten Nachhaltigkeitskomponente, wie dem S, die bestmögliche Performance herauszuholen. Denn analog zum magischen Dreieck ist es am Ende eher ein Hexenwerk, alle drei ESG-Kriterien in einem Produkt immer exakt gleichstark zu gewichten.




Über die Autoren:
Oliver Pfeil ist seit Dezember 2019 Anlagechef und Sprecher der Geschäftsführung bei EB Sustainable Investment Management. Zuvor arbeitete er als Leiter Modellportfolios bei der DWS und als Aktienspezialist bei Deutsche Bank Asset Management.

André Höck ist Leiter ESG-Integration bei EB Sustainable Investment Management. Bis Dezember 2018 war er als Portfoliomanager bei der Evangelischen Bank tätig.

Mehr zum Thema
ANZEIGEUrbanisierung und KlimapolitikSind Städte der entscheidende Faktor bei der Energiewende? Analystin und PortfoliomanagerinBluebay erweitert ESG-Team Nachhaltige VorreiterDie Textilindustrie entdeckt die Kreislaufwirtschaft