Im Mai 2026 startete J.P. Morgan Chase in Deutschland und zahlte auf seinem Tagesgeldkonto vier Prozent Zinsen für vier Monate, auf Guthaben bis zu einer Million Euro. Knapp ein Jahr zuvor hatte die spanische BBVA drei Prozent auf das Girokonto geboten, zwölf Monate lang. Im Juni 2026 legte BBVA eine Kreditkarte mit fünf Prozent Cashback nach. Beide Institute zahlen damit mehr, als der Einlagensatz der Europäischen Zentralbank von zwei Prozent hergibt. Sie subventionieren den Zins, um Kunden zu gewinnen.
Diese Angebote zeigen die sichtbare Spitze einer Entwicklung, die den deutschen Privatkundenmarkt seit einigen Jahren verändert. Ausländische Banken greifen ein Geschäft an, das lange als schwer zugänglich galt. Sie tun das auf mehreren Wegen zugleich: über digitale Neobanken mit europäischer Lizenz, über Großbanken mit deutscher Niederlassung, über etablierte Tochtergesellschaften und über Zinsplattformen, auf denen sie ohne eigene Marke deutsche Einlagen einsammeln.
Ein Markt, der lange als Festung galt
Deutschland zählt zu den am härtesten umkämpften Retailmärkten der Welt. Neben der Deutschen Bank und der Commerzbank konkurrieren Hunderte Sparkassen sowie Volks- und Raiffeisenbanken um dieselben Kunden. Viele Deutsche bleiben ihrer Hausbank über Jahrzehnte treu. Die Sparquote liegt hoch, ein großer Teil des Geldes liegt auf gering verzinsten Giro- und Festgeldkonten. Frühere Anläufe ausländischer Anbieter im Privatkundengeschäft endeten häufig mit begrenztem Erfolg.
Genau diese Struktur macht den Markt für Angreifer attraktiv. Nach Angaben der Bundesbank lagen Ende 2025 rund 3,5 Billionen Euro der deutschen Privathaushalte als Bargeld oder auf Girokonten und anderen Sichteinlagen. Wer deutschen Sparern höhere Zinsen und eine moderne App bietet, kann Guthaben bewegen, das bei den etablierten Instituten kaum Ertrag bringt. Eine Analyse von McKinsey aus dem Jahr 2023 zeigt die Verschiebung in Zahlen: Auslandsbanken und Spezialinstitute steigerten ihren Marktanteil in Deutschland von rund 30 Prozent im Jahr 2010 auf etwa 40 Prozent. Sie wuchsen vor allem in ertragsstarken Feldern wie dem Asset Management und dem Firmenkreditgeschäft und arbeiteten dabei profitabler als viele heimische Häuser.
Neobanken mit europäischer Lizenz
Den schnellsten Zugang zum deutschen Markt liefert die EU-Lizenz. Eine Banklizenz aus einem Land des Europäischen Wirtschaftsraums berechtigt zum Geschäft in allen anderen Mitgliedstaaten, ohne dass der Anbieter eine zusätzliche deutsche Erlaubnis benötigt. Dieses Verfahren heißt EU-Passporting.
Revolut nutzt diesen Weg am konsequentesten. Die britisch-litauische Neobank besitzt eine europäische Vollbanklizenz aus Litauen und unterliegt der Aufsicht der EZB. Im Januar 2026 meldete das Unternehmen drei Millionen Kunden in Deutschland und mehr als 800.000 Neukunden innerhalb eines Jahres. Weltweit zählt Revolut über 70 Millionen Nutzer. Seit 2024 vergibt die Bank deutsche IBANs und beseitigte damit eine praktische Hürde für wechselwillige Kunden. Die Geschäftszahlen für 2024 weisen einen Umsatzanstieg von 76 Prozent und ein Plus beim Vorsteuergewinn von 158 Prozent aus. Das Anlagegeschäft wuchs um 289 Prozent auf knapp 600 Millionen Euro. Revolut verdient damit nicht allein an Gebühren, sondern verkauft seinen Kunden zusätzliche Produkte.
Großbanken mit deutscher Niederlassung
Kapitalstarke Großbanken wählen einen anderen Weg. Sie gründen eine deutsche Niederlassung und treten mit voller Lizenz an.
BBVA startete am 26. Juni 2025 über ihre Frankfurter Niederlassung mit einem rein digitalen Angebot. Die Bank zahlte drei Prozent Zinsen auf das Girokonto für zwölf Monate, auf Guthaben bis zu 500.000 Euro, dazu zwei Prozent Cashback auf Einkäufe bis 250 Euro im Monat. Ein Jahr später folgte eine Kreditkarte in Partnerschaft mit Mastercard, in den ersten sechs Monaten für alle Kunden kostenlos und mit fünf Prozent Cashback auf Online- und Reiseausgaben. Raúl Quintana del Val, bei BBVA Digital Banks für Zahlungsverkehr und tägliches Banking zuständig, beschreibt die Karte als Schritt in Richtung eines vollständigen Bankangebots. BBVA zählt 78 Millionen Kunden in 25 Ländern und gehört zu den größten Banken Europas. In Italien betreibt das Institut seit 2021 eine Onlinebank, die über 700.000 Kunden und mehr als sechs Milliarden Euro Einlagen erreichte.
J.P. Morgan Chase trat im Mai 2026 in den Markt ein, mit Sitz in Berlin und zunächst einem einzigen Produkt. Das Tagesgeldkonto zahlte vier Prozent für vier Monate, danach zwei Prozent variabel. Als Begründung für die Wahl des Sparprodukts nennt die Bank die deutsche Sparkultur. Daniel Llano Manibardo, der das Deutschlandgeschäft leitet und zuvor bei der ING arbeitete, formulierte das Ziel in einem „Bloomberg“-Interview deutlich. Chase komme nicht nach Deutschland, um in der zweiten Reihe mitzuspielen, sondern wolle langfristig zu den führenden Banken im Retailsegment gehören.
Chase begleitet den Start mit einer bundesweiten Werbekampagne. Zum Auftakt lief am 21. Juni 2026 ein Fernsehspot mit dem früheren Profifußballer Thomas Müller, der die Weltmeisterschaft 2026 als TV-Experte begleitet. Ab Anfang Juli folgen Plakatwerbung in Berlin, Frankfurt am Main und München sowie Anzeigen auf digitalen Kanälen und im Umfeld von Streaming-Diensten. Die Kampagne richtet sich an Sparer, die ihr Geld bislang auf dem Girokonto halten. Chase betreibt sein Deutschlandgeschäft von Berlin aus und steht unter gemeinsamer Aufsicht von Bafin, Europäischer Zentralbank und Bundesbank.
Etablierte Töchter und ein unsichtbarer Kanal
Nicht jeder ausländische Wettbewerber tritt neu auf. Santander aus Spanien ist über die Santander Consumer Bank seit Jahrzehnten in Deutschland aktiv und wies 2025 rund drei Millionen Kunden sowie einen Kreditbestand von 36,5 Milliarden Euro aus. Die Bank zählt zu den größten Finanzierern von Mobilität und Konsumgütern hierzulande. Santander rollt seine digitale Privatkundenmarke Openbank in Europa aus und beginnt damit zuerst in Deutschland. Der spanische Vorstoß läuft damit über zwei Institute zugleich.
Parallel sammeln ausländische Banken deutsche Einlagen über Zinsplattformen ein, ohne mit eigener Marke aufzutreten. Die Plattform Raisin, bis August 2025 unter dem Namen Weltsparen bekannt, bündelt Tages- und Festgeldangebote von rund 150 Banken aus mehr als 20 Ländern. Kunden eröffnen ein einziges Konto und legen darüber Geld bei ausländischen Instituten an, die oft höhere Zinsen zahlen als deutsche Banken.
Wie die heimischen Banken reagieren
Die etablierten Anbieter spüren den Druck bei Kundenzahlen und Konditionen. Die ING Deutschland, die niederländische ING-Tochter und größte Direktbank des Landes, überschritt die Marke von zehn Millionen Kunden. Ihr Wachstum verlangsamte sich allerdings deutlich: 2025 gewann sie netto nur 200.000 Kunden, nach 570.000 im Jahr zuvor. Die Bank verlagert ihren Fokus von der reinen Neukundengewinnung auf die Vertiefung bestehender Beziehungen und zählt 2,9 Millionen sogenannte mobile Hauptbankkunden (Mobile Primary Customers).
Andere Institute kontern über den Preis. Die Commerzbank-Tochter Comdirect bot Neukunden drei Prozent Zinsen für sechs Monate. Ein heimischer Anbieter greift zudem von der anderen Seite an: Trade Republic erhielt im Januar 2025 eine eigene Vollbanklizenz der Bafin und bietet seither ein Girokonto mit deutscher IBAN, Visa-Debitkarte und derzeit 2,25 Prozent Zinsen auf das Guthaben. Das Unternehmen verdoppelte seine Kundenzahl im Vorjahr auf acht Millionen.
Was die Regulierung erlaubt und wo Risiken liegen
Die rechtlichen Rahmenbedingungen erleichtern den Markteintritt. Das EU-Passporting senkt die Hürde für lizenzierte Anbieter erheblich. Die Einlagensicherung folgt europaweit der Richtlinie 2014/49/EU, die Guthaben bis 100.000 Euro je Kunde und Institut schützt und eine Auszahlung binnen sieben Werktagen vorsieht. Ob ein Kunde sein Geld in Deutschland, Litauen oder den Niederlanden anlegt, macht rechtlich keinen Unterschied. Im Insolvenzfall müssten Kunden allerdings unter Umständen mit einer ausländischen Behörde kommunizieren.
Das hohe Wachstumstempo kollidiert in einzelnen Fällen mit Aufsicht und Service. Im November 2025 setzte die Bafin bei der C24 Bank einen Sonderbeauftragten ein und begründete das mit Mängeln in der Geldwäscheprävention. Bei Trade Republic verwies die Behörde im August 2025 auf gehäufte Beschwerden über verzögerte Überweisungen und den Kundenservice.
Die institutionelle Flanke
Der Wettbewerb spielt sich nicht nur im App-Banking ab, sondern auch auf Eigentümerebene. Die italienische Unicredit, bereits Eigentümerin der Hypovereinsbank, greift nach der Commerzbank. Sie veröffentlichte am 5. Mai 2026 ein Übernahmeangebot und bot 0,485 eigene Aktien je Commerzbank-Aktie. Bis zum 16. Juni 2026 kam Unicredit rechnerisch auf über 39 Prozent der Anteile, bestehend aus 26,77 Prozent im eigenen Bestand und 12,4 Prozent angedienter Aktien. Vorstand und Aufsichtsrat der Commerzbank lehnen das Angebot ab, ebenso die Bundesregierung, die zwölf Prozent der Stimmrechte hält und die Prämie als zu niedrig bezeichnet. Mit einem Ergebnis rechnet der Markt nach Ablauf der erweiterten Annahmefrist, die voraussichtlich bis zum 3. Juli 2026 läuft.
Ein Markt, der seine Selbstverständlichkeit verliert
Serge Nussbaumer, Head of Public Solutions und Kapitalmarktexperte beim Schweizer Wertpapierhaus Maverix Securities, ordnet die Entwicklung als schrittweisen Prozess ein. „Der Markt wird nicht durch einen großen Angriff verändert. Wahrscheinlicher ist eine schrittweise Verschiebung einzelner Ertragspools“, sagt er. Neue Anbieter müssten nicht die gesamte Kundenbeziehung übernehmen, sondern sprächen gezielt Segmente wie Einlagen, Kartenumsätze, das Wertpapiergeschäft, Konsumentenkredite oder später Baufinanzierungen an. Die Hausbank bleibe dabei häufig die Hauptverbindung, während ein wachsender Teil der Erträge zu anderen Anbietern wandere.
Die alte Ordnung wird nicht komplett verschwinden. Sie verliert jedoch an Selbstverständlichkeit
Sparkassen und Volksbanken behielten strukturelle Stärken wie stabile Einlagen, regionale Kreditbeziehungen und die Nähe zu Privat- und Firmenkunden. Lokale Präsenz allein reiche jedoch nicht mehr, weil Kunden Konditionen, Nutzererfahrung und digitale Verfügbarkeit zunehmend unabhängig von ihrer bisherigen Hauptbank vergleichen. Die Regulierung erhöhe die Eintrittshürden und begünstige etablierte Anbieter, könne aber auch zu Trägheit führen.
Auf der Kapitalmarktebene zeige der Übernahmeversuch bei der Commerzbank, dass nationale Bedeutung allein keine Verteidigung darstelle. Eine Bank, die strategisch unverzichtbar sein wolle, müsse operativ und bei der Bewertung überzeugen. „Die zentrale Frage lautet daher nicht, ob der deutsche Bankenmarkt geöffnet wird. Er ist bereits offen, wenn auch nicht überall sichtbar“, sagt Nussbaumer. Entscheidend sei, wer die profitablen Teile der Kundenbeziehung kontrolliere, also Einlagen, Zahlungsverkehr, Wertpapiergeschäft, Kreditvergabe und die digitale Schnittstelle. „Die alte Ordnung wird nicht komplett verschwinden. Sie verliert jedoch an Selbstverständlichkeit“, so der Kapitalmarktexperte.
Die Grenzen des Vorstoßes
Größe und Kapital allein sichern keinen Erfolg. Goldman Sachs startete in Deutschland unter der Marke Marcus mit einem Sparprodukt und zog sich anschließend weitgehend aus dem Privatkundengeschäft zurück. Allein dort summierten sich seit 2020 rund drei Milliarden Dollar Verluste. Der Fall zeigt, dass der deutsche und europäische Retailmarkt auch finanzstarke Angreifer abweisen kann.
Auch die laufenden Vorstöße tragen Kosten. Wer drei oder vier Prozent zahlt, während die EZB zwei Prozent vergütet, schreibt zunächst rote Zahlen. BBVA kalkuliert für Italien einen Zeitraum von sechs bis acht Jahren bis zur Profitabilität und passt die Konditionen nach dem ersten Jahr an die Marktlage an. Der Lockzins dient dem Aufbau von Vertrauen und einer Kundenbasis, nicht dem kurzfristigen Ertrag.
Für deutsche Sparer und Anleger erhöht der Wettbewerb die Auswahl und den Druck auf die Konditionen. Welche der ausländischen Banken sich dauerhaft etabliert, hängt von ihrer Bereitschaft ab, nach dem Lockangebot wettbewerbsfähige Zinsen zu bieten, von ihrer operativen Stabilität und von der Reaktion der etablierten Institute. Die kommenden Geschäftsjahre werden zeigen, wer das Tempo durchhält.



