Boris Bochnig (Gastautor)Lesedauer: 10 Minuten

Behavioral Finance Wie Berater irrationales Anlegerverhalten managen

Banger Blick eines Wall-Street-Händlers auf die Kurse
Banger Blick eines Wall-Street-Händlers auf die Kurse: Im März 2020 zwingt Corona die Börsen weltweit in die Knie, doch auch bei extremen Kursbewegungen gilt für Anleger Ruhe bewahren. | Foto: Imago Images / UPI Photo

Warren Buffet hat einmal gesagt: „Sei ängstlich, wenn andere gierig sind, und sei gierig, wenn andere ängstlich sind.“ Mit diesem antizyklischen Credo des Value Investings, das besagt, Aktien dann zu kaufen, wenn sie „billig“ sind, und erst sehr viel später wieder zu verkaufen, wenn sie überbewertet sind, unterscheidet sich Buffet von vielen Anlegern an der Börse. Er verfolgt seine Anlagestrategie systematisch und langfristig, seine Entscheidungen sind regelbasiert, rational und für jedermann nachvollziehbar.

Das hört sich einfach an, ist es aber nicht: Den in den Wirtschaftswissenschaften postulierten Homo oeconomicus, dessen Entscheidungen ausschließlich auf rationalen Kriterien beruhen, trifft man in der Anlageberatung und an der Börse tatsächlich nur selten an.

Psychologische Fallen

Aus meiner 25-jährigen Erfahrung als Anlageberater weiß ich, dass viele Investoren heute zwar gut informiert sind und wissen, worauf es bei einer erfolgreichen Kapitalanlage ankommt. Sie profitieren dabei vom großen Angebot an Finanzprodukten, recherchieren selbst in einschlägigen Magazinen und Internet-Foren oder lassen sich professionell beraten.

Dennoch handeln keineswegs alle Marktteilnehmer durchgehend diszipliniert und systematisch, im Gegenteil: Es werden immer wieder die gleichen Fehler gemacht – wider besseres Wissen. Selbst finanzökonomische Kenntnisse schützen also nicht vor psychologischen Fallen, und auch Profis machen Fehler, obwohl sie über einen Wissensvorsprung verfügen. Warum ist das so?

Mit dieser Frage befasst sich die Behavioral Finance, ein relativ junger Zweig der verhaltensorientierten Finanztheorie, die Verhaltensmuster von Marktteilnehmern mithilfe von Erkenntnissen aus Psychologie, Neurowissenschaft und Soziologie erforscht und Erklärungen für irrationale Entscheidungen liefert. So hat etwa der US-amerikanische Wirtschaftswissenschaftler und Nobelpreisträger Robert J. Shiller in seinem Buch Irrationale Übertreibung (2000) die hohen Aktienbewertungen Ende der 1990er Jahre unter anderem mit psychologischen Faktoren der Anleger erklärt.

Altes versus neues Gehirn

Die grundlegenden Einsichten aus der Hirnforschung liefern auch für Anlegerverhalten Erklärungsansätze: Um ein Vielfaches komplexer und ausgeprägter als andere Lebewesen hat der Mensch kognitive Fähigkeiten entwickelt, die es ihm erlauben, logisch zu denken, zu planen sowie taktische und strategische Entscheidungen zu treffen. Verantwortlich dafür ist der jüngere Teil des menschlichen Gehirns, der so genannte Neokortex.

Der sehr alte Teil unseres Gehirns macht hingegen dem langfristigen Investor oft einen Strich durch die Rechnung: In der Amygdala als Teil des limbischen Systems werden Emotionen wie Verzweiflung, Wut, Angst und Freude verarbeitet, die reflexartige und unüberlegte Handlungen auslösen können. Bei Gefahr reagiert der Mensch automatisch mit Vorsicht, Flucht oder Angriff – diese Reflexe konnten in der Wildnis das Überleben sichern, sind aber in der modernen Gesellschaft und an der Börse oft kontraproduktiv.

In seinem Weltbestseller Schnelles Denken, langsames Denken (2012) unterscheidet der US-amerikanische Psychologe Daniel Kahnemann zwischen zwei Arten des menschlichen Denkens, dem intuitiv-emotionalen und dem logisch durchdachten. Beide Systeme kommen zu unterschiedlichen Schlussfolgerungen, was dazu führen kann, dass Investoren eine langfristig ausgerichtete Anlagestrategie schon mal in einer Art Kurzschlussreaktion über Bord werfen und ihr gut sortiertes Portfolio in einem emotionalen und unüberlegten Moment komplett liquidieren. Ich erinnere mich an die Kapitulation eines Kollegen, der mir im März 2003, nach fast 75 Prozent Kursverlust im Dax, gestand, alle Aktien für seine Kunden verkauft zu haben.

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