Wie das 60/40-Portfolio bei Crashs schützt – und warum es jetzt schwächelt
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Das klassische 60/40-Portfolio steht in der Kritik – zu Unrecht? Eine Analyse zeigt, wie Anleger mit einem solchen Depot durch die vergangenen 150 Jahre gekommen sind.
Das 60/40-Portfolio ist seit 150 Jahren ein Stabilitätsfaktor im Crash, zeigt eine Auswertung.| Bildquelle: Midjourney
Hat das klassische 60/40-Portfolio, also die Aufteilung des Depots in 60 Prozent Aktien und 40 Prozent Anleihen, ausgedient? Darüber gibt es immer wieder Diskussionen. Eine Analyse der Ratingagentur Morningstar zeigt jedoch, dass das Modell in den vergangenen 150 Jahren bei fast jedem Börsencrash punkten konnte – mit einer großen Ausnahme.
150 Jahre Börsencrashs: Warum das 60/40-Portfolio meist besser abschnitt
Zunächst ein Blick auf die Wertentwicklung: Ein Dollar, der 1871 in einen hypothetischen US-Aktienmarktindex investiert wurde, wäre laut Morningstar-Berechnung bis Ende Mai 2025 auf 30.369 US-Dollar angewachsen. Ein von der Ratingagentur herangezogenes hypothetisches 60/40-US-Portfolio hätte im gleichen Zeitraum dagegen nur 3.966 Dollar erwirtschaftet.
Crash-Zeitleiste: Was seit 1870 aus einem US-Dollar geworden wäre – und welche Tiefs Anleger verkraften mussten
„Es überrascht nicht, dass das endgültige Wachstum bei einem 60/40-Portfolio viel geringer ausfällt als beim Aktienmarkt“, schreibt Emelia Fredlick von Morningstar. Schaue man sich jedoch die Krisenresistenz an, liege das Aktien-Anleihen-Modell deutlich vorn.
Der Analyse zufolge gab es in den vergangenen 150 Jahren in den USA 19 Bärenmärkte für Aktien und drei für Anleihen, das heißt Zeiträume, in denen der Wert dieser Anlagen um 20 Prozent oder mehr gesunken ist. Dies führte zu elf Bärenmärkten für ein 60/40-Portfolio. Bei fast jedem dieser Einbrüche fiel das diversifizierte Portfolio deutlich weniger stark als reine Aktiendepots.
Crashs im Vergleich: Mit Aktien und Anleihen kamen Anleger besser durch Krisen
Die Große Depression im Jahr 1929 verdeutlicht diesen Effekt besonders drastisch: Während der Aktienmarkt um 79 Prozent einbrach, verlor das 60/40-Portfolio „nur“ 52,6 Prozent.
Inflation, Vietnamkrieg und Watergate (frühe 1970er): Der Rückgang des 60/40-Portfolios um 39,4 Prozent in den frühen 1970er Jahren gehörte zu den schwersten Einbrüchen des Modells – fiel aber immer noch deutlich geringer aus als der Rückgang des Aktienmarktes um 51,9 Prozent.
Dot-Com-Pleite und globale Finanz- und Wirtschaftskrise (2000er): Der Aktienmarkt fiel im Laufe der 2000er Jahre um 54 Prozent und kam erst im Mai 2013 aus diesem Tief heraus. Das 60/40-Portfolio hingegen ging Anfang 2000 um 24,7 Prozent zurück – und konnte sich 2007 sogar kurzzeitig aus dem Tief befreien, bevor es im Oktober 2007 ein zweites Mal abwärts ging.
Um die Schwere verschiedener Markteinbrüche zu bewerten, verwendeten die Morningstar-Analysten einen sogenannten Schmerzindex, der sowohl die Tiefe des Rückgangs als auch die Zeit bis zur Erholung berücksichtigt. Dabei setzten die Analysten jeden Crash mit der Großen Depression, dem schlimmsten Einbruch seit 1870, in Relation.
Das Ergebnis der Auswertung: Die schlimme Weltwirtschaftskrise ab 1929 war für Anleger am Aktienmarkt im übertragenen Sinn viermal so schmerzhaft wie für Investoren eines 60/40-Portfolios. In den 2000ern traf es reine Aktienanleger demnach siebenmal so heftig. Noch deutlicher zeigt sich der Effekt beim von Covid ausgelösten Börsencrash im März 2020, bei dem das gemischte Portfolio lediglich einen Rückgang von 8,5 Prozent verzeichnete. Insgesamt habe ein 60/40-Portfolio gemessen am Schmerzindex bei den Börsencrashs der vergangenen 150 Jahre im Schnitt 45 Prozent weniger gelitten als ein reines Aktienportfolio.
Der einfache und wenig überraschende Grund lag in der negativen Korrelation von Aktien und Anleihen. Während Aktien in Krisen verkauft wurden, suchten Anleger Sicherheit in Staatsanleihen. Dieser Effekt stabilisierte diversifizierte Portfolios und verkürzte Erholungszeiten erheblich.
Der historische Ausnahmefall: Warum 60/40 derzeit versagt
Doch ausgerechnet in der aktuellen Marktphase funktioniert dieses bewährte Muster nicht. Zum ersten Mal in 150 Jahren erlitt ein 60/40-Portfolio größere Verluste als der reine Aktienmarkt. Schuld ist vor allem der schwächelnde US-Anleihenmarkt.
Sowohl Aktien als auch Anleihen gerieten Ende 2021 in eine Baisse – ausgelöst durch den Ukraine-Krieg, steigende Inflation und Lieferengpässe. Während sich der Aktienmarkt im September 2024 wieder auf seinen vorherigen Höchststand erholte, kämpft der Anleihenmarkt noch immer mit den Folgen der Zinswende.
Der Anleihenmarkt befand sich bereits seit April 2020 in einem Abschwung, der sich durch die aggressive Zinspolitik der Notenbanken drastisch verschärfte. 2022 war das einzige Jahr im gesamten 150-jährigen Untersuchungszeitraum, in dem Anleihen während eines Marktabschwungs keinen Diversifizierungsvorteil boten, heißt es in der Morningstar-Auswertung.
Was Anleger daraus lernen können: Diversifikation zahlt sich immer aus
Dennoch sollten Anleger das 60/40-Konzept nicht vorschnell abschreiben, meinen die Analysten. Denn selbst in dieser historischen Ausnahmesituation fiel der Rückgang des 60/40-Portfolios geringer aus als bei reinen Aktien- oder Anleihendepots. Die Analyse zeigt: Eine breite Streuung mildert Verluste, auch wenn sie derzeit länger braucht, um ihre volle Wirkung zu entfalten.
„Diversifizierung ist nach wie vor der beste Weg, um die Unsicherheit an den Märkten zu bewältigen – sowohl an den Aktien- als auch an den Anleihenmärkten – und gleichzeitig langfristig investiert zu bleiben“,lautet auch das Fazit von Emelia Fredlick von Morningstar. Ob es immer die altbekannte klassische Aktien-Anleihen-Aufteilung sein muss, sei dahingestellt. Die historische Perspektive zeigt jedoch vor allem eins: Diversifikation zahlt sich immer aus.
Hannah Dudeck schreibt seit Oktober 2019 für DAS INVESTMENT und das private banking magazin. Zuvor arbeitete sie als Online- und Finanz-Redakteurin für unterschiedliche Medien.
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