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Hanjo Allinger im Gespräch Wie der CO₂-Emissionshandel das Klima wirklich schützen kann

Hanjo Allinger von Cap2
Hanjo Allinger von Cap2: „Auch wir setzen auf die Lenkungskraft des europäischen Emissionshandels.“ | Foto: Hanjo Allinger

Das Investment: Herr Allinger, Sie haben sich eingehend mit dem Modell von Johannes Bednar befasst. Können Sie es uns kurz erläutern?

Hanjo Allinger: Materiell fordern die Autoren die Implementierung eines jährlichen Schwellenwertes für Emissionen. Dieser könnte unabhängig von der Anzahl an Emissionsberechtigungen, die bereits im europäischen Emissionshandelssystem vergeben werden, festgelegt werden. Beabsichtigt wird damit eine implizite Erhöhung der jährlichen Soll-Reduktionsrate, die durch die Verknappung der Emissionsberechtigungen im europäischen Emissionshandel bereits vorgegeben wird.

Die zusätzlichen Belastungen könnten – und das ist neu – dann aber durch die neu einzuführende Möglichkeit von CO₂-Schulden in die Zukunft verschoben werden. Für eine Überschreitung der neuen Schwellenwerte müssten sich Unternehmen physisch verpflichten, in der Zukunft eine entsprechende Menge an Emissionen durch die sogenannten Carbon-Capture-and-Storage-Technologien (CCS) aus der Atmosphäre zu ziehen.

Technisch würde also der Pfad zur Emissionsvermeidung zunächst überschritten, später aber, so die Hoffnung, ausgeglichen. Die Kosten für die Erreichung des 1,5-Grad-Ziels hätten dann die Unternehmen und nicht die öffentlichen Haushalte getragen.

Kann ein solches Emissionshandelssystem funktionieren?

Allinger: Die wesentlichen Probleme in der praktischen Umsetzung werden von den Autoren selbst benannt: Das Risiko einer Insolvenz der Firmen oder ein staatlich geförderter Schuldenerlass könnten diese Rechnung zunichtemachen. Aber auch dann, wenn diese Probleme zufriedenstellend gelöst werden könnten – was nicht jeder für realistisch halten muss – bliebe dies noch immer eine hochriskante Wette auf den flächendeckenden Einsatz heute noch nicht ausreichend funktionaler Technologien zum CO₂-Rückbau.

Wie stehen die Erfolgsaussichten dieser Rückbau-Technologien?

Allinger: Weltweit sind derzeit lediglich 21 Großanlagen in Betrieb, die mittels CCS Kohlendioxid abscheiden. Überwiegend handelt es sich hierbei um Anlagen im Kontext der Öl- und Gas-Förderung. Beispielsweise wird das bei Ölbohrung frei werdende Methan zur Energieversorgung der Plattformen eingesetzt. Das bei der Methan-Verstromung erzeugte Kohlendioxid wird wie beim Mineralwasser in Wasser gebunden und dann wieder in die Lagerstätte verpresst. Abgesehen vom Klimaaspekt dient dieses Verfahren dazu, den Förderdruck der Lagerstätte aufrechtzuerhalten.

Im Allgemeinen benötigt das CCS-Verfahren sehr viel Energie und Wasser. Sinnvoll und möglich ist es nur dann, wenn an dem Ort, an dem CO₂ großvolumig produziert wird, mit Kalk- und Silikatgestein auch ein geeignetes Wirtsgestein vorhanden ist, in welches das Kohlendioxid respektive die daraus gebildete Kohlensäure verpresst werden kann.

Alle diese 21 Anlagen zusammen können nach Angaben der Internationalen Energie-Agentur (IEA) jährlich 40 Megatonnen Kohlendioxid abscheiden. Zurzeit emittieren wir weltweit etwa 1000 Mal so viel. Die IEA hat einmal geschätzt, dass wir eine Industrie aufbauen müssten, die in ihrem Umfang der heutigen Öl- und Gasindustrie entspräche, wenn wir rund 5 Gigatonnen CO₂ einlagern möchten. Und das wäre nur ein Achtel der heutigen Emissionen pro Jahr. Vollkommen ausgeschlossen ist das nicht, wahrscheinlich aber auch nicht.

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