So sehr die Umfragen im Vorfeld der US-Wahl ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Harris und Trump prognostizierten, so eindeutig war das Ergebnis: Trump gewann alle Swing States, den Senat und (aller Voraussicht nach) das Repräsentantenhaus. Über die kommenden zwei Jahre werden wir einen uneingeschränkt handlungsfähigen Trump erleben. Was können wir erwarten?

Der Kapitalmarkt goutierte den Wahlsieg Trumps wohlwollend. Nachdem der Trump-Sieg am 6. November absehbar war, stiegen die US-Börsen zwischen 2,5 Prozent (S&P 500) und 3,6 Proznet (Dow Jones). Der starke Anstieg des Dow Jones verdeutlich die Hoffnung auf eine besondere Förderung der heimischen Industrie, die Trump oft in den Fokus seines Wahlkampfes stellte.

Auch jenseits der Industrie-Förderung wird die Politik Trumps wirtschaftsfreundlich sein. Die angekündigte Senkung der Unternehmenssteuer von 21 auf 15 Prozent ist dabei nur das offensichtlichste Beispiel. Im Kontrast dazu steht die Erhöhung auf 28 Prozent, die Kamala Harris umsetzen wollte. Auch die Deregulierung, die Trump vorantreiben wird, wird die Konjunktur beleben.

 

Es ist gut möglich, dass an den Börsen bis zum offiziellen Amtsantritt Trumps die Hoffnung auf diese Impulse das zentrale Motiv bleiben und wir weiterhin steigende Kurse beobachten können. Das betrifft insbesondere die US-Börsen. Sollten sich nach der Amtseinführung hingegen Hürden bei der Durch- und Umsetzung seiner Initiativen ergeben, werden Rücksetzer am Markt die Folge sein.

Der deutsche Aktienmarkt befindet sich momentan im Spannungsfeld zwischen politischem Umbruch (Neuwahlen im Februar) und der Gefahr eines erneuten Handelskriegs, der uns als Export-Nation empfindlich treffen könnte. Hier sind die Auswirkungen weniger klar und deshalb rechnen wir bis auf Weiteres mit erhöhter Volatilität.

Handelspolitik: US-Firmen sollen in den USA bleiben

Trump artikuliert sehr klar, was er in der Handelspolitik erzielen möchte: US-Firmen mögen in den USA bleiben und vor Ort produzieren. Um das durchzusetzen, wird er nötigenfalls hohe Zölle auf die fraglichen Waren erheben. Seinen Anekdoten zufolge habe diese Androhung bei einigen Firmen bereits dafür gesorgt, dass geplante Standortverlagerungen aus den USA heraus abgebrochen wurden und stattdessen im Inland investiert wurde.

Wir als Europäer können diese Klarheit seiner Forderungen positiv begreifen: Wenn man die Forderungen seiner Gegenseite genau kennt, kann man seine eigenen Positionen optimal darauf abstimmen. Trump wird einen guten Deal machen wollen und Europa könnte dabei auch einen machen.

Deutsche Firmen: Investitionen in den USA

Seinen Wunsch, Industrieproduktion in den USA zu bewahren bzw. zu etablieren, wird Trump mit Nachdruck verfolgen. Letztendlich setzt er damit aber einen Trend fort, der unter Biden begann: Sein Inflation Reduction Act (IRA) ist ein enormes Subventionsprogramm zum Erhalt und zur Förderung der US-Industrie.

Auch wenn laut Institut der deutschen Wirtschaft kein klarer Trend erkennbar sei, dass der IRA zu einer deutlichen Zunahme von deutschen Direktinvestition in den USA geführt habe, haben namenhafte Firmen wegen des IRA Investitionen in den Standort USA forciert oder erwogen: BMW investierte 1,7 Milliarden Euro in sein Werk Spartanburg in South Carolina. Audi sagt, der Standort USA sei „hochattraktiv“ und erwägt den Bau seines ersten US-Werks. Aurubis erweiterte im Zuge des IRA sein Recyclingwerk, das es in Georgia baute. Die Liste ließe sich fortsetzen.

 

Diese Beispiele zeigen eines: Firmen in dieser Größe und mit gutem Zugang zum Kapitalmarkt sind in der Lage, sich veränderten Rahmenbedingungen anzupassen. Wenn Trump durch Zölle Produkte quasi konkurrenzunfähig macht, die nicht (zum größten Teil) in den USA gefertigt wurden, werden investitionsstarke Unternehmen entsprechende Anlagen in den USA (aus-)bauen können. Gegenüber Firmen, die das nicht wollen oder tun, könnten sie damit sogar einen Wettbewerbsvorteil erzielen. Schwieriger wird es für kleine oder mittelgroße Unternehmen, deren Investitionsbudget nicht den Bau neuer Werke in den USA zulässt.

Fazit: Wir kennen Trumps Agenda und können uns darauf einstellen

Donald Trump ist mehr Unternehmer als Politiker. Er sagt unverblümt, lautstark und politisch inkorrekt, was er durchsetzen möchte.  Um seine Ziele zu erreichen, sind ihm fast alle Mittel recht. Das Gute ist: Wir kennen seine Agenda und können uns auf sie einstellen. „The art of the deal“ ist das bekannteste Buch Trumps und eine Fertigkeit, die wir als Deutschland und Europa werden erlernen müssen. Wenn wir es richtig anstellen, auf ihn eingehen und Deals machen, die unsere Interessen wahren, ist eine Win-win-Situation kein Ding der Unmöglichkeit.

Über den Autor:
Marian Henn ist Anlagemanager und Partner beim Vermögensverwalter Allington Investors aus Bad Homburg.