Berufsunfähigkeitsversicherung Wie krisenfest sind die BU-Versicherer?

Die Berufsunfähigkeitsversicherung (BUV) ist auch für viele Verbraucherschützer eine der wichtigsten Policen überhaupt. Doch steigender Wettbewerbsdruck habe in den vergangenen Jahren dazu geführt, dass die langfristige Stabilität bedroht sei. Doch: „Instabilität gefährdet das Vertrauen. Also muss es gelingen, Stabilität statt Preis an die erste Stelle bei der Produktauswahl zu setzen“, fordert jetzt Michael Franke als Herausgeber des aktuell veröffentlichten Map-Reports 918 zu diesem Thema.

Der Co-Chef der Hannoveraner Rating-Agentur Franke und Bornberg hat bereits in den Jahren 2010, 2015 und 2016 den BU-Markt unter die Lupe genommen. „Dabei konnte jeweils aufgezeigt werden, dass bereits in der Vergangenheit einige Versicherer die Überschüsse im BU-Bestand angepasst haben, Kunden also eine höhere Prämie zahlen mussten oder Leistungen eingebüßt haben. Auf das Neugeschäft sind diese Anpassungen in der Regel nicht durchgeschlagen, was einen gewissen Beigeschmack geben kann.“ 

6 Versicherer in der Spitzengruppe

27 Gesellschaften erhielten eine Gesamtbewertung. Davon erreichten sechs Anbieter einen Platz in der Spitzengruppe. An 27 weitere Versicherer konnten nur Teilbewertungen vergeben werden, weil wesentliche Daten nicht verfügbar waren. Weitere vier Versicherer unterziehen sich dem umfassenden interaktiven BU-Unternehmensrating von Franke und Bornberg, bei dem der BU-Stabilität ein eigenes Kapitel gewidmet wird.

Ergänzend zu den vom Map-Report untersuchten Kriterien werden dabei weitere interne Bestands- und Controlling-Daten ausgewertet. Diesem umfassenden Prüfungsverfahren unterzogen sich jetzt die Lebensversicherer Ergo Vorsorge, Generali Deutschland, HDI und Nürnberger. Die Auszeichnung erfolgt dabei in der für Franke und Bornberg üblichen Systematik als F-Note. Die Höchstbewertung ist ein FFF+.

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Bedarfsgerecht kalkulieren

Die vergangenen Jahre hätten nach Angaben der Studienautoren gezeigt, dass sich aufgrund des anhalten Niedrigzinsniveaus beinahe alle Versicherer vom aktiven Verkauf klassischer Garantieprodukten der dritten Schicht verabschiedeten und das Biometrie-Segment vermehrt in den Fokus rückten. Doch der somit zunehmende Wettbewerb forcierte dabei den Preiskampf noch zusätzlich.

Die Tester untersuchten die Beitragskalkulation der BU-Versicherer für das Jahr 2021 in verschiedenen Berufsgruppen – mit erwartungsgemäßen Ergebnissen. Die jeweilige Durchschnittsprämie des Marktes wird von einigen Anbietern um bis zu 30 Prozent unterschritten. Wenige Ausnahmewerte liegen sogar noch darunter. Ein solches Pricing sei in einem wettbewerbsgeprägten, stark ausdifferenzierten Markt jedoch nur schwer mit einer strengen Risikoselektion zu rechtfertigen. Stattdessen zeigten sich deutliche Tendenzen einer Unterkalkulation.

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Die aggressive Preispolitik habe in den vergangenen Jahren bisweilen kuriose Blüten getragen. Die mit den Jahren immer stärker gestiegene Anzahl an Berufsgruppen sorge beispielsweise für Wanderbewegungen von so genannten guten Risiken – also Kunden, die noch gesund sind und bei einem Versichererwechsel Geld sparen können – zu den jeweils günstigen Angeboten. Das sorge für eine negative Entmischung der bestehenden Gewinnverbände und damit für Druck auf die Überschussbeteiligung.

Die früher breiter angelegten Gewinnverbände mit vier Berufsgruppen hatten einen anderen Risikomix, erklärt Franke. Doch dieser sei jetzt durch Entmischung immer schwerer stabil zu halten, da der Ausgleich nicht mehr wie geplant stattfinde. Die immer breiter gefächerte Selektion in immer spezifischere Risikogruppen widerspricht nicht nur dem ursprünglichen Versicherungsgedanken. Auch die anfängliche Freude über niedrige Prämien könne dadurch schnell ins Gegenteil umschlagen, wenn Überschüsse nicht mehr gehalten werden können.

Risiken realistisch einschätzen

Die Einschätzung des beruflichen Risikos bildet – neben der Gesundheitsprüfung – eine tragende Säule der Antragsprüfung. Um noch feiner differenzieren und damit noch günstiger anbieten zu können, nutzen Versicherer vielfach ein Scoring-Modell, das sich am Anteil der kaufmännischen beziehungsweise körperlichen Tätigkeit und manchmal auch der Reisetätigkeit oder Führungsverantwortung orientiert. Fragen nach Tätigkeitsanteilen aber öffnen Manipulationen Tür und Tor, die später nicht einfach festzustellen oder zu sanktionieren sind und bergen das Risiko, dass der Beitrag unter der Bedarfsprämie bleibt.

Diese Gefahr steigt weiter, sofern für Vermittler und Verbraucher Sprungstellen erkennbar werden, deren Überschreiten zu überproportionalen Steigerungen des Beitrages führt. „Es ist leicht nachvollziehbar, dass Angaben optimiert werden, um eine möglichst günstige Einstufung zu erlangen. Da diese Einstufungssysteme leicht durchschaubar sind kommt es einseitig zu Einstufungen, die gegen das System spekulieren. Die falschen Einstufungen gleichen sich dabei nicht aus, sondern gehen regelmäßig gegen die kalkulierte Risikoverteilung im Versicherungskollektiv“, weiß Franke aus vielen Gesprächen mit Vermittlern zu berichten.

Negativselektion vermeiden

Als weiteren destabilisierenden Faktor berücksichtigt das BU-Stabilitätsrating hohe Dynamiksätze ohne zusätzliche Gesundheitsprüfung. Diese bewirken eine unkalkulierbare Risikoerhöhung für das Versichertenkollektiv. Immerhin drei Versicherer sind nach den Erhebungen bereit, 10 Prozent Dynamik ungeprüft in die Bücher zu nehmen.

„Negative Selektionseffekte sind hier vorprogrammiert, was einige Versicherer in der Vergangenheit bereits schmerzhaft, beispielsweise bei selbständigen Handwerkern, erlebt haben“, sagt Reinhard Klages, Chefredakteur des Map-Reports. Dabei ist eindeutig belegt: Sobald sich die versicherte BU-Rente dem bisherigen Nettoeinkommen des Versicherten nähert oder gar übersteigt, steigt die Wahrscheinlichkeit eines Leistungsantrags um das mehrfache gegenüber der üblichen Antragszahlen.

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