„Wir erleben in den nächsten Wochen beispiellose Eingriffe in den Markt“

Fondsmanager Tim Stevenson

Fondsmanager Tim Stevenson

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Tim Stevenson verwaltet als Manager des Henderson Horizon Pan European Equity Fund (WKN: A0B7K4)

Was als nächstes in Europa passieren wird, kann derzeit niemand mit Sicherheit sagen. Sicher ist nur, dass eine Lösung der aktuellen Vertrauenskrise in der Eurozone dringender benötigt wird denn je.

Mit ihrer Vereinbarung, alle Euro-Länder zu einer Politik der Haushaltskonsolidierung zu zwingen, haben sich die Staats- und Regierungschefs der Eurozone in eine verzwickte Lage gebracht, die nun einen kritischen Wendepunkt erreicht hat. Erst im vergangenen Dezember waren die damaligen Bemühungen im Fiskalpakt gegipfelt.

Trotz eines Schuldenschnitts für Griechenland, mit dem dessen Verbindlichkeiten auf ein Drittel ihres Nennwerts abgeschrieben wurden, und zahlreicher Hilfsprogramme ist die Wirtschaftsleistung der Hellenen in den vergangenen fünf Jahren um rund 20 Prozent gesunken, während die deutsche Wirtschaft weiter brummt.

Politische Lagerbildung

Angela Merkel und der britische Premier David Cameron sind sich einig, dass es ohne Haushaltsdisziplin nicht geht. Der neu gewählte französische Präsident Francois Hollande hingegen drängt mit deutlicher Unterstützung des US-Präsidenten Barack Obama beim letzten G8-Treffen auf mehr Wachstumsförderung.

Beide Seiten haben gute Argumente. Denn es wird kaum gelingen, durch höhere Ausgaben die Verschuldung zu senken. Um es mit Margret Thatchers Worten zu sagen: „Das Problem mit dem Sozialismus besteht darin, dass dir irgendwann das Geld der anderen Leute ausgeht.“ Wobei man im aktuellen Fall Sozialismus durch Kreditaufnahme ersetzen müsste.

Aber wo soll andererseits das viel beschworene „magische" Wachstum herkommen, wenn die Regierungen auf riesigen Schuldenbergen sitzen? Mit einem radikalen Sparkurs jedenfalls hat noch niemand den Weg aus einer Rezession gefunden.

Was bedeutet das für die Märkte?
  1. Wird Griechenland aus dem Euro austreten? Aus meiner Sicht ist diese Möglichkeit heute wesentlich wahrscheinlicher als vor den letzten Wahlen in Griechenland. Denn wählen die Griechen eine Regierung, die die im vergangenen Jahr mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Europäischen Union (EU) ausgehandelten Verträge ignoriert, wird man Griechenland aus dem Euro zwingen.

  2. Wie aber kann Griechenland austreten, wenn es keinen Mechanismus dafür gibt? Und was wären die Folgen? Nun – nichts ist unmöglich, aber schwierig ist es schon und würde sicher den anderen Volkswirtschaften der Eurozone einen herben Schlag versetzen. Schätzungen gehen davon aus, dass ein solcher Schritt die restlichen Euro-Mitglieder rund 3 Prozent ihres Bruttoinlandprodukts kosten würde. Aber könnte es danach nicht auch so etwas wie eine Erleichterungsrally geben?

  3. Begleitet werden müsste dieser Radikalschnitt von beherzten Initiativen für mehr Integration in Europa: etwa von Garantien für Bankeinlagen in allen europäischen Ländern (Griechenland ausgenommen), neuerlichen Zinssenkungen der Europäische Zentralbank (EZB) und vor allem dem Ende der fiskalischen Unabhängigkeit.

    Alle Länder müssten sich dann ohne Wenn und Aber an die Regeln aus dem „Handbuch für moderne Volkswirtschaften" halten. Zum Standardrepertoire dürften meines Erachtens dann auch von den Euro-Mitgliedern gemeinsam begebene Eurobonds gehören.

  4. Kann Griechenland in der Eurozone bleiben? Das wäre allen Beteiligten am liebsten. Aber inzwischen ist kaum jemand mehr bereit, schlechtem Geld gutes hinterherzuwerfen. Vielleicht sollte man Griechenland weitere Schulden erlassen, etwa indem man die Zinszahlungen drastisch reduziert.

    Gleichzeitig könnte die Troika aus Europäischer Kommission, EZB und IWF Interpol mit einem Mandat ausstatten, um die Verwendung der Gelder besser kontrollieren zu können. Denn erst die laxen Kontrollen der Vergangenheit haben es den Griechen ermöglicht, die Regeln zu unterlaufen.

    Und schließlich ist ja auch eine Koalitionsregierung aus den Volksparteien Pasok und Neue Demokratie noch nicht völlig ausgeschlossen.

  5. Aber sollte man dann nicht auch Irland einen Teil seiner Schulden erlassen? Und was ist mit Spanien und Portugal? Jemand muss klar machen, dass auch die Banken einen Teil der Last zu tragen haben. Der jüngste Streit um die Gehälter zahlreicher Bankvorstände macht indes deutlich, dass hier bislang noch kein Umdenken stattgefunden hat.