2026 könnte ein Jahr der robusten konjunkturellen Entwicklung werden – getragen von Fiskalpolitik, Geldpolitik und globalem Wachstum. Anthony Willis, Investment Manager bei Columbia Threadneedle Investments, erläutert im Interview, wo die Impulse herkommen, welche Risiken Investoren im Blick behalten sollten und warum trotz Optimismus Vorsicht geboten ist.

Herr Willis, wie blicken Sie aus makroökonomischer Perspektive insgesamt auf das Jahr 2026?

Anthony Willis: Wir gehen davon aus, dass das globale Wachstum auch 2026 robust bleibt. In Summe sehen wir gute Chancen, dass 2026 ein Jahr der „Verlängerung des Zyklus“ wird. Damit meinen wir ein Umfeld, in dem sowohl fiskalische Impulse als auch geldpolitische Unterstützung zusammenwirken. In dieser Kombination dürfte das globale Wachstum mindestens auf dem Niveau von 2025 bleiben, möglicherweise sogar leicht darüber liegen.

Was verstehen Sie konkret unter einer „Verlängerung des Zyklus“?

Willis: Normalerweise erwarten Marktteilnehmer nach einer Phase restriktiver Geldpolitik eine deutliche Abschwächung oder gar ein Ende des Zyklus. Für 2026 sehen wir jedoch ein anderes Bild. Fiskalische Stimuli in mehreren großen Volkswirtschaften treffen auf eine Geldpolitik, die – zumindest in Teilen der Welt – wieder unterstützender wird. Das verlängert den laufenden Zyklus, anstatt ihn abrupt zu beenden.

Welche fiskalischen Impulse spielen dabei eine zentrale Rolle?

Willis: Wir erwarten auf der fiskalischen Seite mehrere wichtige Impulsgeber. Japan dürfte zusätzliche Unterstützung liefern. In Deutschland wurden bereits Konjunkturmaßnahmen angekündigt, die nun schrittweise Wirkung entfalten sollten. In den USA ist mit dem im Kongress verabschiedeten „One Big Beautiful Bill“-Gesetz ebenfalls ein bedeutender fiskalischer Stimulus gesetzt worden. Auch China dürfte weitere Maßnahmen ergreifen, um das Wachstum zu stabilisieren und die Wirtschaft am Laufen zu halten.

Wie stellt sich das geldpolitische Umfeld dar?

Willis: Für 2026 erwarten wir eine deutliche Divergenz der Geldpolitik. In den USA und in Großbritannien dürfte es zu weiteren Zinssenkungen kommen. In den USA könnte sich dieser Trend sogar beschleunigen, da Präsident Trump voraussichtlich einen eher zurückhaltenden Vorsitzenden für die US-Notenbank ernennen wird.

Für die Eurozone gehen wir davon aus, dass die Zinsen unverändert bleiben, sofern es zu keinem dramatischen Ereignis kommt. Japan nimmt eine Sonderrolle ein: Dort dürften die Zinsen steigen, da die Bank of Japan zunehmend davon überzeugt ist, dass sich die Inflation verfestigt und sich nachhaltig dem Ziel von 2 Prozent nähert.

Wie schätzen Sie die regionalen Wachstumsaussichten für 2026 ein?

Willis: Insgesamt erwarten wir solides Wachstum. In Teilen Europas dürfte sich das Wachstum beleben, wobei Deutschland dank der angekündigten Konjunkturmaßnahmen besonders gut positioniert ist.

China dürfte an seinem Wachstumsziel von rund 5 Prozent festhalten. In den USA erwarten wir eine Expansion auf etwa dem Niveau dieses Jahres. Großbritannien bleibt ein Sonderfall: Die Wachstumsaussichten sind weiterhin verhalten und unterscheiden sich kaum von 2025, wenngleich ein gewisser Spielraum für eine marginale Verschlechterung besteht.

Die Handelspolitik bleibt ein Unsicherheitsfaktor. Wie bewerten Sie das Thema Zölle?

Willis: Die Zölle werden bestehen bleiben. Gleichzeitig gibt es noch keine Klarheit über ihren rechtlichen Status, da eine Entscheidung des Obersten Gerichtshofs der USA aussteht. Unabhängig vom Ergebnis ist davon auszugehen, dass Zölle auch 2026 ein Thema bleiben. Wichtig ist jedoch: Die Weltwirtschaft und die globalen Lieferketten haben begonnen, sich anzupassen. Diese Anpassungsprozesse dämpfen die negativen Effekte zumindest teilweise.

Welche Herausforderungen sehen Sie für die Kapitalmärkte?

Willis: Wir gehen mit relativ hohen Bewertungen für Aktien und Anleihen ins Jahr 2026. Das lässt wenig Raum für Fehler. Besonders im Technologiesektor – und hier vor allem beim Thema künstliche Intelligenz – sind die Erwartungen sehr hoch. Sollte es Unternehmen nicht gelingen, diese hohen Wachstumserwartungen zu erfüllen, könnte es zu Enttäuschungen kommen.

Gleichzeitig dürfte 2026 stärker als bisher im Zeichen der Monetarisierung von KI stehen. Investoren werden vermehrt darauf achten, ob sich aus den enormen Investitionen tatsächlich nachhaltige Renditen erzielen lassen.

Wie ordnen Sie die politischen Risiken für 2026 ein?

Willis: Auf den ersten Blick wirkt der politische Kalender relativ ruhig, doch erfahrungsgemäß kommt es oft anders. In den USA finden im November die Zwischenwahlen statt, die maßgeblich bestimmen werden, wie die letzten zwei Jahre der vierjährigen Amtszeit von Präsident Trump aussehen.

In Großbritannien stehen Kommunalwahlen an, die für das politische Schicksal von Keir Starmer und Rachel Reeves relevant sein könnten. Weiter vorausblickend sind die Präsidentschaftswahlen in Brasilien zu nennen, bei denen Präsident Lula da Silva zur Wiederwahl antritt.

Zur Person

Anthony Willis ist Senior Economist im Multi-Asset Solutions Team von Columbia Threadneedle Investments und analysiert globale Konjunktur-, Geld- und Fiskaltrends mit Fokus auf deren Auswirkungen auf Kapitalmärkte und Asset-Allokation. Willis verfügt über langjährige Erfahrung in der makroökonomischen Analyse internationaler Märkte.