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Der Bereich Medizindiagnostik ist ein Wachstumsmarkt Foto: imago images / CTK Photo

Europäischer Aktienfonds für Small und Mid Caps

„Wir gehen keine Konjunkturwetten ein“

Pascal Riégis, ODDO BHF AM

Herr Riégis, was sollten Anleger mit Blick auf den ODDO BHF Avenir Europe und seine Anlagephilosophie wissen?

Pascal Riégis: ODDO BHF Avenir Europe ist ein europäischer Aktienfonds, der in Mid Caps investiert. Der Fonds wird von mir seit 2003 mit demselben Team und unverändertem Anlageprozess verwaltet. Das Fondsvolumen beläuft sich derzeit auf 2,6 Milliarden Euro (Stand 28. Oktober 2020). Darüber hinaus verwalten wir in dieser Anlageklasse rund 6,2 Milliarden Euro in diversen offenen Investmentfonds und Vermögensverwaltungsmandaten.

Unsere Anlagephilosophie besteht darin, das Mid Cap-Universum zu durchforsten, um die international führenden Unternehmen von morgen zu identifizieren.

Wo liegen Alleinstellungsmerkmale des Ansatzes?

Riégis: Im Hinblick auf unsere Strategie, die wir seit inzwischen 18 Jahren anwenden, sind wir reine Stock-Picker, um die Gewinner von morgen aufzuspüren. Was uns in dieser Hinsicht besonders macht, ist unser ausgewogener Ansatz, unabhängig davon, wie sich das Marktumfeld gerade entwickelt. Dies bedeutet, dass wir hinsichtlich unseres Anlagestils völlig unabhängig sind und keine Konjunkturwetten eingehen. In der Tat sind europäische Mid Cap-Fonds häufig stark auf Wachstumstitel ausgerichtet. Unser Anlagestil hat sich seit 2014 auch aufgrund der sinkenden Zinsen bewährt. Von Dingen, die wir nicht beeinflussen können, halten wir uns jedoch möglichst fern.  

Was verstehen Sie darunter?

Riégis: Fragen wie: Wo werden die Zinsen in einem Jahr stehen? Welcher Anlagestil passt am besten zum aktuellen Marktumfeld? Stattdessen konzentrieren wir uns auf das, was wir selbst in der Hand halten: Unser umfassendes Knowhow bei der Fundamentalanalyse von Unternehmen, die über den gesamten Zyklus Wert schaffen. Das heißt: Wir suchen die unserer Ansicht nach besten Unternehmen, ungeachtet, ob diese aus zyklischen oder nicht-zyklischen Branchen stammen.

Wir verfolgen diese Anlagephilosophie seit der Gründung des Teams und sind davon überzeugt, dass sie besonders für langfristig orientierte Anleger geeignet ist, die nicht daran interessiert sind, ihre Anlagestrategie aufgrund kurzfristiger Marktschwankungen zu ändern. Vor dem Hintergrund unserer Beständigkeit und Fähigkeit, in allen Konjunkturzyklen Rendite zu erzielen, bringen uns unsere Kunden großes Vertrauen entgegen. Nichtsdestotrotz ist darauf hinzuweisen, dass Anlagen in den Fonds mit Verlustrisiken verbunden sind.

Nachhaltige Anlagen spielen bei den Auswahlkriterien der Kunden eine immer größere Rolle. Inwieweit kommt der Ansatz des ODDO BHF Avenir Europe diesen neuen Bedürfnissen nach?

Riégis: Seit dem Jahr 2003 sieht unser Anlageprozess Sektorausschlüsse vor. 2019 haben wir diesen Ansatz mit konkreten ESG-Kriterien formalisiert. Wir verzichten konsequent auf Anlagen in Tabak, Alkohol, Glücksspiele, Kohle und Kernkraft und meiden darüber hinaus umstrittene Unternehmen sowie solche, bei denen die Prioritäten der Unternehmensführung und der Aktionäre nicht mit unseren Überzeugungen vereinbar sind.

Das machen viele Asset Manager…

Riégis: Abgesehen von der Berücksichtigung allgemeiner sowie unserer eigenen Ausschlusskriterien streichen wir auch Unternehmen mit einem niedrigen ESG-Rating aus unserem Anlageuniversum. Insgesamt sind davon mindestens 20 Prozent der Unternehmen unseres Anlageuniversums in Europa betroffen. Von der Auswahl an infrage kommenden Unternehmen werden höchstens 10 Prozent des Portfolios in Aktien mit dem niedrigsten ESG-Rating (1 auf einer Skala von 1 bis 5) investiert. Derzeit haben wir keine solchen Unternehmen in unserem Portfolio. Wenn wir uns dazu entscheiden, in einen solchen Emittenten zu investieren, führen wir einen systematischen Dialog mit dessen Geschäftsleitung. Sind nach 18 Monaten keine Fortschritte erzielt worden, veräußern wir die Position. Nicht zuletzt deshalb verfügen wir seit 2019 über das SRI-Label des französischen Staates.

Die Integration strenger ESG-Kriterien in einen Anlageprozess gilt als eine echte Herausforderung. Wie gelingt Ihnen das?

Riégis: In der Tat, ESG-Entscheidungen sind häufig nicht eindeutig. Es gibt viele Grauzonen, in denen der Anleger ein unabhängiges Urteil fällen muss. Wir haben das Glück, von einem engagierten ESG-Team unter der Führung von Nicolas Jacob, dem Leiter ESG-Research von ODDO BHF AM, unterstützt zu werden. Mithilfe unseres proprietären Modells ermitteln wir unsere eigenen ESG-Ratings, was uns eine genaue und unabhängige Analyse unseres Anlageuniversums ermöglicht.

Könnten Sie etwas ausführlicher auf Ihre Überzeugungen eingehen? Haben Sie als Reaktion auf die Covid-19-Krise kürzlich Anpassungen im Portfolio vorgenommen?

Riégis: Eine Aktie, von der wir derzeit besonders überzeugt sind, ist BioMérieux, ein weltweit führendes Unternehmen bei diagnostischen Tests für Infektionskrankheiten wie bakterielle und virale Infektionen sowie bei industriellen Tests für Lebensmittel und pharmazeutische Produkte. Unser Fonds ist bereits seit vielen Jahren in BioMérieux investiert. BioMérieux war eines der ersten Unternehmen, das einen zuverlässigen biomolekularen Covid-19-Test entwickelte und bereits im April in industriellen Mengen produzierte. Der Titel ist für den zweitgrößten Performancebeitrag im Fonds seit Jahresbeginn verantwortlich (mit einem Plus von 68,9 Prozent seit seiner Aufnahme in das Portfolio und einem Beitrag von 227 Basispunkten zur absoluten Rendite). Der Anteil von BioMérieux in unserem Portfolio betrug Ende September 4,5 Prozent.

Wie sieht es im Technologiebereich aus?

Riégis: Hier halten wir ein Engagement in Teamviewer. Dies ist eines der wenigen Unternehmen, in das der Fonds im Oktober 2019 bereits beim Börsengang investierte. Teamviewer ist weltweit führend in der Fernsteuerung und -wartung von Computern und anderen mit dem Internet verbundenen Geräten und hat von der jüngsten Telearbeit- und Remote Service-Welle stark profitiert. Zusätzlich zu den Büroanwendungen weitet das Unternehmen sein Angebot zunehmend auf IdD-Lösungen („Internet der Dinge“) für produzierende Unternehmen aus. Die Aktie machte Ende September 2,5 Prozent unseres Portfoliobestandes aus.

Was raten Sie Anlegern, die sich in der aktuellen Pandemie-Lage Sorgen machen?

Riégis: Als Aktienanleger ist es wichtig, die Volatilität des Marktes zu akzeptieren und die langfristige Perspektive im Auge zu behalten. Im vergangenen März und April ergab sich für uns die Gelegenheit, unser Engagement in Qualitätstiteln zu extrem attraktiven Bewertungen zu erhöhen. Dazu gehören unter anderem der französische Zahlungsdienstleister Worldline sowie Eurofins Scientific, eine international führende Labor-Gruppe.

In einer von Verunsicherung geprägten Phase kann man in der Regel beobachten, wie sich die Spreu vom Weizen trennt. Mid Caps können selbst in einer sich abschwächenden Weltwirtschaft noch stark expandieren, da sie agil genug sind, um neue Trends auszunutzen und wachsende Marktnischen zu erobern und neue, sich schnell entwickelnde Regionen zu erschließen. Der Aufbau eines Portfolios um die besten dieser Unternehmen herum wird uns dabei helfen, über den empfohlenen Anlagehorizont sowohl absolut als auch relativ gesehen gut abzuschneiden.

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