DAS INVESTMENT: Welche Produkte werden 2024 an Bedeutung gewinnen? Wo dürfte die Nachfrage in die Höhe schießen und warum?
Oliver Brüß: In der Sachversicherung wird im Firmenkundengeschäft die Nachfrage nach Cyber-Schutz anhalten, da das Risiko von Hackerangriffen auch für KMU weiter steigt. Vor dem Hintergrund des immer größer werdenden Fachkräftemangels erwarte ich für die betriebliche Altersversorgung (bAV) und die betriebliche Krankenversicherung (bKV) weitere Zuwächse. Denn immer mehr Arbeitgeber erkennen, dass die betriebliche Alters- und Gesundheitsvorsorge genauso wie eine Absicherung gegen Berufsunfähigkeit im Kollektiv wirksame Instrumente zur Gewinnung und Bindung von Fachkräften sind. In der privaten Krankenversicherung rechne ich mit einer weiterhin starken Nachfrage nach Zusatzversicherungen. Denn das Thema Gesundheit ist und bleibt nach meiner Einschätzung ein Wachstumsmarkt.
Die Beiträge in der Kfz-Versicherung sind zuletzt innerhalb eines Jahres im Schnitt um mehr als 14 Prozent gestiegen. Das zeigt eine Auswertung des Geldratgebers Finanztip. Sehen Sie eine weitere Produktkategorie, in der es im kommenden Jahr zu starken Preiserhöhungen kommen könnte?
Brüß: Der GDV geht davon aus, dass aufgrund der stark gestiegenen Leistungsausgaben in der privaten Krankenversicherung (PKV) mit Beitragsanpassungen zu rechnen sei. Die Inflation wird sich nach Einschätzung des Verbandes wahrscheinlich auch auf die Prämienentwicklung in der Sachversicherung auswirken.
Und wie sieht es mit den anderen Sachversicherungen wie privater Haftpflicht, Hausrat-, Rechtsschutz- und Unfallversicherung aus?
Brüß: Die Anpassungen in den genannten Sachversicherungen werden deutlich moderater ausfallen als im Kraftfahrzeugbereich. Aufgrund der steigenden Inflation und der damit verbundenen höheren Kosten im Schadenfall kann eine Beitragsanpassung in den nächsten Jahren jedoch nicht ausgeschlossen werden.
Welche Auswirkungen hatte die Zinswende im Jahr 2022 auf Ihr Lebensversicherungsgeschäft?
Brüß: Die Lebensversicherung hat für die Kunden zwei wesentliche Aspekte: Eine verlässliche Rendite, die immer über der Inflationsrate liegen sollte, sowie den Sicherheitsaspekt. Die Zinswende hat die Perspektive für beide Aspekte verändert: Kurzfristig können wir mit unseren konservativen Produkten keine Inflationsspitzen brechen – das wollen wir auch gar nicht. Aber durch die höheren Zinsen können wir im konventionellen Teil der Produkte wieder höhere Überschüsse anbieten. Das erhöht die Rendite. Auf der Neugeschäftsseite verzeichneten wir marktkonform Einbußen im Einmalbeitragsgeschäft. Dagegen läuft das Neugeschäft gegen laufenden Beitrag, insbesondere im Bereich der betrieblichen Altersvorsorge (bAV) hervorragend. Der Bedarf nach sicherer und langfristiger Vorsorge ist gerade in unsicheren Zeiten ungebrochen.
Und wie geht es 2024 weiter?
Brüß: Mit der sich abschwächenden Inflation wird 2024 mehr Ruhe in die Wirtschaft einkehren und damit auch die Möglichkeit des langfristigen Sparens wieder stärker in den Fokus der Verbraucher rücken.
Rechnen Sie damit, dass die Bürger angesichts der inflationsbedingt gestiegenen Lebenshaltungskosten an Altersvorsorge sparen oder ihr Geld in das nun besser als in den vergangenen Jahren verzinste Tages- und Festgeld anlegen werden?
Brüß: Bei der Altersvorsorge und Vermögensplanung kann es nicht um ein Entweder-Oder gehen. Wer es richtig macht, ist möglichst breit aufgestellt. Die gute Nachricht ist, dass die Kunden derzeit auch kurzfristig mehr Rendite bekommen. Das brauchen sie angesichts der kurzfristig hohen Inflationsspitzen auch. Das ersetzt aber nicht das langfristige Sparen in sichere Altersvorsorgeprodukte. Übrigens verzeichnen wir seit dem Zinsanstieg kein erhöhtes Stornoaufkommen. Das bestätigt genau diese Sichtweise.
Wie wird sich der Absatz einzelner LV-Produkte entwickeln? Laut mehreren Studien ist in diesem Jahr die Nachfrage nach Fondspolicen stark gestiegen. Rechnen Sie damit, dass sich dieser Trend auch 2024 fortsetzt?
Brüß: Die bAV wird weiterwachsen. Wir gehen davon aus, dass sich das Geschäft in der privaten Altersversorgung gegen Einmalbeitrag auch im Privatkundengeschäft wieder erholt. Und ja: Auch wir sind überzeugt vom Trend zu Fondsprodukten. Wir planen gerade die Entwicklung einer neuen Fondsrente ohne Garantien, die im kommenden Jahr auf den Markt kommen soll. Außerdem gehen wir von steigender Nachfrage nach unserer in diesem Jahr neu eingeführten SBU aus.
Nach einer Begeisterungswelle in den Vorjahren nimmt das Interesse an Nachhaltigkeitsthemen in der Bevölkerung wieder ab. Zu diesem Ergebnis kommen mehrere Studien – auch im Versicherungsbereich. Manche Experten gehen davon aus, dass auch die EU-Taxonomie nichts daran ändert, dass das Interesse an nachhaltigen Versicherungsprodukten weiter abnimmt. Andere betrachten diese Entwicklung als Hype-Zyklus nach Gartner: Man sei gerade im „Tal der Enttäuschung“ angekommen, nun dürfte es weiter aufwärts gehen. Wie sehen Sie das?
Brüß: Nachhaltigkeit ist ein Megatrend, der bleiben wird. Zwar kann das Interesse der Bevölkerung an Nachhaltigkeitsthemen bei akuten Krisen, wie dem Krieg in der Ukraine oder der Inflation, kurzfristig abnehmen. Jedoch legen verschiedene Studien, beispielsweise von Deloitte oder OMD Germany nahe, dass Nachhaltigkeit auch in Krisenzeiten für deutsche Verbraucher eine große Rolle spielt. Wir gehen davon aus, dass das Interesse langfristig und mit hoher Verlässlichkeit wieder auf das vorherige Niveau ansteigen wird. Auch für die Versicherungsbranche weisen aktuelle Studien, beispielsweise von EY, darauf hin, dass Nachhaltigkeitsaspekte bei Versicherungslösungen für einen großen Teil der Kunden wichtig sind.
Wie kommt es zu derart unterschiedlichen Studienergebnissen?
Brüß: Bei der Betrachtung der Studien ist zu differenzieren. Zwar ist das Interesse an Nachhaltigkeitsthemen auch im Versicherungsbereich vorhanden und wir sehen eine klare Erwartungshaltung der Kunden an die Versicherer, nachhaltige Produkte anzubieten. Die Zahlungsbereitschaft ist jedoch oft noch verhalten. Einige Verbraucher sind bereit, für Nachhaltigkeit mehr zu zahlen, ein anderer Teil aber noch nicht. Diese Kunden erwarten, dass wir Nachhaltigkeit nicht als Add-on behandeln und damit auch einen höheren Preis abrufen, sondern dass wir Nachhaltigkeit ohne Aufpreis in unsere Produkte integrieren. Insgesamt zeigt sich aber gerade die jüngere Generation sehr sensibel gegenüber dem Thema Nachhaltigkeit und erwartet eine ernsthafte Auseinandersetzung damit und vor allem Glaubwürdigkeit dabei. Wir als Versicherer tun also weiterhin gut daran, diese Erwartungen zu erfüllen – im Interesse unserer Kunden, aber auch, um unseren eigenen Ansprüchen an uns als Unternehmen und an unserer Rolle in der Gesellschaft gerecht zu werden.
Der Fachkräftemangel schreitet voran. Betriebliche Vorsorge in Form von bAV und bKV ist eine Möglichkeit, sich positiv vom Wettbewerb abzuheben. Rechnen Sie damit, dass bAV vor diesem Hintergrund weiter an Bedeutung gewinnt?
Brüß: Der Absatz unserer bAV-Produkte hat sich im Jahr 2022 gut entwickelt. Das setzt sich im laufenden Jahr fort. Auch für die Zukunft erwarten wir hier eine deutliche Steigerung des Geschäfts. Eine aktuelle Studie von Stepstone zeigt, dass es für 48,5 Prozent der Mitarbeitenden wichtig ist, dass Arbeitgeber eine betriebliche Altersversorgung anbieten.
Und was ist mit der bKV?
Brüß: Vor dem Hintergrund der noch relativ geringen Durchdringung der bKV und der hohen Wachstumszahlen bietet der Markt weiterhin ein enormes Potenzial. Hervorzuheben ist dabei auch, dass Unternehmen die bKV nicht nur als Instrument zur Steigerung der eigenen Arbeitgeberattraktivität sehen, sondern auch als wirksame Maßnahme zur Reduzierung von Fehlzeiten, die viele Unternehmer angesichts des immer drastischer werdenden Personal- und Fachkräftemangels immer stärker belasten. Des Weiteren ist die bKV gerade in Zeiten der Inflation attraktiv, da sie die Mitarbeitenden unmittelbar bei den Gesundheitskosten entlastet. Vor diesem Hintergrund erwarten wir auch eine steigende Nachfrage nach der Mitversicherung von Familienangehörigen.
Auf welche Leistungen kommt es dabei an?
Brüß: Wir rechnen mit der weiterhin wachsenden Beliebtheit der Budgettarife sowie mit einem zunehmenden Angebot von ganzheitlichen Gesundheitskonzepten. Um den individuellen Bedürfnissen der Unternehmen gerecht zu werden, werden die Versicherer verstärkt verschiedene Produkte kombinieren. Dazu können auch zusätzliche Gesundheitsleistungen wie die Vermittlung von Facharztterminen, die Pflege von Angehörigen, Maßnahmen zur psychischen Gesundheit oder ein betriebliches Gesundheitsmanagement gehören. Außerdem wird es für Versicherer wichtiger werden, Unternehmen bei der Kommunikation der bKV gegenüber den Mitarbeitenden und in Sachen Employer Branding zu unterstützen. Außerdem gehen wir davon aus, dass in Zukunft auch die Arbeitgeber stärker in die Verantwortung für die Gesundheitsvorsorge genommen werden. Denkbar wäre hier beispielsweise eine gesetzlich geregelte betriebliche Gesundheitsvorsorge als Bestandteil der betrieblichen Krankenversicherung nach dem Vorbild der betrieblichen Altersvorsorge (bAV). Wünschenswert wäre hier eine gesonderte Förderung wie bei der bAV, so dass die Gesundheitsabsicherung durch die derzeitige Zuordnung zum Sachbezug nicht mehr in Konkurrenz zu Benefits wie einem Tankgutschein steht.
Welche Trends erwarten Sie in der privaten Krankenvoll- und -zusatzversicherung?
Brüß: Grundsätzlich gilt: Die Bedeutung des Themas Gesundheit ist kaum zu unterschätzen. Aus einer unserer Studien wissen wir, dass für 84 Prozent der abhängig Beschäftigten die Gesundheit an erster Stelle steht. Gleich dahinter folgt die Familie mit 79 Prozent. Umso wichtiger wird es daher für die Private Krankenversicherung (PKV) sein, ganzheitliche und familienorientierte Gesundheitslösungen in den Mittelpunkt zu stellen. Insbesondere die zunehmende finanzielle Belastung der Sozialsysteme sowie die demografisch bedingte Verknappung der medizinischen Versorgung werden diese Entwicklung weiter verstärken. Die private Absicherung der Gesundheit, unter anderem durch bestmögliche Versorgung im Krankenhaus und schnellen Zugang zu Fachärzten, ist hier klar im Vorteil.
Und in der Krankenzusatzversicherung?
Brüß: Auch hier erwarten wir eine weiter steigende Nachfrage. Dabei gehen wir davon aus, dass die Zahnzusatzversicherung das am stärksten nachgefragte Segment bleiben wird. Aufgrund kürzerer Produktlebenszyklen rechnen wir hier mit einem zunehmenden Wettbewerb. Umso wichtiger wird die digitale Sichtbarkeit, die der Schlüssel zur Ansprache insbesondere jüngerer Zielgruppen ist und großes Cross-Selling-Potenzial auch über andere Vertriebswege wie Exklusivvertrieb und Makler bietet.


