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Filmszene aus „The Wolf Of Wall Street“ (1929) Foto: imago images / UIG

Fidelity zieht den Vergleich

Wird Covid-19 schlimmer als 1929?

Wer in Kalifornien auf dem Highway 1 die Küste entlangfährt, kann nicht nur die spektakuläre Landschaft des rauen Pazifiks bewundern. Er überquert auch die Überbleibsel einer Finanzpolitik, die vor mehr als 90 Jahren die Folgen der sogenannten Großen Depression abmildern sollte. Viele Brücken des Highways sind in den 1930er Jahren entstanden, errichtet von Arbeitern, denen der Staat mit einem damals beispiellosen Konjunkturprogramm künstlich neue Jobs beschaffte. Als die Weltwirtschaftskrise damals die USA in die Krise gestürzt hatte, sorgte die Regierung für neue Aufträge, die bis heute die Infrastruktur des Landes prägen. Der Plan ging als New Deal in die Geschichte ein.

Er traf auf eine ins Mark erschütterte Volkswirtschaft: Bis 1933 waren in Folge des Börsencrashs 1929 etwa 15 Millionen Amerikaner arbeitslos geworden, 20 Prozent der damaligen Bevölkerung. Fast die Hälfte der Banken des Landes waren bankrott. Im Frühjahr 2020 wiederum wurden weltweit ganze Branchen eingefroren, um die Covid-19-Pandemie einzudämmen. Die Weltwirtschaft stand mehrere Wochen quasi still. Ergebnis: Die Arbeitslosenquote erreichte in den USA im April mit 14,7 Prozent einen neuen Höhepunkt. Es war der höchste Wert seit Beginn der Aufzeichnungen nach dem Zweiten Weltkrieg.

In der Corona-Krise steigen also weltweit die Arbeitslosenzahlen – so wie damals. Auch die Angst vor einer neuerlichen Depression ist groß – so groß, dass einige Beobachter nun bereits tiefgreifende strukturelle Veränderungen vorhersagen, die das Wirtschaftssystem in ähnlichem Maße verändern könnten wie in den 1930er Jahren. Regierungen und Notenbanken stemmen sich zwar auch jetzt wieder einer langwierigen Weltwirtschafts- und Finanzkrise entgegen. Doch finden sich im Vergleich zu damals bedeutsame Unterschiede. Es lohnt sich, diese genauer zu betrachten.

Die Ursachen der Weltwirtschaftskrise

Die Weltwirtschaftskrise damals bahnte sich schleichend an. Elektrizität und Akkordarbeit hatten die Wirtschaft so produktiv gemacht, dass sich beispielsweise mit den Aktien großer Autokonzerne enorme Gewinne erzielen ließen. In der Hoffnung, am Boom teilzuhaben, und in der festen Erwartung eines immerwährenden Bergauf hatten immer größere Teile der Bevölkerung an der Börse spekuliert. Als dann am 24. Oktober 1929 die zunächst schleichenden Kursverluste in einem dramatischen Absturz endeten, standen viele Menschen vor dem Nichts. Nicht nur ihre Aktien waren quasi wertlos geworden. Da sie die Käufe häufig mit Krediten finanziert hatten, waren sie nun auch hoch verschuldet. „Der Börsencrash war damals der Tropfen, der das Fass zum Überfluss brachte“, sagt der Wirtschaftshistoriker Jan Otmar Hesse von der Universität Bayreuth. Denn: „Die Weltwirtschaftskrise hatte viele Ursachen.“

Und heute? Hat die akute Krise letztlich nur einen einzigen Grund: die Pandemie. Für Wirtschaftshistoriker Hesse ist die Lage daher nicht direkt vergleichbar. „Die damalige Krise hatte andere Ursachen, andere Folgen und auch der Verlauf war völlig anders als der, den wir gerade erleben“, sagt er. Noch wichtiger aber: „Die Krise trifft auf im Grunde funktionierende Volkswirtschaften.“

Die Rolle des Staates

In vielen Staaten sind gewaltige Konjunkturprogramme der Regierungen angelaufen, die die schlimmsten Folgen abfedern sollen. In diesen staatlichen Reaktionen sieht Hesse einen weiteren Unterschied zur großen Depression. „In den 1930ern gab es nur moderate Staatsausgabenprogramme“, sagt der Historiker. „Die Unterstützung verhinderte gerade so, dass die Menschen auf den Straßen verhungerten.“ Die Staatsquoten, also das Verhältnis der Staatsausgaben zum Bruttoinlandsprodukt, lagen eben noch sehr viel niedriger als heute, in den USA etwa bei 15 Prozent. „Staatseingriffe waren damals eine völlig ungewohnte Praxis“, sagt Hesse. „Die handelnden politischen Akteure fühlten sich schlicht nicht verantwortlich dafür, wenn durch eine ökonomische Krise Menschen arbeitslos oder obdachlos wurden.“

Im Zentrum standen damals Hilfen für die Großindustrie und die Finanzmärkte, nicht für die Beschäftigten. Auch heute lässt sich kritisieren, wie die Hilfs- und Rettungsgelder verteilt werden. Trotz allem ist das Staatverständnis ein anderes. Zumindest in Europa können die Menschen erwarten, dass der Staat Unwägbarkeiten der Konjunktur in gewisser Weise ausgleicht. Diese Vorstellungen von Sozialstaatlichkeit haben sich erst nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelt, und dann noch einmal in den 1970er Jahren – übrigens ebenfalls in einer ökonomisch schwierigen Lage, der Ölkrise.

Seither sind die Staatsquoten deutlich gewachsen. In den skandinavischen Ländern liegen sie heute bei über 50 Prozent. Der damalige New Deal war gemessen an dem heutigen Steueraufkommen kaum der Rede wert. Zudem gilt er historisch nicht mal als sonderlich erfolgreich: „Die Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen waren nicht groß genug und die Investitionsprogramme kamen zu spät“, sagt Hesse. In der Corona-Krise konnten viele Staaten deutlich schneller und stärker reagieren.

Ein Beispiel: Viele Regierungen stellten umgehend Notkredite und Kurzarbeitergeld zur Verfügung. Die tatsächliche Wirkung dieser Hilfen muss in den kommenden Jahren zwar erst erforscht werden – allein die Volumina der Hilfspakete sind aber schon mal um Dimensionen höher als in der Vergangenheit.

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