Wirtschaftsjournalismus: "Wir erleben zur Zeit eine grandiose Volksverdummung"

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Müller, ein deutscher Volkswirt und Publizist, der von 1987 bis 1994 für die SPD Mitglied des Deutschen Bundestages war und seitdem als Autor und Berater tätig ist, kritisiert: "Sie denken nicht selber nach und berufen sich auf Meinungen sogenannter 'Experten', die eigentlich keine Ahnung haben. Wenn sie mal aus ihrem eigenen Erfahrungsschatz schöpfen, mangelt es ihnen an wirtschaftlichem Verständnis, um die Sachverhalte richtig darzustellen. Und zu guter letzt garnieren sie ihre unsachlichen, falschen Berichte noch mit einer Prise überzogener Wortwahl. Sie, das sind die Wirtschaftsjournalisten und der Sachverhalt über den sie nicht Bescheid wissen, ist die Wirtschaft, genauer gesagt die aktuellen Vorgänge an der Börse." Falsche Schlussfolgerungen Der Börsencrash, die Talfahrt der Aktienkurse, der Untergang der Finanzwelt – die Medien seien voll von Kommentaren, die volkswirtschaftliche Sachverhalte für die Vorgänge am Aktienmarkt verantwortlich machten. Von der entscheidenden Ursache der Kursschwankungen, nämlich den Spekulanten, ist laut Müller fast nie die Rede. So sei bei einem Blick auf die Entwicklungen der Dax-30-Werte zwischen 1960 und 2010 jedoch leicht erkennbar, dass die Werte in den letzten 15 Jahren schon öfter gewaltige Sprünge nach oben und unten gemacht haben.   Die Vervierfachung und anschließende Reduzierung der Kurse zwischen 1995 und 2001 sei nicht etwa mit konjunkturellen Entwicklungen zu rechtfertigen, sondern eine Folge der Spekulanten, die sich am Aktienmarkt austobten. Unsachliche Wertungen Auch die Art der Sprache, mit der viele Wirtschaftsjournalisten die Börsengeschehnisse darstellen, zeugt laut Müller von ihrem Unwissen und der Gier nach Aufmerksamkeit.  „Sturzflug“, „Schwere Verluste“, „Es war ein totales Blutbad“ – diese Kommentare kämen der tatsächlichen Bedeutung der Aufwärts- und Abwärtsbewegungen der Kurse nicht annähernd nah. Wer zum Beispiel in Aktien neu einsteigen wolle, könne sich sogar freuen, wenn die hohen beziehungsweise überhöhten Kurse nachgeben. Zumindest Waren Buffet scheint selbiges schon begriffen zu haben. Ein weiterer Irrtum: Bei Kurssteigerungen werden Werte geschaffen, bei sinkenden Kursen werden Werte vernichtet. Diese Meinung sei in deutschen Journalistenköpfen ebenfalls fest verankert, meint Müller – und sie sei falsch. Zündstoff lieferte "Spiegel online" am 5 August: „Börsenpanik vernichtet 2,5 Billionen Dollar“ – dieser Kommentar habe laut Müller nichts mit der Wahrheit zu tun. Denn bei steigenden Aktienkursen entstünden bei den Inhabern der Aktien Kursgewinne in Form von Buchwerten. Wenn die Kurse wieder fielen, landeten Eigentümer da, wo sie eingestiegen seien, oder machten sogar einen kleinen Gewinn, oder Verlust. Mit geschaffenen oder vernichteten Werten habe dies jedoch nichts zu tun. Nachplappern statt eigene Meinung sagen Müller fällt abschließend noch auf, dass die berichtenden Journalisten, anstatt eine eigene Meinung zu präsentieren, sich auf „Analysten“, Chefvolkswirte von Banken oder „Anleger“ berufen ... Dabei sollten sie doch selber mal nachdenken! Besonders die fehlende Distanz zu den Analysten sei ein Armutszeugnis. Denn diese hätten sich in den vergangenen Jahren nicht wirklich als erkenntnisreich erwiesen und seien in der Regel eine rein betriebswirtschaftliche Perspektive auf die Börsensituation. Zum kompletten Artikel geht’s hier.

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