Märkte bewegen Aktien, Zinsen, Politik. Und Menschen. Deshalb präsentieren wir dir hier die bedeutendsten Analysen und Thesen von Top-Ökonomen - gebündelt und übersichtlich. Führende Volkswirte und Unternehmensstrategen gehen den wichtigen wirtschaftlichen Entwicklungen clever und zuweilen kontrovers auf den Grund.
Da diese Artikel nur für Profis gedacht sind, bitten wir Sie, sich einmalig anzumelden und einige berufliche Angaben zu machen. Geht ganz schnell und ist selbstverständlich kostenlos.
Volkswirt Johannes Mayr
Zu viele staatliche Leistungen bremsen das Wachstum
Für die kommenden Quartale droht in Deutschland ein deutlicher Rückgang der Wirtschaftsleistung. Abstiegssorgen dominieren den Diskurs, auch weil Deutschland beim Wirtschaftswachstum wieder die rote Laterne unter den Industrieländern übernommen hat. Die Gründe für die schwache Entwicklung sind vielschichtig und vielfach diskutiert.
Die ungünstige demografische Entwicklung, der veraltete Kapitalstock und die deutlich nachlassende Produktivitätsentwicklung belasten auf der Angebotsseite das Wachstumspotenzial. Der hohe Anteil von Industrie und Export bei einem sich abschwächenden Welthandel und gestiegenen Energiepreisen und die starke Straffung der Geldpolitik bremsen die Nachfrage. Stärker als in anderen Ländern spielt aber wohl auch die ausgeprägte Vollkaskomentalität in Wirtschaft und Gesellschaft eine Rolle. Denn deren Folgen nehmen dem Konjunkturzyklus die Luft nach oben und belasten zusätzlich das Wachstumspotenzial. Doch was ist damit gemeint?
Hoher Anspruch auf Absicherung und geringe Risikoneigung
Unter Vollkaskomentalität lässt sich die Erwartung beschreiben, dass der Staat für wirtschaftliche Herausforderungen von Haushalten und Unternehmen stets in hohem Maße und ohne Fokussierung auf Bedürftigkeit und makroökonomische Realitäten finanzielle Unterstützung bereitstellen soll. In der Folge werden auch die Kosten von individuellen (Fehl-)Entscheidungen in großem Umfang sozialisiert und ein insgesamt zu umfangreicher Schutz bereitgestellt. Ein Versicherungsdenken mit der Vorstellung vom Staat als persönlichem Dienstleister macht sich breit.
Entgegen der ökonomischen Intuition bleibt die Risikoneigung dennoch gering. Zu dem beschriebenen Anspruchsdenken gesellt sich also eine starke Bewahrungshaltung. Beides hat in vielen westlichen Regionen der Welt zugenommen und hat erhebliche makroökonomische Folgen. In Deutschland scheint es besonders stark ausgeprägt zu sein. Dies zeigt sich in den politischen Debatten und dem daraus resultierenden Reformstau der vergangenen Jahre. Aber auch an harten makroökonomischen Kennzahlen.
Die Ursachen dieser Mentalität sind tief verwurzelt. So gelten europäische Gesellschaften grundsätzlich als risikoavers. Sie neigen damit strukturell zu Versicherungslösungen. In Deutschland ist der Hang zur Unsicherheitsvermeidung soziologischen Analysen nach besonders stark (Hofstede Matrix) und wird sowohl dem philosophischen Erbe etwa von Hegel zugeschrieben als auch – insbesondere in den östlichen Bundesländern – dem politischen Erbe.
Gerade in den vergangenen Jahren scheint sich die Erwartung einer Absicherung durch „Vater Staat“ aber nochmal verstärkt zu haben. Hierzu dürfte zum einen das hohe Tempo der technologischen, geopolitischen und klimatischen Veränderungsprozesse beigetragen haben. Zum anderen aber auch die Reaktion der Wirtschaftspolitik auf ökonomische Krisen. Denn gesellschaftlicher Ruf nach Risikoübernahme und wirtschaftspolitisches Reaktionsmuster verstärken sich im Zeitablauf gegenseitig, nicht zuletzt, weil politische Mandatsträger wiedergewählt werden wollen.