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Könnte eine eher umstrittene EZB-Chefin werden: Noch-IWF-Chefin Christine Lagarde | © Getty Images

Wirtschaftsprofis über Christine Lagarde „Allein der Lebenslauf spricht gegen eine Nominierung“

Friedrich Heinemann, Leiter des ZEW-Forschungsbereichs „Unternehmensbesteuerung und Öffentliche Finanzwirtschaft“

Wenn Christine Lagarde und nicht Jens Weidmann im November tatsächlich die EZB-Präsidentschaft übernimmt, macht dies einen wirklichen Unterschied für die Zukunft von Geld- und Fiskalpolitik in Europa. Lagarde ist in ihrer Denkrichtung stark nachfrageorientiert und hat von Deutschland immer wieder höhere Staatsausgaben zum Abbau des Leistungsbilanzüberschusses verlangt. Weidmann argumentiert stärker angebotsorientiert und fordert vor allem Strukturreformen ein.

Lagarde hat als Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF) die expansive Geldpolitik der Notenbanken stets gutgeheißen und würde als geldpolitische Taube den extrem expansiven Kurs von Mario Draghi vermutlich fortsetzen. Weidmann würde diesen Kurs hingegen eher in Frage stellen.

David Lafferty, Chefstratege des Investmenthauses Natixis Investment Managers

Lagarde ist mehr Politikerin als traditionelle Volkswirtin. Einige Kritiker werden daraus eine große Sache machen, aber ich bezweifle, dass es eine große Rolle spielt. Angesichts der niedrigen Inflation, des schleppenden Wachstums und der schwer zu findenden Strukturreformen wird sie kein neues geldpolitisches Regelbuch erstellen müssen. Sie kann mehr oder weniger das ihres Vorgängers Mario Draghi übernehmen und ausspielen. An dieser Stelle ist ihre Fähigkeit, europäische Politik zu steuern, wahrscheinlich mehr wert als eine Promotion in Wirtschaftswissenschaften.

Sie muss die EZB-Politik sowohl den Ländern der Eurozone als auch globalen Investoren „verkaufen“; darauf kommt es an. Ihr Hintergrund und ihr beim IWF verfeinertes Verhandlungsgeschick werden sicherlich zum Tragen kommen, wenn sie für einen größere Rolle der Fiskalpolitik und Strukturreformen auf dem gesamten Kontinent plädiert, in einem Umfeld, in dem ihre monetären Instrumente viel von ihrer Wirksamkeit verloren haben.

Thomas Gitzel, Chefökonom der VP Bank Gruppe

Der Job-Poker fand gestern ein überraschendes Ende. Ursula von der Leyen soll neue EU-Kommissionspräsidentin werden. Im Gegenzug wird die Europäische Zentralbank (EZB) zukünftig von der derzeitigen Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF), Christine Lagarde geführt. Diese Personalkonstellation ist vorbehaltlich einer Bestätigung Ursula von der Leyens durch das EU-Parlament. Eine Zustimmung der Abgeordneten ist bislang nicht gesichert und das Brüsseler Schachspiel deshalb noch nicht in trockenen Tüchern.

Was wäre nun aber von einer Christine Lagarde als zukünftige Vorsitzende der EZB zu halten? Die derzeitige IWF-Chefin hat einen reichen Erfahrungsschatz. Auf internationalem Parket weiß sich die Juristen bestens zu bewegen. Wirtschafts- und finanzpolitische Fragen sind ihr vertraut. Allerdings ist Christine Lagarde auch ehemalige Politikerin und damit stellt sich berechtigter Weise die Frage nach der Unabhängigkeit der EZB. Die Französin war in ihrem Land unter anderem vier Jahre Ministerin für Wirtschaft und Finanzen. Während ihrer Amtszeit wurde ein Defizitverfahren gegen Frankreich eingeleitet. Wie unabhängig sie zukünftig gerade in wirtschaftlichen Krisenzeiten handeln wird, bleibt abzuwarten. Die EZB hat bereits unter Mario Draghi ihr geldpolitisches Mandat de facto weit überschritten. Mit einem gut gefüllten Speicher an Staatsanleihen übernimmt eine vormalige Politikerin nun das Ruder. Ohne Böses unterstellen zu wollen, aber allein der Lebenslauf von Christine Lagarde spräche gegen eine Nominierung als Vorsitzende einer Notenbank.

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