Europäische Flaggen vor dem Brüsseler Berlaymont-Gebäude, Sitz der EU-Kommission Foto: imago images / agefotostock

Detailvorschriften kommen später Wo die Krux bei den Priips-Informationsblättern liegt

Bereits Mitte Mai war aus einem Schreiben von EU-Kommissarin Mairead McGuinness an das EU-Parlament bekannt geworden: Die EU-Kommission plane, die Anwendung der Priips-Verordnung für Publikumsfonds um ein halbes Jahr zu verschieben. Fondsgesellschaften sollten sechs Monate mehr Zeit erhalten, sich auf die neuen Regeln zur Gestaltung von Fonds-Informationsblättern vorzubereiten, die die Priips-Verordnung fordert. Starttermin für Priips bei Publikumsfonds solle statt des 1. Januar nunmehr der 1. Juli 2022 sein. Mittlerweile hat die Kommission einen entsprechenden Vorschlag zur Änderung der Ucits-Richtlinie vorgelegt.

Was bei den europäischen Fondshäuser zunächst für Erleichterung gesorgt haben dürfte, könnte sich jetzt als immer noch nicht genug entpuppen. Denn um die neuen Regeln umzusetzen, benötigen die Fondsgesellschaften ein gewisses Maß an Zeit. Zwölf Monate bräuchten die Häuser, um die Detailvorschriften zu Priips, technische Regulierungsstandards, abgekürzt RTS, anwendungsreif umzusetzen, rechnet man etwa beim deutschen Fondsverband BVI.

Doch an ebendiesen Detailvorschriften hapert es. Die RTS zu Priips für Publikumsfonds sollten ursprünglich bis Mitte dieses Jahres vorliegen. Wie jetzt allerdings bekannt wurde, sollen sie stattdessen nun erst im September herauskommen. Das berichtet das zur Financial Times gehörende Finanzportal igniteseurope.com. Ein nicht näher benannter EU-Insider habe die Verzögerung damit begründet, dass man Dokumente noch nicht in alle EU-Sprachen übersetzt habe.   

Diese Verzögerung bringt die Fondshäuser nun erneut in Zeitnot. Denn von Ende September 2021 bis Ende Juni 2022 blieben den Häusern nur noch neun Monate Zeit, ihre Fondsinformationen auf Priips umzustellen.

Entsprechend ungehalten reagiert beim deutschen Fondsverband BVI. „Wir weisen seit Jahren darauf hin, dass für die sorgfältige rechtliche Analyse und technische Umsetzung der Priips-Informationen für tausende Publikumsfonds mindestens zwölf Monate erforderlich sind“, betont Thomas Richter. Der BVI hatte sich zuvor bereits für die Verschiebung des Priips-Starts auf Juli 2022 stark gemacht. Nun fordert der Hauptgeschäftsführer des Verbands einen weiteren Aufschub: Startschuss für die Priips-Regeln bei Publikumsfonds solle der 1. Januar 2023 werden.

Laut igniteseurope.com hat sich jüngst auch der europäische Fondsverband Efama in einem Brief an den frisch angetretenen slowenischen Ratspräsidenten der EU, Janez Janša, gewendet: Die Verlängerung der Priips-Frist bis zum 1. Juli 2022 sei bereits das absolute Minimum an Entgegenkommen, das die europäischen Fondsindustrie benötige, um sich auf Priips einzustellen. Auch den dortigen Fondsindustrie-Vertretern schwebt mithin die Notwendigkeit vor Augen, den Gesellschaften einen gebührenden Zeitrahmen zu verschaffen.

Start schon mehrmals verschoben

Der Zeitplan für die Priips-Verordnung („Packaged Retail and Insuance-based Investment Products“) war in der Vergangenheit schon mehrmals umgestoßen worden. Eigentlich ist die EU-Verordnung bereits seit Anfang 2018 europaweit wirksam – allerdings nur für kapitalbildenden Versicherungen und Derivate, für die es zuvor keine europäisch standardisierten Informationspflichten gab. Publikumsfonds, also Ucits-Fonds und AIFs, sollten ursprünglich 2020 nachziehen. Bislang gestalten die Fondshäuser ihre Produktinformationen nach dem Ucits-Standard. In einem ersten Schritt erhielten die Fondsgesellschaften zwei Jahre länger Zeit, bis zum 1. Januar 2021, um auf Priips umzustellen. Die Frist ist gerade um ein halbes Jahr, bis zum 1. Juli 2022, verlängert worden. Und auch diese Verlängerung steht nun auf der Kippe.

Wieso fällt es den Fondsanbietern eigentlich so schwer, sich auf die Priips-Regeln einzustellen? „Es gibt mehrere Unterschiede zwischen Priips- und Ucits-Informationsblättern“, erläutert Mikkel Bates, Manager für Regulierung bei FE Fundinfo. Das britische Datenhaus bietet Fondsgesellschaften Hilfe beim Erstellen von Priips-Dokumenten an. „Priips-Blätter enthalten neue Regeln für die Berichterstattung über Aktualisierungen und Überprüfungen eines Anlageprodukts, die physische Länge des Dokuments, die Art und Weise, wie die Wertentwicklung gemessen wird, wie sich das Risiko berechnet und wie Informationen zu Kosten und Gebühren darzustellen sind.“ Außerdem unterscheiden sich die Adressaten: Während sich die bisherigen Ucits-Informationen sowohl an Privat- als auch Profi-Anleger richten, adressieren die neuen Priips-Blätter ausschließlich Privatanleger.

Fest steht: Um dem Priips-Standard zu genügen, müssen Fondsgesellschaften eine Fülle zusätzlicher Daten in die Dokumente einfließen lassen. Viele Häuser haben mit der Umstellung zu kämpfen. „Während kleinere Konzerne letztlich weniger Priips-KIDs (KID = Key Information Document, Basisinformationsblatt, die Red.) erstellen müssen und vielleicht flinker sind, fehlen ihnen möglicherweise die Ressourcen“, benennt Bates ein Problem. Und andererseits: „Größere Konzerne verfügen zwar über mehr Ressourcen, haben aber auch eine größere und komplexere Produktpalette. Das erhöht die Menge der Daten, die sie für ihre Priips-KIDs erstellen müssen.“

Die Anlegerinformationen müssten zudem kontinuierlich erneuert werden. „Wie die Volatilität des letzten Jahres gezeigt hat, können Priips-KIDs auch schnell veraltet sein und müssen unter Umständen sehr kurzfristig neu herausgegeben werden“, erinnert Bates.

Fondsgesellschaften in Zeitnot

Erst im März hatte FE Fundinfo in einer europaweiten Umfrage ermittelt, dass viele Fondshäuser sich in der Tat in Zeitnot fühlten. Eine von acht Gesellschaften befürchtete demnach, die Frist zum Jahresende nicht einhalten zu können. Immerhin 38 Prozent der Anbieter gaben zu Protokoll, mit der Erstellung von Priips-Informationsblättern noch gar nicht begonnen zu haben.

Das liegt allerdings beileibe nicht nur an den Fondsgesellschaften. Vielmehr begann der Stau bereits vorher, auf europäischer Ebene. So konnten sich die Regulierungsbehörden Eba, Esma und Eiopa monatelang auf keine gemeinsame Linie für dringend gebotene Reformen an den genannten Priips-Kids einigen. Im Februar stimmten sie schließlich einhellig einem Änderungsvorschlag zu.

Mit der jetzt durchgesickerten Verzögerung bei der Verabschiedung der RTS bahnt sich bei Priips ein neuer Stau auf EU-Ebene an. Ob die Fondsgesellschaften die Verzögerung ausbaden müssen, oder sie einen weiteren Aufschub erhalten, ist noch ungewiss.

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