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Eine Chinesin mit Atemmaske inmitten der Dekorationen zum Chinesischen Neujahr: Während der Feierlichkeiten könnte sich das grassierende Coronavirus noch schneller ausbreiten, sagt China-Expertin Mo Ji von Alliance Bernstein. | © Getty Images Foto: Getty Images

Wuhan-Coronavirus

Epidemie könnte China Wirtschaftswachstum kosten

Mo Ji, Chefvolkswirtin für Großchina bei Alliance Bernstein (AB)

Das Wuhan-Coronavirus breitet sich in China aus und verursacht Störungen, schwere Krankheiten und sogar den Tod. Zusätzlich zu den tragischen menschlichen Kosten einer Epidemie kann eine weit verbreitete Krankheit aber auch bedeutende volkswirtschaftliche Schäden verursachen.

Die historischen Ansteckungsmuster und die wirtschaftlichen Kosten ähnlicher Infektionskrankheiten erlauben es uns, die potenziellen Auswirkungen des Wuhan-Coronavirus auf das Wachstum von Chinas Bruttoinlandsprodukt (BIP) abzuschätzen.

Eine aufkommende Epidemie

Per 22. Januar gibt es in ganz China mehr als 500 bestätigte Fälle des neuartigen Coronavirus (oder 2019-nCoV), und diese Zahl steigt rapide an. Bis heute hat das Virus mindestens 17 Todesfälle verursacht. Weitere Todesfälle wurden möglicherweise fälschlicherweise der Grippe zugeschrieben.

Das Epizentrum der Krankheit ist Wuhan, eine Stadt mit 11 Millionen Einwohnern in Zentralchina und die Hauptstadt der Provinz Hubei. Die chinesische Regierung hat nun wenige Tage vor dem chinesischen Neujahrsfest am 25. Januar alle Fahrten in und aus der Stadt sowie den öffentlichen Verkehr innerhalb der Stadt eingestellt.

Zwischen dem 10. Januar und dem 18. Februar werden chinesische Reisende zur Feier des chinesischen Neujahrsfestes schätzungsweise drei Milliarden Reisen unternehmen. Eine solche Massenbewegung birgt die Gefahr einer beschleunigten Ausbreitung des Virus von Mensch zu Mensch. Besonders tückisch ist dabei, dass sich bei einer Ansteckung anfangs keine Symptome zeigen.

Ein neues SARS?

Das Wuhan-Coronavirus wirft Vergleiche mit der Krankheit SARS (Schweres Akutes Respiratorisches Syndrom) auf, einem besonders tödlichen Stamm des Coronavirus, der von 2002 bis 2003 in der gleichen Region eine Epidemie auslöste. SARS war nach Angaben des Nationalen Gesundheitsinstituts (NIH) für fast 8.100 Fälle, 774 Todesfälle und geschätzte wirtschaftliche Verluste von mehr als 40 Milliarden US-Dollar verantwortlich.

Mit einer Sterblichkeitsrate von 3,1 Prozent zum Zeitpunkt, als dieser Text geschrieben wurde, scheint das neu identifizierte Virus nicht so tödlich zu sein wie SARS, das eine Sterblichkeitsrate von 9,6 Prozent aufwies. Außerdem sind seine Symptome tendenziell milder. Das Ansteckungsmuster von SARS in China und der bekannte Lebenszyklus von Coronaviren lassen jedoch einen wahrscheinlichen Zeitrahmen für den aktuellen Ausbruch vermuten.

Der erste Fall des Wuhan-Coronavirus wurde am 8. Dezember 2019 dokumentiert. Laut Xiaohua Yu, Professor für Agrarwirtschaft in Entwicklungs- und Schwellenländern an der Universität Göttingen, beträgt der Zeitraum zwischen der Erkrankung des ersten Patienten und der Einstufung als großer Ausbruch typischerweise 50 Tage. Das bedeutet einen plötzlichen Anstieg der Fälle Ende Januar 2020. In der Tat haben wir in letzter Zeit einen solchen Anstieg erlebt.

Laut Professor Yu wird die Epidemie wahrscheinlich etwa 90 Tage nach dem ersten Fall, also Anfang März, ihren Höhepunkt erreichen und im April und Mai abklingen. Coronaviren sind in der Hitze des Sommers weniger übertragbar, und Wissenschaft und Regierung arbeiten kooperativ daran, die Ansteckung einzugrenzen und die Krankheit auszurotten. Der Ausbruch von SARS beispielsweise dauerte etwa sechs Monate und wurde im Juli 2003 gestoppt.

Dimension der potenziellen wirtschaftlichen Auswirkungen

Obwohl absolut notwendig, schaden die Praktiken der Infektionskontrolle – seien es selbstauferlegte Vorsichtsmaßnahmen oder staatliche Auflagen – in der Regel dem Konsum und dem Einzelhandelsabsatz. So wirkt sich etwa die Tatsache, dass Konsumenten krank zu Hause bleiben müssen, negativ auf den Absatz von Waren aus, während die Quarantäne einer Stadt dem Tourismus und der Transportindustrie schadet.

Diese Art von Kollateralschäden schlägt sich in realen wirtschaftlichen Kosten nieder. Während der SARS-Epidemie von 2003 fiel das BIP-Wachstum Chinas innerhalb eines Quartals um zwei Prozentpunkte von 11,1 Prozent im ersten Quartal auf 9,2 Prozent im zweiten Quartal.

Wir können diesen Präzedenzfall als grobe Richtlinie verwenden. Natürlich ist das Wuhan-Coronavirus weniger schwerwiegend als SARS, und die chinesische Wirtschaft ist heute größer als 2003. Unsere Einschätzung über die wahrscheinlichen Auswirkungen des aktuellen Ausbruchs lautet daher: Wird die Epidemie innerhalb von drei Monaten eingedämmt, könnte das reale BIP um 0,8 Prozent sinken. Dauert es neun Monate bis zur Eindämmung der Epidemie, könnte der Abstieg bis zu 1,9 Prozent des BIP betragen.

Höchstwahrscheinlich wird die Dauer des Ausbruchs irgendwo dazwischen liegen. Für mindestens weitere drei bis vier Monate wird China nicht nur mit der Ausbreitung der Krankheit, sondern auch mit dem Schaden für das Wirtschaftswachstum zu kämpfen haben. Wir rechnen derzeit mit möglichen Kosten von einem Prozentpunkt für das reale BIP-Wachstum. Dementsprechend erwarten wir, dass China die Geld- und Fiskalpolitik noch aggressiver lockern wird, um sein Wachstumsziel von 6 Prozent im Jahr 2020 zu erreichen.

Währenddessen beobachten wir die Situation weiterhin genau. Der Ausbruch des Wuhan-Coronavirus steht noch am Anfang, und die Situation entwickelt sich rasch.

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