Der „Charging Bull“ im Finanzdistrikt in New York: Regierungen und Finanzinstitute werden versuchen, wirtschaftliche Schocks künftig zu verhindern, sagt Unigestion-Portfoliomanager Olivier Marciot. | © Getty Images

Zehn Jahre nach der Finanzkrise

Warum die Wirtschaft heute ruhiger läuft als früher

In wenigen Wochen beginnt ein neues Jahrzehnt. Was wird aus den Jahren nach der großen Finanzkrise bleiben? Unserer Meinung nach gibt es aus wirtschaftlicher Sicht zwei wichtige (und zusammenhängende) Merkmale, die diese Periode am besten charakterisieren. Erstens war es das erste rezessionsfreie Jahrzehnt in der US-Wirtschaftsgeschichte. Zweitens haben noch nie in der Neuzeit die Zentralbanken so viele Finanzanlagen gehalten wie heute. Wird diese Situation in den kommenden Jahren anhalten und was wird das für die Asset Allocation bedeuten?

Olivier Marciot
Bild: Unigestion

Was kommt als nächstes? Das Ende des Konjunkturzyklus? Nach Angaben des National Bureau of Economic Research hat die US-Wirtschaft von den 1970er Jahren bis 2008 sieben Rezessionen erlebt. Das entspricht mindestens einer in jedem Jahrzehnt. Diese Perioden waren von spezifischen Situationen geprägt. Wir hatten die „große Inflation“ von Mitte der 70er bis Mitte der 80er Jahre, die „große Deregulierung“ in den 90er Jahren und die „große Zurückhaltung“ zwischen 2003 und 2007, wie sie von Stock und Watson definiert wurde. Sie verwiesen dabei auf die geringe Volatilität der Makrodaten, die nach der Technologieblase und vor der großen Finanzkrise von 2008 zu beobachteten war.

In diesen vier Jahrzehnten spielte der Konjunkturzyklus für die US-Wirtschaft eine wesentliche Rolle, mit Phasen von Expansion, Überhitzung, Abschwächung und dann Rezession. Außerdem beobachteten wir in diesem Zeitraum auch große Schwankungen bei Inflation, Arbeitskosten und Energiepreisen. Obwohl wir 2012 eine Rezession in Europa und eine Verlangsamung in den Schwellenländern erlebten, wird das aktuelle Jahrzehnt das erste ohne eine Rezession in den USA sein.

Insbesondere die Volatilität wichtiger US-Makrodaten wie BIP, Konsum, Investitionen und Verbraucherpreise war noch nie so gering wie in diesem Jahrzehnt. Diese „makroökonomische“ Volatilität ist sogar niedriger als während der „großen Zurückhaltung“. Seit 2010 betrug die Volatilität des US-BIP-Wachstums 0,7 Prozent, verglichen mit 2,2 Prozent in den 1970er Jahren und 1,4 Prozent zwischen 2000 und 2010. Ein ähnlicher Trend ist bei der Inflation zu beobachten: 1,4 Prozent in diesem Jahrzehnt gegenüber 2,3 Prozent im vorherigen.

Bedeutet das angesichts der immer geringer werdenden Schwankungen der Wirtschaftstätigkeit ein Ende des Konjunkturzyklus? Diese Situation spiegelt die Entwicklung der US- und Weltwirtschaft wider. Drei Hauptaspekte kennzeichnen ein wirtschaftliches Umfeld am besten: Geldpolitik, Finanzpolitik und Welthandel. In den letzten zehn Jahren hat sich jeder von ihnen deutlich weiterentwickelt. Notenbanken weltweit haben die Konjunktur mit einer akkommodierenden Geldpolitik stark unterstützt, zunächst durch „traditionelle“ Zinssenkungen und dann durch das quantitative Easing.

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