Krieg im Nahen Osten, Zinsunsicherheit, ein schwächelnder Dollar: Genau dieses Umfeld lässt die Notenbanken zu Gold greifen. Den größten Teil ihrer Antworten zur diesjährigen Umfrage des World Gold Council gaben sie ab, nachdem der Nahost-Konflikt eskaliert war. Ihre Botschaft: mehr Gold, nicht weniger.
Es ist die neunte Auflage des „Central Bank Gold Reserves Survey“, den der World Gold Council gemeinsam mit dem Meinungsforschungsinstitut Yougov erhebt. 76 Notenbanken beteiligten sich, ein Rekord. 89 Prozent rechnen damit, dass die weltweiten Goldreserven der Zentralbanken in den nächsten zwölf Monaten weiter steigen.
Noch nie wollten so viele selbst zugreifen
Spannender als die allgemeine Markteinschätzung ist, was die Notenbanken für sich selbst planen. 45 Prozent gehen davon aus, dass ihre eigenen Goldbestände im kommenden Jahr zunehmen, so viele wie nie zuvor. Im Vorjahr waren es 43 Prozent. Der überwiegende Teil der übrigen Häuser erwartet keine Veränderung, nur 1 Prozent rechnet mit einem Rückgang.
Die treibende Kraft sind die Schwellen- und Entwicklungsländer. Rund die Hälfte dieser Notenbanken will in den nächsten zwölf Monaten zukaufen, die andere Hälfte ihre Bestände halten. Die Industrieländer bleiben zurückhaltender.
In den Kaufzahlen schlägt sich das längst nieder. In den vergangenen vier Jahren kauften die Zentralbanken im Schnitt rund 1.000 Tonnen Gold pro Jahr, doppelt so viel wie im Jahrzehnt davor mit etwa 500 Tonnen.
Mehr Gold, weniger Dollar
Auch langfristig zeigt der Trend nach oben. Auf Sicht von fünf Jahren erwarten 84 Prozent, dass Gold einen höheren Anteil an den gesamten Reserven einnehmen wird, nach 76 Prozent im Vorjahr. Industrieländer und Schwellenländer liegen dabei eng beieinander.
Dem US-Dollar trauen die Notenbanken dagegen weniger zu. Zwar bleibt er die dominierende Reservewährung, doch 74 Prozent erwarten, dass sein Anteil in fünf Jahren niedriger ausfällt als heute. Andere Währungen wie Euro und Renminbi sehen sie weitgehend unverändert.
Warum es ausgerechnet Gold ist
Die Gründe für dieses Interesse sind über die Jahre stabil. Als wichtigsten Faktor nennen 90 Prozent der Notenbanken die Wertentwicklung von Gold in Krisenzeiten, ein Rekordwert. Dahinter folgen die Rolle als langfristiger Wertspeicher (84 Prozent) und als Portfolio-Diversifikator (83 Prozent).
Daneben treiben die Notenbanken vor allem drei Themen um: Zinsniveau, Inflation und geopolitische Unsicherheit. In diesem Jahr haben die geopolitischen Sorgen die Inflationsängste überholt. Der World Gold Council führt das auf den Nahost-Konflikt zurück. Besonders nervös sind die Schwellenländer: Dort bewerten 95 Prozent die geopolitische Lage als relevant für ihre Reserveentscheidungen, in den Industrieländern sind es 67 Prozent.
Woher das Geld kommt
Erstmals fragte der World Gold Council, wie die Notenbanken ihre Goldkäufe finanzieren. Die Hälfte nutzt ein heimisches Ankaufprogramm in eigener Währung und kauft Gold im eigenen Land, statt am Weltmarkt. 38 Prozent verkaufen dafür bestehende Reserveanlagen, vor allem Anleihen und Devisen. Das erklärt zugleich, warum die Schwellenländer beim Goldkauf das Tempo vorgeben: Viele fördern das Edelmetall selbst.
