Zertifikate inkognito

Die nahende Abgeltungssteuer macht Zertifikate für Anleger unattraktiver. Einige Anbieter setzen daher auf Fonds, die wie Zertifikate funktionieren

Wer heute in ein Zertifikat investiert und es nach dem 30. Juni 2009 verkauft, muss die Erträge pauschal mit 25 Prozent versteuern. Anders bei Fonds: Anleger, die vor 2009 investieren, dürfen nach Ablauf von zwölf Monaten nicht ausgeschüttete Kursgewinne steuerfrei behalten – soweit die derzeitige Rechtslage. Einige Zertifikateanbieter basteln daher an neuen Produkten. Diese sollen die Strategien von Zertifikaten mit den Steuervorteilen von Fonds verbinden.
Den Anfang machte die US-Investmentbank Merrill Lynch. Seit Oktober bietet sie über ihre Fondstochter Merrill Lynch Invest in Deutschland zwei Fonds mit Derivatestrukturen an, wie es sie bislang nur bei Zer­ti­fikaten gab. Der ML Global Garant (siehe Tabelle) funktioniert wie ein Garantiezertifikat: Zum Laufzeitende erhalten Anleger pro Fondsanteil garantiert den Erstausgabepreis von 100 Euro plus 9 Prozent zurück. Liegt die durchschnittliche Wertentwicklung des Indexkorbes aus Euro Stoxx 50, S&P 500 und Nikkei 225 über 9 Prozent, zahlt Merrill Lynch Invest zusätzlich den Mehrertrag multipliziert mit dem Faktor 1,25 aus.
Der ML Global Bonus bildet die Struktur eines Bonuszertifikats nach. Das heißt: Merrill Lynch zahlt den Anlegern zum Laufzeitende pro Anteil den Erstausgabepreis von 100 Euro plus 40 Prozent aus. Übersteigt die  Wertentwicklung des Indexkorbes die Bonushöhe, profitieren Anleger vom vollen Zuwachs. Das alles gilt aber nur, wenn während der Laufzeit keiner der drei oben genannten Indizes unter 50 Prozent des Standes vom 31. Oktober 2007 gefallen ist. Ansonsten nehmen Anleger an der Entwicklung des schlechtesten Index teil.
„Derivatestrukturen in Fondsverpa­ckung sind in der gesamten Zertifikatebranche ein heiß diskutiertes Thema, dem sich niemand verschließen kann“, sagt Holger Bosse aus dem Derivategeschäft der Deutschen Bank. Schon jetzt bietet die Bank über ihre Fondsgesellschaft DWS den DWS Europa Bonus Express Offensiv an. Dieser vereint die Strukturen von Bonus- und Expresszertifikaten und hat keine feste Laufzeit. Ein weiteres Produkt der Deutschen Bank soll über DB Platinum Advisors folgen. Dabei wird es sich wahrscheinlich ebenfalls um einen Fonds auf den Euro Stoxx 50 handeln.

Viele Produkte kurz vorm Start
„Auch wir werden in Zukunft verstärkt Fonds mit Strukturen auflegen, die es bislang nur in Zertifikaten gab“, sagt Holger Schmid, Produktmanager für strukturierte Fonds bei der Hypovereinsbank. Den Anfang hat die Bank mit dem HVB Bonus Fonds DJ Euro Stoxx 50 11/2003 gemacht. Zum Laufzeitende am 22. November 2013 zahlt die Hypovereinsbank Anlegern den Erstausgabepreis von 100 Euro plus einen Bonus von 40 bis 45 Prozent aus. Die genaue Bonushöhe legt die HVB am 23. November 2007 fest. Rutscht der Basiswert Euro Stoxx 50 wäh­rend der Laufzeit unter 50 Prozent seines Standes vom 23. November 2007, entfällt der Bonus, und Anleger machen die Verlus­te voll mit. Bis Jahresende sollen weitere Bonusfonds auf den Euro Stoxx 50 folgen.
ABN Amro hat nach eigenen Angaben bereits seit längerem zertifikateähnliche Fonds in der Schublade. „Dahin wird die Zukunft gehen“, sagt Funda Tarhan vom Zertifikate-Team der Niederländer. Geplant seien Bonus- und Garantiestrukturen auf gängige Aktienindizes wie den Dax, Dow Jones und Euro Stoxx 50.
Im Gegensatz zu Zertifikaten sind die neuen Fonds Sondervermögen. Das heißt: Selbst wenn die Anbieter pleitegehen sollten, wäre das Kapital der Anleger sicher. Diesen Schutz müssen sich die Anleger aber teuer erkaufen: So hat der ML Global Garant Fonds einen Ausgabeaufschlag von 4 Prozent und eine jährliche Verwaltungsgebühr von einem Prozent. Für das ähnliche Merrill Lynch Safety-Outperformance-Zertifikat (WKN: ML0 CZH) auf dieselben Basiswerte mussten Anleger bei der Emission Anfang Oktober einen Aufschlag von nur 2 Prozent zahlen. Zudem kommt das Zertifikat ohne jährliche Verwaltungsgebühr aus.

Keine Konkurrenz für Zertifikate
„Ein Fonds ist in der Regel immer teurer als ein Zertifikat“, sagt Jürgen Bulling, der bei Merrill Lynch Invest das Team für strukturierte Produkte leitet und die beiden neuen Fonds entwickelt hat. Die höheren Kos­ten lägen an der aufwändigeren Konstruktion eines Fonds.
Bulling und sein Team arbeiten bereits an weiteren Produkten nach Zertifikateart. „Wir können fast alles, was im Zertifikat möglich ist, auch im Fonds darstellen“, sagt er. Eine Ausnahme seien einzelne Rohstoffe als Basiswerte, die aus rechtlichen Gründen nicht in Fonds gepackt werden dürften. Noch in diesem Jahr will Merrill Lynch einen Fonds mit einem Rohstoffkorb als Basiswert auflegen, der wie ein Garantiezertifikat funktioniert. In Zukunft sollen pro Jahr acht bis neun zertifikateähnliche Fonds folgen.
Als Konkurrenz zu Zertifikaten sehen die Anbieter die Fonds nicht: „Große Themen werden wir künftig eher als Fonds anbieten. Zertifikate eignen sich besser für Nischenthemen“, sagt Bulling. Für die Deutsche Bank und ABN Amro sind die als Fonds getarnten Zertifikate ohnehin eine kurze Erscheinung. „Nach derzeitiger Regelung verlieren neue Fonds ab 2009 gegenüber Zertifikaten ihren Steuervorteil“, sagt Bosse. Daher gebe es dann keinen Anreiz mehr, solche Produkte aufzulegen.

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