Der Zinsanstieg im Jahr 2022 hat für zwei Effekte gesorgt: Anleihen wurden wieder interessant, besonders für diejenigen, die noch keine im Portfolio hatten. Und unter den Aktien gab es eine Rotation – raus aus allem, was als riskanter empfunden wird, hinein in die großen Titel und Indizes.
Insbesondere dieser Effekt hat dazu geführt, dass viele Marktsegmente derzeit günstig sind und fundamental das bieten, was ein Investor sehen möchte: eine gute Ertragslage, die sich zukünftig noch verbessern dürfte. Diese Situation finden wir beispielsweise in Small und Mid Caps, im Gesundheitswesen und auch in Emerging Markets.
Nicht mit Investments bis Zinssenkung warten
Das Verblüffende: Während sich viele Investoren der Unterbewertung dieser Marktsegmente bewusst sind, ist es bisher noch nicht zur erhofften Outperformance gekommen. Für Small und Mid Caps ist die Zinsentwicklung besonders entscheidend. Kleine Unternehmen sind im Durchschnitt höher verschuldet, leiden also stärker unter hohen Zinsen, und haben gleichzeitig einen schwierigeren Zugang zum Kapitalmarkt. Sollte man deshalb mit einer Investition bis zur ersten Zinssenkung warten?
Wenn der Investment Case intakt und überzeugend ist, sollte man zumindest einen ersten Teil des Investments ohne Zögern aufbauen. Denn wenn das Segment erstmal läuft, kommt man oft nicht mehr hinterher.
Bis dahin ist das Risiko aber klar: Man ist in einem Segment investiert, das fundamental attraktiv ist, aber noch nicht performt, während die großen Indizes Rekordhoch nach Rekordhoch erklimmen. Das kann für Anleger ein zumindest psychisches Problem darstellen.
Hochzinsanleihen versprechen hohe Renditen
Die Lösung für dieses Problem liegt wohl in der Anleihenseite. Auch hier hat der Zinsanstieg zu Verzerrungen und Neubepreisungen geführt, die an einigen Stellen rentierliche Investments möglich machen. Solche finden wir in den Bereichen Hochzinsanleihen in Europa und den Emerging Markets, in Mortgage Backed Securities und bei Sondersituationen in Unternehmensanleihen.
Zwei Beispiele: In europäischen Hochzinsanleihen lassen sich aktuell 9,4 Prozent Endfälligkeitsrendite mit einer Duration von 2,6 verdienen. Im Bereich der Mortgage Backed Securities liegt die Rendite bei 8,2 Prozent bei einer Duration von 1,5. In beiden Fällen sind das die Portfoliokennzahlen versierter Spezialisten, nicht der Index-ETFs.
Dank dieser hohen laufenden Einnahmen liegt ein Portfolio dieser und anderer Strategien derzeit bei rund 5,5 Prozent Performance im laufenden Jahr. Im Vergleich mit den rund -0,9 Prozent, die der Index für europäische Anleihen guter Bonität bisher erzielt hat, ist das ein wertvoller Vorsprung. Dieser kompensiert die zeitweise Underperformance der benchmarkfernen Investments auf der Aktienseite.
Im Ergebnis erhält man im Portfolio eine Performance, die der Benchmark ähnlich ist. Und gleichzeitig ist man in Segmente investiert, die mit großer Wahrscheinlichkeit über die kommenden zwölf bis 18 Monate eine überdurchschnittliche Performance möglich machen. Wenn es zu dieser gekommen ist, sollte das Risiko auf der Anleihenseite auch wieder reduziert und in Richtung Investment Grade orientiert werden. Bis dahin erfreut man sich an den laufenden Einnahmen.
Über den Autor:
Marian Henn ist Anlagemanager und Partner beim Vermögensverwalter Allington Investors aus Bad Homburg.
